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Startseite@mediasres"Natürlich kann sich so was wiederholen"16.08.2018

Presserat zum Geiseldrama von Gladbeck"Natürlich kann sich so was wiederholen"

Beim Gladbecker Geiseldrama hätten sich Journalisten zum Werkzeug von Verbrechern gemacht, sagte Lutz Tillmanns vom Deutschen Presserat im Dlf. Damit so etwas nicht wieder passiere, wurden der Pressekodex geändert und neue Verhaltensgrundsätze etabliert - ausschließen könne man das aber nicht.

Lutz Tillmanns im Gespräch mit Antje Allroggen

Der Entführer Hans-Jürgen Rösner steht mit einer Pistole in der Hand vor einer Traube von Journalisten, die ihm Mikrofone entgegenstrecken und mit Kameras filmen. (dpa / Thomas Wattenberg)
Der Entführer Hans-Jürgen Rösner beantwortet am 17.08.1988 in Bremen Fragen von Journalisten (dpa / Thomas Wattenberg)
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Antje Allroggen: Vor genau 30 Jahren begann an diesem Donnerstag das Gladbecker Geiseldrama. Davon haben Sie heute sicherlich schon gehört. Wir wollen an dieser Stelle nicht noch einmal den Fall aufrollen, wohl aber über die Rolle der Medien sprechen. Denn was sich damals ereignete, waren nicht nur erschütternde Stunden für die Opfer und deren Angehörigen, sondern setzten die Arbeit von Politik, Polizei und auch den Medien in ein regelrecht "erbärmliches" Licht - so formuliert Heribert Prantl heute in der "Süddeutschen". Die Räuber gaben auf ihrer Flucht Interviews, sie telefonierten mit Zeitungs- und Fernsehredaktionen. - Den Sie da gerade als Interviewer hörten, war Hans Meiser für RTL.  Die Polizei ließ all das geschehen, und die Journalisten holten sogar Kaffee.

Ich habe heute mit dem Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns, über das Geiseldrama gesprochen. Wodurch war es damals überhaupt möglich, dass sich so ein journalistischer Sündenfall - so bezeichnet von der "Zeit" - überhaupt ereignen konnte

Lutz Tillmanns: Ja, ich glaube, das war bestimmt mit ein Grund, dass die neuen Medien, privaten Medien eben mit ans Laufen gingen, Anfang der 80er-Jahre. Darüber hinaus sicherlich auch die Tatsache, dass die Verbrecher über die Wirkung von Medien und von Öffentlichkeit irgendeine Vorstellung hatten. Und insgesamt ja der Vorwurf auch, dass die Journalisten eben den Verbrechern dabei eine beispiellose öffentliche Bühne geboten haben. Das war sicherlich so die Hauptkritikfläche.

"Eine Konkurrenz, die ja alle verspürt haben"

Allroggen: So, wie Sie es gerade formuliert haben, kommen wir Öffentlich-Rechtlichen ja ganz gut weg. Wir haben auch gerade Hans Meiser gehört von RTL. Auf der anderen Seite gab es Pressekonferenzen, die direkt in die "Tagesschau" kamen. So ganz unschuldig …

Tillmanns: Ich hab damit jetzt auch die Öffentlich-Rechtlichen durchaus nicht aus der Schusslinie nehmen wollen. Es kamen einfach nur die Privaten mit hinzu. Das war eine Konkurrenz, die ja alle verspürt haben. Und es bleibt ja auch nicht von ungefähr so, dass da alle Medien mit involviert waren.

Allroggen: Also war es so etwas wie eine Meute, die das erste Mal sich zusammentat?

Tillmanns: Ja, in der Tat.

Porträt von Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserates, aufgenommen am 07.03.2018 in Berlin  (dpa / Soeren Stache)Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserates (dpa / Soeren Stache)

Allroggen: Waren die wirklich berauscht? Es ist jetzt nachzulesen auch von einem Journalisten, der damals dabei war, der frühere Redakteur vom Kölner "Express", alle wären, Zitat, "geil auf die Story" gewesen. Können Sie sich diesen berauschten Zustand irgendwie erklären?

Tillmanns: Ich kann mal zunächst mir vorstellen, dass da natürlich das Produzieren von Bildern und von O-Tönen Hauptanliegen ist, und dann nimmt einen so eine Situation natürlich auch mit. Und ich habe auch in vielen Begegnungen mit Akteuren aus der damaligen Zeit und auch aus dem Kontext Gladbeck gesprochen, die mir das auch bestätigt haben.

Neue Verhaltensgrundsätze, Erweiterung des Pressekodex

Allroggen: Wie kann das eigentlich sein, dass es 30 Jahre braucht nach diesen Geschehnissen, dass immer noch Traumatisierungen, Verletzungen da sind? Jetzt hat sich zum Beispiel die damalige Geisel Ines Feutl zu Wort gemeldet und erhebt heute noch schwere Vorwürfe gegen Polizei, Sicherheitsbehörden und eben auch die Medien. Und auch das Land Nordrhein-Westfalen hat sich ja lange weggeduckt und jetzt erst zu Wort gemeldet mit dem Ministerpräsidenten Armin Laschet, der schwere Polizeifehler einräumte, von einer Lebenslüge sprach, auch heute in diesem Programm. Gab es da schon eher vielleicht in den Medien eine ich sag mal kritische Selbstreflexion, oder setzt das auch erst jetzt ein?

Tillmanns: Es fing ja schon auch mit unmittelbaren Stellungnahmen an. Der Presserat hat sich damals auch sehr kritisch und sehr öffentlich, hat das stigmatisiert, dieses Fehlverhalten, hat das also verurteilt. Aber das ist damit natürlich nicht aus der Welt.

Wir haben dann sehr intensiv auch mit Polizei und mit der Innenministerkonferenz gesprochen und haben dann Polizei-/Presse-Verhaltensgrundsätze etabliert, die genau solche Lagen eben auch beschreiben und da die Aufgabe der Polizei und der Medien mal definieren. Dann gab es natürlich auch im Bereich der Presse Beschwerden, die wir bearbeitet haben. Und wir haben den Pressekodex verändert oder erweitert, denn da waren auch Lücken drin, was genau diese Lage anging.

Allroggen: Was genau hat sich geändert seit Gladbeck in dem Kodex?

Tillmanns: Wir haben im Kodex in dem Kontext Sensationsberichterstattung eine ausdrückliche Regelung, die besagt, dass die Presse eben über solche Gewalttaten und solche Vorgänge unabhängig und authentisch berichtet und sich dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen lässt oder sich selbst macht. Das ist ja passiert in Gladbeck.

Und vor allen Dingen übernimmt sie, die Presse und damit alle Journalistinnen und Journalisten keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei. Auch das sind ja gravierende Fehler gewesen damals, dass Live-Interviews mit Rösner und Degowski und Live-Interviews auch mit den Opfern, auch mit Silke Bischoff, die ja nachher getötet worden ist, gemacht haben. Und das ging alles nicht, und das, hofft man ja auch, wiederholt sich nicht.

"Mit unseren ethischen Richtlinien beitragen, dass so etwas nicht mehr passiert"

Allroggen: Wiederholt es sich wirklich nicht? Es gab natürlich nach Gladbeck Ereignisse in denen die Beziehung zwischen Medien und Polizei auf den Prüfstand gestellt worden ist, etwa wenn es um die Berichterstattung von Amokläufen ging oder auch Stichwort G20. Reichen die im Kodex geregelten Verhaltensgrundsätze noch aus, oder wäre es an der Zeit, sie noch mal zu aktualisieren?

Tillmanns: Kodex-Grundsätze müssen immer wieder mal aktualisiert werden. Aber ich denke, was das Thema Gladbeck angeht, diese schon im Moment ausreichen. Wir haben zwar nach Gladbeck immer wieder noch Geiselnahmen und Entführungsfälle gehabt, wo auch Medien beteiligt waren. Die sind aber medial insgesamt doch etwas zurückhaltender abgelaufen. 1994/95 Celle und Fulda-Driedorf, das ging auch durch die Republik, aber da waren dann auch immer Medien mit dabei, die das sehr kritisch betrachtet haben, und das hat unmittelbar auch immer zu einer Diskussion und zu einer Reflexion innerhalb der Branche selbst geführt.

Und ich glaube auch, dass jetzt durch Aufkommen des Internets sich solche Medien, die sich nun komplett gegen den Kodex und gegen Regeln benehmen würden, sich dann also auch einer breiten Kritik aus der Gesellschaft ausgesetzt sehen. Wir müssen uns als Journalismus ja auch professionell benehmen, und dafür sind eben solche Regeln im Pressekodex da.

Allroggen: Könnte sich so etwas wie Gladbeck 2018 also nicht noch einmal wiederholen?

Tillmanns: Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Natürlich kann sich so was wiederholen. Ich hoffe, dass es nicht passiert. Und wenn es passieren sollte, Entführungsfälle, dass sich da die Medien professioneller mit benehmen. Und ich hoffe jedenfalls, dass wir hier mit unseren ethischen Regeln und mit den Diskussionen, die wir da auch mit führen in der Branche oder in der Gesellschaft, dass wir dazu beitragen, dass das eben nicht mehr passiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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