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Prostatakrebs-Behandlung
Überwachen statt operieren

Die Stiftung Männergesundheit fordert ein Umdenken bei der Therapie von Prostatakrebs. Niedrig-Risiko-Prostatakarzinome müssten nicht direkt operiert werden. Eine neue Studie zeige, dass Abwarten und eine regelmäßige Überwachung oft ausreichen würden.

Von Marieke Degen | 22.04.2014

Blick auf einen Operationstisch, auf dem ein Patient liegt, dessen Prostatabereich zu sehen ist. Um in herum drei in blaue Kittel gekleidetes Krankenhaus-/Operationspersonal mit Geräten zur Operation.
Operation an der Prostata: Eine OP kann Patienten inkontinent machen. (dpa/picture alliance/Hans Wiedl)
Hanns-Jörg Fiebrandt hat Prostatakrebs. Als er die Diagnose bekommen hat, wollte ihm sein Urologe am liebsten sofort die Prostata entfernen.
"Der wollte mich gleich innerhalb von kürzester Zeit zur Operation schicken, und da hat es bei mir irgendwo geklingelt, da hab ich mir gesagt, was? Warum hat der's so eilig? Und dann sagte ich mir: Nö. Jetzt erst mal abwarten."
Hanns-Jörg Fiebrandt informiert sich. Er spricht mit Ärzten und Betroffenen - und entscheidet sich gegen eine Operation. Stattdessen lässt er sich alle drei Monate untersuchen, den PSA-Wert bestimmen, die Prostata abtasten. So geht das seit mittlerweile 13 Jahren.
"Ich habe keine Beschwerden, ich fühl mich seelisch stabil, eine nette Partnerin - es geht mir gut!"
Eingriffe in den meisten Fällen überflüssig
Hanns-Jörg Fiebrandt hat ein sogenanntes Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom. Das ist eine Form, die nur sehr langsam wächst und nicht lebensbedrohlich ist. Rund die Hälfte aller Prostatakarzinome, die hierzulande diagnostiziert werden, fallen in diese Kategorie. Doch behandelt werden sie genau wie die bösartigen, sagt der Urologe Lothar Weißbach von der Stiftung Männergesundheit.
"Die Niedrig-Risiko-Krebse werden in Deutschland traditionell, wie es für jeden Prostatakrebs gilt, in den meisten Fällen operiert, bei einem kleineren Teil auch bestrahlt."
Die Betroffenen können dadurch impotent und inkontinent werden, was ihre Lebensqualität stark beeinträchtigt. Lothar Weißbach ist überzeugt, dass die Eingriffe in den meisten Fällen überflüssig sind.
"Das Konzept, was wir vertreten, ist völlig neu: Nichts tun, und nur überwachen."
Die Stiftung Männergesundheit plädiert beim Niedrig-Risiko-Karzinom für die aktive Überwachung. Das heißt: Die Patienten lassen sich alle drei Monate untersuchen: PSA-Wert, Tastbefund, bei Bedarf wird eine Biopsie gemacht. Operiert wird nur dann, wenn es nötig wird - sonst nicht. Lothar Weißbach und sein Team haben die aktive Überwachung jetzt in einer großen Studie untersucht. Das Konzept sei für niedergelassene Ärzte in Deutschland machbar, sagen sie - und für die Patienten sicher.
"In der Regel können wir alle drei Monate den Betroffenen sagen, dein Krebs hält Ruhe, du kannst weiter in der aktiven Überwachung bleiben, wenn es gefährlich werden sollte, zeigt uns einer der drei Untersuchungsergebnisse die Gefahr an."
Urologe: "Mehr Überwachung, weniger Operation"
Für die Studie haben sich 500 Patienten überwachen lassen, jeder über einen Zeitraum von zwei Jahren. Bei etwa jedem vierten hat sich der Krebs doch als aggressiv herausgestellt, sie mussten dann operiert oder bestrahlt werden. Aber die Mehrheit - fast dreiviertel der Patienten - kam bislang ohne Operation aus. Lothar Weißbach hofft auf ein Umdenken in der Ärzteschaft:
"Immerhin waren in unserer Studie fast ein Fünftel der Ärzte, jeder fünfte war bereit, eine solche aktive Überwachung durchzuführen. Die Zahl ist im Verlauf der Studie ständig gestiegen und ich glaube, dass wir irgendwann den Schalter umlegen können: mehr Überwachung, weniger Operation."
Allerdings: Die aktive Überwachung ist nicht für alle Patienten mit einem Niedrig-Risiko-Karzinom geeignet. Manche haben einfach keine Lust, alle drei Monate zum Urologen zu gehen. Für andere ist die psychische Belastung, mit einem Tumor zu leben, einfach zu groß. Hanns-Jörg Fiebrandt hat sich damals fürs Abwarten entschieden - für ihn war das der richtige Weg, sagt er. Männern, die ein Niedrig-Risiko-Karzinom diagnostiziert bekommen, kann er nur einen Rat weitergeben:
"Wir hatten mal einen Arzt, einen selber betroffenen Arzt in unserer Selbsthilfegruppe. Der sagte immer den Satz: Sie haben alle Zeit der Welt. Sie haben Zeit, sich über alle möglichen, über ihre Diagnosemöglichkeiten, über ihre Therapiemöglichkeiten zu informieren, die hat man einfach."
Die Vorteile des Abwartens - Prof. Thorsten Schlomm im Gespräch über die Studie der Stiftung Männergesundheit (Deutschlandfunk - Sprechstunde, 22.04.2014)