Montag, 28. November 2022

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Publikationen zu Luthers Bildpolitik
Eine Art Popstar der frühen Neuzeit

Ohne den Maler Lucas Cranach wäre der Reformator Martin Luther wohl kaum so bekannt geworden. Warum Cranachs Luther-Porträts so wirkmächtig waren, zeigt unter anderem Thomas R. Hoffmann in dem Buch "Luther im Bild – eine Ikone wird geschaffen".

Von Christian Gampert | 18.10.2017

    Porträt des Reformators Martin Luther, Ölgemälde auf Holz. von Lukas Cranach dem Älteren von 1528. Das Bild hängt in der Lutherhalle in Wittenberg, dem größten reformationsgeschichtlichen Museum der Welt. Die von Lucas Cranach und seiner Werkstatt ab 1520 geschaffenen Bilder sind als Grundtypen bis heute prägend für die Vorstellung von Martin Luther.
    Porträt des Reformators Martin Luther, Ölgemälde auf Holz. von Lukas Cranach dem Älteren von 1528. Das Bild hängt in der Lutherhalle in Wittenberg, dem größten reformationsgeschichtlichen Museum der Welt. ((c) dpa - Bildarchiv)
    Zwei Medien haben die politische Wirkung Martin Luthers enorm unterstützt, wenn nicht sogar erst hervorgerufen: der gerade erst erfundene Buchdruck, über den Luthers Schriften verbreitet wurden, und die Luther-Bildnisse vor allem von Lucas Cranach, durch die man nun wissen konnte, wie der Mann überhaupt aussah, von dem alle Welt redete.
    Nicht Luther selber, aber seine Anhänger betrieben mit den Luther-Porträts durchaus Politik, Bild-Politik: der Mann war eine Art Popstar der frühen Neuzeit, schon vor 1521 – also bevor er überhaupt auf den Wormser Reichstag reiste, um sich als Widerständler zu erweisen.
    Dass ausgerechnet Luther, der die Anbetung von Heiligenbildern untersagte und die Kirchen von Bildwerken säubern ließ, durch die Macht seines Abbilds politische Wirkung erzielen sollte, ist natürlich ein Witz der Weltgeschichte. In einem fast lehrbuchhaft übersichtlichen Bildband führt der Berliner Kunsthistoriker Thomas R. Hoffmann nun vor, wie die künstlerische Darstellung des Reformators sich mit dessen wachsender Berühmtheit wandelte und vor allem: wie sie der jeweils veränderten strategischen Lage angepasst wurde. Wichtigster Luther-Ikonograph, ja – Propagandist, ist Lucas Cranach der Ältere, seit 1505 in Wittenberg Hofmaler von Friedrich dem Weisen. Luther wird 1512 Professor in Wittenberg.
    Thomas Hoffmann: "Und die beiden freunden sich an. Und wir wissen, dass Luther Taufpate des Cranach-Kindes ist, und später Cranach der Taufpate von dem ersten Luther-Sohn. Dementsprechend könnte man denken, dass Cranach das Privileg hatte, Luther zu malen, zu konterfeien, und sonst keiner."
    Albrecht Dürer kommt nicht zum Zug - aus politischen Gründen
    Obwohl der in Nürnberg ansässige Albrecht Dürer inständig darum bittet, den immer berühmter werdenden Luther in Kupfer stechen zu dürfen, steht dieses Recht Cranach zu. Das hat auch politische Gründe: Dürer hatte 1519 den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg in einem Kupferstich porträtiert – als machtbewussten, im Luxus lebenden Kirchenmann.
    Cranachs erstes Luther-Porträt von 1520, ebenfalls in Kupfer, wirkt nun wie eine Antwort auf Dürers Bildnis des leicht verfetteten Kardinals: Cranach zeigt Luther als asketischen Mönch, arm, kantig, bescheiden, ein Buch in der Hand: nur die Schrift gilt, die Bibel, sola scriptura. Schon hier wird Luther ideologisch aufgebaut als Mann des Volkes, als Gegenentwurf zum mächtigsten Kirchenfürsten des Heiligen Römischen Reiches.
    Etwa 200 Abzüge konnte man von solchen Graphiken machen; sie wurden vor allem in einflussreichen Kreisen verbreitet, bei Fürsten und Patriziern. Und die Tabubrüche gehen weiter: die nächste Provokationsstufe, die Thomas Hoffmann in seiner Fibel vorführt, ist (wieder von Cranach): Luther als Gelehrter mit Doktorhut – und zwar im reinen Profil. Das war eigentlich nur den Mächtigen vorbehalten – das Profil diente oft als Vorbild für Münzprägungen. Auch Luther kam 1521 auf eine Münze – und wurde auf seinem Weg nach Worms vom Volk gefeiert.
    Thomas Hoffmann: "Und wenn man sich das bewusst macht, wenn man die Bildtradition sich klar macht, dass noch im Jahrhundert zuvor, im 15. Jahrhundert, bis kurz vor diesem Porträt im reinen Profil nördlich der Alpen nur der Kaiser dargestellt werden durfte, und dass jetzt, mit diesem Bruch, mit dieser Reichs-Acht auf einmal der Luther im reinen Profil auftaucht und damit diese Macht demonstriert in Form dieses reinen Profils, mit diesem Doktorhut, dass es hier jetzt um die Macht des Wissens, um die Macht des Gelehrtseins geht - …. das ist sicherlich das Revolutionärste, was passiert."
    Luther beugt sich der katholischen Obrigkeit nicht – er muss 1521 vom Wormser Reichstag fliehen, angeblich wird er entführt. Als "Junker Jörg" arbeitet er auf der Wartburg, und die jetzt nicht mehr gestochenen, sondern gemalten Bildnisse Cranachs dienen nun ganz journalistisch der Meldung: Luther lebt. Auf der Wartburg ändert der verfolgte Luther sein Outfit, schon aus Gründen der Tarnung: keine Tonsur mehr, sondern Haarschopf und Bart. Aber auch das passt ins Popstar-Profil.

    Dann Luthers Heirat. Der Zölibat-Gegner bricht mit einem zentralen Gebot der Kirche, und das Revolutionäre dieses Aktes spiegelt sich auch in Cranachs Darstellungsform: kleine, nur 10 Zentimeter hohe Kapselbildnisse von Luther und Katharina von Bora, die – leicht obszön – sogar gegeneinander geklappt werden können. Das ist ganz intim – die ersten Rundbildnisse der deutschen Renaissance. Auch Cranachs spätere Gelehrtenporträts, Luther und Melanchthon, sind stets Doppelporträts, zwei Intellektuelle, die sich aufeinander beziehen.
    Die nächste Steigerungsstufe bei Cranach ist dann das Ganzkörperporträt, aber das wird erst dem toten Luther zuteil.
    Holzschnitt von Martin Luther (1483-1546) von Lucas Cranach, dem Älteren, in einem Buch von 1546; hier in der Ausstellung "Zwischen Venus und Luther" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg
    Holzschnitt von Martin Luther (1483-1546) von Lucas Cranach, dem Älteren, in einem Buch von 1546; hier in der Ausstellung "Zwischen Venus und Luther" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (imago/epd)
    Im 19. Jahrhundert wird Luther zum Natinalhelden aufgebaut
    Thomas Hoffmann: "Wenn man sich klarmacht, dass kurz zuvor erst Karl V. in diesem berühmten Bild von Seisenegger in Wien, das wir auch von Tizian kennen aus dem Prado in Madrid, mit seiner Dogge eben dargestellt worden ist, und dass man dann den Luther, kurz nach seinem Tod wohl, im ganzen Körper darstellt, das ist ein wirklich politischer Akt."
    Im 19. Jahrhundert, der Autor Thomas Hoffmann macht da einen großen Sprung, wird der Luther-Kult enorm politisiert: in der Tradition der akademischen Malerei und mit subtiler Lichtregie wird Luther zum Nationalhelden aufgebaut, ein Schriftgelehrter, der für die erwünschte deutsche Einheit steht und bisweilen auch für den Kulturkampf gegen die katholische Kirche.
    Da Luther schon im 19. Jahrhundert Projektionsfläche für allerlei Wünsche war, nimmt es nicht wunder, dass diese Figur auch ein Angebot für die Gegenwartskunst ist. Anlässlich des Reformations-Jubiläums hat die Evangelische Kirche unter dem Titel "Luther und die Avantgarde" eine Ausstellung im Alten Gefängnis Wittenberg gesponsert, in der Künstler von Markus Lüpertz bis Ai Wei Wei sich auf Luthersches Gedankengut beziehen sollten.
    Wichtiger als die künstlerischen Positionen, von denen die allermeisten auch ohne Luther auskommen, sind die Einlassungen von Intellektuellen im Katalog. Der weitaus beste Katalogbeitrag stammt von Wolfgang Ullrich, dem wahrscheinlich originellsten Kunstsoziologen der Gegenwart. Ullrich erklärt Luthers Wirkung aus dessen Eintreten gegen das "Kommerzium", also gegen die Möglichkeit vor allem der Reichen, sich durch Ablassbriefe von ihren Sünden freizukaufen. Die Armen hatten solche Chancen nicht, während die Reichen, die Stifter von Bildern und Kirchen und Käufer von Ablässen, zu Gott quasi eine Handelsbeziehung unterhielten. Diese Ungleichbehandlung der Gläubigen habe zu Beginn der Neuzeit den sozialen Frieden gefährdet…
    Ullrich schlägt dann einen weiten Bogen von der protestantischen Bilderfeindlichkeit zum heutigen Kunstbetrieb, in dem die Spätfolgen einer katholischen, quasi "gegenreformatorischen Künstlernobilitierung" zu erkennen seien.
    Das berüchtigte, bisweilen außerhalb der Legalität operierende "Zentrum für Politische Schönheit" dient Ullrich als Beispiel für eine Kunstauffassung, die für sich Sonderrechte beanspruche. Die spektakulären Beerdigungsaktionen der Gruppe mit Flüchtlingsleichen appellierten an das schlechte Gewissen des Publikums, das "partizipativ" eingebunden werde. Die protestantische, nüchterne, modernere Haltung verkörpere der Plakatkünstler Klaus Staeck, der sich lediglich auf die Meinungsfreiheit berufe. Das "Zentrum für Politische Schönheit" dagegen, sagt Wolfgang Ullrich, setze auf die Kunst als "erhaben-martialisches Mysterium".
    Wolfgang Ullrich: "Ihre Aktionen zielen auf Überwältigung, vergleichbar mit Bestrebungen innerhalb der Gegenreformation – etwa bei den Jesuiten und in Barockkirchen -, als man mit immersiv-illusionistischen Techniken die übersinnlichere Macht Gottes in die diesseitige Welt herunterholen und sinnlich erfahrbar machen wollte."
    Ständig bittet das "Zentrum für Politische Schönheit" um Geldspenden – auch dies für Ullrich eine Art Ablasshandel, der dem politisch korrekten Spender das Gefühl moralischer Genugtuung und Überlegenheit verschaffe. Und die Beteiligung des Publikums an Kunstaktionen unterlaufe den Modus der unabhängigen und freien Reflexion.
    In der Moderne wird – verkörpert durch die Institution des Museums - sehr darauf geachtet, dass nicht nur Privilegierte Zugang zur Kunst haben. Allerdings sieht Ullrich dieses Prinzip durch private Sammler bedroht, die, wie der Autor sagt, "zunehmend selbstbewusst suggerieren, das Besitzen von Kunst verschaffe qualifiziertere Formen von Einsicht".
    Propagandawirkung im 16. Jahrhundert
    Ein solches Privileg exklusiver Teilhabe, wenngleich auf dem Gebiet der Weltanschauung, bietet in Ullrichs Sicht auch das "Zentrum für Politische Schönheit". Der emotionalisierte politische Aufruhr, den es mit seinen (Flüchtlings-)Aktionen verspricht, und die vom Publikum eingetriebenen Spendengelder dienen für Ullrich lediglich der Gewissensberuhigung des Publikums – ein sehr katholisches Konzept, das Luther bekämpfte.
    Wolfgang Ullrich: "Kunst dient hier mehr als humanitären Zielen zuerst und zuletzt der Läuterung von Menschen, die sich infolge ihrer privilegierten Lebenssituation, ja aufgrund ihres Wohlstands schuldig fühlen, diesen nun aber dazu nutzen, sich zu exkulpieren. Sie gehen ein Kommerzium mit der Kunst ein, nicht anders als ein Gläubiger des frühen 16. Jahrhunderts ein Kommerzium mit Gott einging. Bis Luther kam und die Grenze zum Reich des Heils schloss."
    Die distanzierte, evangelische, die lutherische Kunstauffassung ist in den Augen von Wolfgang Ullrich also weitaus moderner als das katholische Ergriffensein vom Kunstwerk. Aber ausgerechnet Lucas Cranachs nüchtern gemalte Luther-Porträts erzielten, wie Thomas R. Hoffmann ja zeigt, im 16. Jahrhundert große Propagandawirkung in aufgeheizter Zeit. Es kommt immer auf den Kontext an.
    Thomas R. Hoffmann: Luther im Bild - Eine Ikone wird erschaffen
    Belser-Verlag, Stuttgart
    96 Seiten, mit 60 farbigen Abbildungen, 16,99 Euro
    Katalog "Luther und die Avantgarde"
    Herausgeber: Stiftung für Kunst und Kultur e.V., Bonn
    Mit Beiträgen der Kuratoren und von Heinrich Bedford-Strohm, Markus Gabriel, Wolfgang Ullrich, Thomas Kaufmann
    Wienand-Verlag, Köln
    368 Seiten, 39,80 Euro
    Als ebenfalls reich bebilderte Überblicksdarstellung sei empfohlen:
    Thomas Prüfer (Hrsg.): Martin Luther - Die Reformation
    Lingen-Verlag, Köln
    176 Seiten. 19,95 Euro