Donnerstag, 28.10.2021
 
Seit 10:08 Uhr Marktplatz
StartseiteKulturfragen„Theater der Zukunft aufbauen“30.05.2021

Präsident des Deutschen Bühnenvereins„Theater der Zukunft aufbauen“

Machtmissbrauch, Rassismus und mangelnde Diversität - im Jubiläumsjahr steht der Deutsche Bühnenverein vor großen Herausforderungen. Das Theater soll endlich für mehr Menschen ein selbstverständlich zugänglicher Ort werden, so der Präsident des Deutschen Bühnenvereins Carsten Brosda im Dlf.

Carsten Brosda im Gespräch mit Karin Fischer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Oldenburg der 27.05.2021 Carsten Brosda, Hamburgs Kultursenator und Vorsitzender des Bühnenvereins, zu Gast beim Deutschen Bühnenverein im Oldenburgischen Staatstheater - Festrede von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier  (www.imago-images.de / Andre Lenthe)
Carsten Brosda zu Gast beim Deutschen Bühnenverein im Oldenburgischen Staatstheater (www.imago-images.de / Andre Lenthe)
Mehr zum Thema

Deutscher Bühnenverein "Das Theater braucht einen emanzipierten Zuschauer"

Deutscher Bühnenverein besorgt Khuon: AfD greift deutsche Theater an

Mit der Frage, warum manche Menschen nicht ins Theater gehen, beschäftigt sich Carsten Brosda, Hamburger Kultursenator und seit dem letzten Herbst Präsident des Deutschen Bühnenvereins, immer wieder. Tatsächlich nutze nur rund die Hälfte der Menschen in Deutschland die öffentlichen Kulturangebote. Brosda hält es für eine wichtige Aufgabe des Bühnenvereins herauszufinden, warum das so ist.

"Das muss nicht per se ein Problem sein, weil man ja auch sagen kann, ich suche mir außerhalb der öffentlichen Förderung die Deutungsangebote und die Sinnbezüge, die mein Leben füllen. Es wird nur dann problematisch, wenn Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, dass sie von den Angeboten der Kultureinrichtungen nicht gemeint sind. Im englisch-sprachigen Raum, wo man die Frage des Audience Development schon seit ein paar Jahren angeht, kennt man die Formulierung: 'Not for the likes of us.' Damit ist das Gefühl gemeint, das Angebot sei nicht für Leute wie uns. Ich denke, wir müssen es für mehr Menschen zu einer größeren Selbstverständlichkeit machen, eine Kultureinrichtung zu besuchen, ohne ihr gleichzeitig die Aura des Besonderen zu nehmen."

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda spricht bei einer Veranstaltung auf Kampnagel in Hamburg (imago stock&people) (imago stock&people)Brosda: "Kunst darf weh tun"
Die Kunst kann die Gesellschaft weder kitten noch heilen, so Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD). "Aber Kunst kann uns mit aller Brutalität darauf hinweisen, dass etwas nicht in Ordnung ist."

Zugänglichkeit für Theater schaffen

Die Bibliotheken haben es geschafft, zu genau solchen dritten Orten, zwischen privatem Raum und Arbeitsstätte, zu werden. Sie sind öffentliche Räume, die gut betretbar sind, wo sich Menschen wohl fühlen, so Brosda. Eine solche Zugänglichkeit auch für Theater zu schaffen, wird ein Ziel für die Zukunft sein. Es müssen Kommunikationskanäle geschaffen werden, um alle gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen, glaubt Carsten Brosda.

"Die Häuser müssen nicht nur für die Vielfalt einer Stadtgesellschaft arbeiten, sondern aus der Vielfalt heraus. Und dazu muss man sich fragen, wer ist denn am Theater überhaupt repräsentiert? Oft haben wir schon bei der Aus-bildung eine Verengung auf bestimmte Milieus, die dann später auch die Ensembles speisen und die Regiehandschrift entwickeln. Darum müssen wir uns kümmern, wenn wir wirklich wollen, dass eine Gesellschaft sagt: das sind unsere Häuser und das ist unsere Öffentlichkeit, die dort entsteht. Es gibt da auch kein Patentrezept, aber tatsächlich wollen wir zugänglicher werden und Barrieren abbauen. Ich glaube, in den Stoffen man kann genauso arbeiten wie bisher. Die Frage ist eher, mit welchem Habitus kommt die Institution Theater daher?"

Das Maxim Gorki Theater in Berlin ist im Abendlicht von außen rot angestrahlt.  (picture alliance/dpa | Annette Riedl) (picture alliance/dpa | Annette Riedl)Machtmissbrauch an deutschen Theatern
Die Klagen über Machtmissbrauch und Mobbing an deutschen Theatern häufen sich. Für den Direktor des Deutschen Bühnenvereins ist die Aufarbeitung dieser Fälle auch Ausdruck eines Generationswechsels.

Beschwerdekultur außerhalb der Häuser aufbauen

Auf die Frage, wie sich der Bühnenverein positioniert in Bezug auf Fälle wie in Düsseldorf, wo es um rassistische Äußerungen ging oder wie am Gorki-Theater Berlin um Machtmissbrauch und verbale Übergriffigkeit, antwortet Brosda:

"Ich weiß nicht, ob der Bühnenverein gut beraten ist, quasi in so einer nachsorgenden Rolle immer hinterherzulaufen und dann zu kommentieren, was an den Häusern passiert. Es ist doch vollkommen klar, dass es keinen Rassismus und keine sexistischen Übergriffe geben darf. Wir müssen uns darum kümmern, dass Menschen ohne Angst verschieden sein können. Die Frage ist eher, wie normieren wir, wie wir miteinander arbeiten wollen? Und wie setzen wir das dann um? Wir haben ja einen Kodex. Der bezieht sich auf sexuelle Übergriffe und sexuelle Diskriminierung, aber wir müssen ihn erweitern. Es geht darum, dass es eine Beschwerdestruktur außerhalb der Häuser gibt. Denn wenn so etwas passiert, trauen sich die Betroffenen oft nicht, sich an ihre Vorgesetzten zu wenden, weil sie sagen: Ich bin doch schon in diesem Geflecht drin."

Das Schauspielhaus in Düsseldorf mit einem roten Banner (dpa / picture alliance / Martin Gerten) (dpa / picture alliance / Martin Gerten)Rassismus-Debatte am Schauspiel Düsseldorf
In der Debatte um Rassismus kritisieren 1.400 Theaterschaffende mit einem offenen Brief die Äußerungen des Dramaturgen Bernd Stegemann. Schauspieler mit migrantischem Hintergrund hätten alle Rassismuserfahrung, sagt der Regisseur Marco Damghani.

Pandemiebedingt waren die Theater vielerorts über viele Monate geschlossen, so dass auch Carsten Brosda, als Präsident des Deutschen Bühnenvereins, erst jetzt wieder in den Genuss - nicht nur von digitalen Aufführungen - kommt. Ein Glück, dass uns die Pandemie nicht vor 30 Jahren getroffen hat, meint Brosda, wo es solche Möglichkeiten noch gar nicht gab. Jetzt haben viele Ensembles und Regisseure mit Hilfe des Digitalen neue Ideen entwickelt, die über das bloße Abfilmen und Streamen einer Aufführung weit hinausgehen.

Der Deutsche Bühnenverein hat seit seiner Gründung vor 175 Jahren die Aufgabe, für die Rahmenbedingungen zu sorgen, damit Theater in seiner Vielfalt entstehen kann. In der jetzigen Situation werden auf Grund der aufgenommenen Kredite, der geringeren Steuereinnahmen der Kommunen, und der möglicherweise nicht in gleicher Zahl zurückkehrenden Zuschauer einige finanzielle Schwierigkeiten auftreten. Auch aus diesem Grund müsse man die Bedeutung der Theater in der Gesellschaft herausstellen, so der Präsident des Deutschen Bühnenvereins Carsten Brosda. Das sei auch die Aufgabe des Bühnenvereins als Forum der reichhaltigsten Bühnenlandschaft der Welt. 

Entststehung des Deutschen Bühnenvereins
Vor 175 Jahren im Jahr 1846 wirkte Ferdinand Wilhelm Adam Freiherr von Gall als Theaterdirektor in Oldenburg. Als Jurist ärgerte er sich wohl über die häufig vertragsbrüchigen Künstler, die einfach die Spielstätte verliessen, wenn sie von einem anderen Theater ein besseres Angebot bekamen. So hat er einiges erfunden, erarbeitet und in die Wege geleitet, um den Künstlerinnen und Künstlern, die ja auch zum fahrenden Volk zählten, etwas mehr Verlässlichkeit und Disziplin beizubringen. Natürlich war es ein Geben und Nehmen, die Verträge waren für beide Seiten gut: Heute gehören zu den Errungenschaften des Deutschen Bühnenvereins die Schaffung von besseren Arbeitsbedingungen für Schauspielerinnen und Schauspieler, die Einrichtung einer Pensionskasse, aber auch die Institution des Theaterarztes.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk