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StartseiteInterview"Die Lage in Venezuela ist sehr kritisch"05.07.2019

Proteste gegen Maduro"Die Lage in Venezuela ist sehr kritisch"

Venezuela erlebt durch die Maduro-Diktatur einen gewaltigen Exodus. Dies sei nicht nur ein Problem für Lateinamerika, sondern für die ganze Welt, sagte Otto Gebauer, Vertreter des venezolanischen Übergangspräsidenten Juan Guaidó in Deutschland, im Dlf. Es müsse endlich wirklich freie Wahlen geben.

Otto Gebauer im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Polizisten nehmen einen Demonstranten in Caracas am Rande von Protesten gegen Präsident Maduro fest. (picture alliance / Citypress)
Venezolanische Sicherheitskräfte seien verantwortlich für willkürliche Festnahmen und Folter von Oppositionellen - so die UN (picture alliance / Citypress)
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Christoph Heinemann: Übergangspräsident Juan Guaido hat für diesen Freitag zu Protesten aufgerufen. Mit welchem Ziel?

Otto Gebauer: Das Ziel besteht darin, nicht nur für die ganze Welt weiterhin auf die Diktatur in Venzuela hinzuweisen, sondern auch auf die große Ablehnung dieser Diktatur durch das venezolanische Volk, wegen der Gewalttaten, die verübt wurden. Wir schreiten weiter auf dem demokratischen und friedlichen Weg. Obwohl uns diese Diktatur mit Schüssen, Haft, Folter und Mord geantwortet hat.

"Drogenhandel in den Streitkräften"

Heinemann: Sie haben von einem friedlichen Weg gesprochen. Schließen Sie eine militärische Option zur Lösung der venezolanischen Krise aus?

Gebauer: Das Problem ist kompliziert. Militärische Lösung: wenn wir über die venzolanischen Streitkräfte sprechen, die sind sehr stark von Korruption durchsetzt. Außerdem von Milizen aus Castros Kuba, die jeden denunzieren, der sich gegen Nicolas Maduro erhebt. Wir möchten dazu beitragen, dass der internationale Druck die Diktatur dazu verpflichtet, der Verfassung zu entsprechen, damit tatsächlich freie Wahlen stattfinden können, mit denen die Menschen in Venezuela über unsere Zukunft entscheiden können.

Heinemann: Wie hat sich Hugo Chavez die Unterstützung des Militärs gesichert?

Gebauer: Das war ein langer Prozess, den Hugo Chavez 2002 begonnen hat. Seit dem 11. April wurde die Basis der Streitkräfte systematisch zerstört. Viele Berufsoffiziere zogen sich zurück. Es stiegen Leute auf nur wegen ihrer Treue zur Revolution. Große Geldsummen waren im Spiel und der Drogenhandel breitete sich in den Streitkräften aus.

Heinemann: Wieso hält sich Nicolas Maduro an der Macht?

Gebauer: Er hält das venezolanische Volk in einem Zustand der Unterwerfung. Die Leute sind mit den Erfordernissen des täglichen Lebens beschäftigt: Elektrizität, Wasser. Und mit Polizeigewalt. Er verfügt über eine Art Prätorianergarde: der Geheimdienst Sebin, Nationalgarde, Milizen, die FARC. Wenn wir Venezolaner auf die Straße gehen, um zu demonstrieren, antworten sie uns mit Repression. Deshalb hat sich Nicolas Maduro an der Macht gehalten.

"Venezolaner benötigen humanitäre Hilfe"

Heinemann: Unter welchen Bedingungen leben die Menschen?

Gebauer: Unter sehr unsicheren. Ein Land mit günstigem Klima und fruchtbarem Boden, das während des ganzes Jahres Lebensmittel produzieren könnte, produziert keine Lebensmittel. Sieben Millionen Venezolaner benötigen humanitäre Hilfe. Die Regierung hat die Industrie zerstört, die Lebensmittel- und die medizinische und die gesamte Produktion, um die Bevölkerung kontrollieren zu können. Es fehlt elektrische Energie. Die Menschen verfügen über kein Trinkwasser, was man in Caracas häufig sehen kann. Menschen, die ihr Wasser aus dem größten Fluss Guaire holen. Dann die Unsicherheit: 26.000 Opfer im vergangenen Jahr. Das venezolanische Volk überlebt unter prekären Bedingungen und ist mit einer grausamen und blutigen Diktatur konfrontiert. Die Lage in Venezuela ist sehr kritisch. Ich sage allen Leuten, sie mögen bitte den Fall Venezuela aufmerksam verfolgen.

Vier Millionen Venezolaner haben als Folge dieser Lage das Land verlassen, um irgendwo in einem Land in Lateinamerika überleben zu können. Es ist wirklich alarmierend. Das Volk lebt von einem Tag zum anderen. Venezuela bildet nicht nur ein großes Problem für Lateinamerika, sondern wegen des gewaltigen Exodus´, ausgelöst durch die Dikatur des Nicolas Maduro, auch für die ganze Welt.

Heinemann: Daniel Kriener, der deutsche Botschafter, kehrt nach Venezuela zurück im Zusammenhang mit einer Normalisierung der diplomatischen Beziehungen. Ist das ein Erfolg für Nicolas Maduro?

Gebauer: Nein, das glaube ich nicht. Es war eine Reaktion. In der vergangenen Woche hat die Bundesregierung meine Konditionen als Vertreter des Übergangspräsidenten Juan Guaidó geregelt. Sofort gab es darauf eine Reaktion.

"Deutsche Linke sind Wäschereiphilosophen"

Heinemann: Welche ist Ihre Aufgabe in Deutschland?

Gebauer: Die Interessen Venezuelas in diesem Land zu vertreten. In einer besondere Lage: wir haben eine Diktatur und eine demokratische Regierung. Wir arbeiten für die Interessen Venezuelas und der Venezolaner und suchen die Unterstützung der deutschen Bundesregierung, um die tiefe Krise der Diktatur in Venezuela zu lösen, die seit nunmehr 21 Jahren das venezolanische Volk unterdrückt.

Heinemann: Was antworten Sie der Partei die Linke, die die Entscheidung der Bundesregierung kritisiert hat, Juan Guadio als Übergangsopräsidenten anzuerkennen?

Gebauer: Die Linke: Ich nenne die immer Wäschereiphilosophen, weil sie ihre Ideen reinwaschen wollen. Wir haben doch hier die Erfahrungen mit der DDR gemacht. Die ist zusammengebrochen. Und noch heute zahlt man bedauerlicherweise eine Abgabe für die Wiedervereinigung, für das Desaster der Linken in all den Jahren. Sie sollten ihre Fehler korrigieren. Und bevor sie mitreden, sollten sie die Verfassung von Venezuela kennenlernen. Die deutsche Linke raubt mir nicht den Schlaf.

"Ich bin ein Demokrat"

Heinemann: Es gibt Kritik, weil Sie wegen Ihrer Verstrickung in den Staatsstreich gegen Hugo Chavez von April 2002 im Gefängnis gesessen haben. Sie haben als Offizier Chavez auf die Insel La Orchila gebracht und ihn dort gefangen gehalten. Sind Sie ein lupenreiner Demokrat?

Gebauer: Wir müssen über den 11. April 2002 sprechen, der mit einem Staatsstreich von Pedro Carmona Estanga endete in der Nacht des 12. April. Ich war einer der Offiziere, die Chavez bewacht haben. Seine Menschenrechte und seine körperliche Unversehrtheit waren garantiert. Das war mein Vergehen. Ich habe zwölf Jahre lang im  Gefängnis gesessen. Und seither arbeitet ich politisch in Venezuela, um zur Demokratie zurückzukehren. Ich bin ein Demokrat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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