Freitag, 27. Mai 2022

Queere Sportler in China
Fast niemand wagt das Coming-out

Rund 2900 Sportlerinnen und Sportler nehmen an Olympia in Peking teil. Da zwischen fünf und zehn Prozent der Menschen nicht heterosexuell sind, könnten in China aktuell gut 200 queere Athleten am Start sein. Tatsächlich haben aber nur 36 ihre Sexualität öffentlich erwähnt. Im Spitzensport des Gastgebers lassen sich Coming-outs sogar nur an einer Hand abzählen.

Von Ronny Blaschke | 13.02.2022

(SP)AUSTRALIA-SYDNEY-FOOTBALL-TOKYO 2020 QUALIFYING TOURNAMENT
Li Ying war die erste Topsportlerin Chinas, die ihre gleichgeschlechtliche Liebe öffentlich machte (picture alliance / Xinhua News Agency)
Vor wenigen Tagen gewann die niederländische Eisschnellläuferin Ireen Wüst Gold über 1500 Meter. Wüst gehört in Peking zu den 36 offen queeren Sportlerinnen und Sportlern, die homo-, bi- oder intersexuell sind. Diese Zahl hat das US-amerikanische Mediennetzwerk "Outsports" ermittelt. Von den chinesischen Athleten hat allerdings noch niemand öffentlich über Homosexualität gesprochen.
"In China gibt es für uns ein großes Problem: Die LGBT-Gemeinde hat keinen juristischen Schutz, wir werden in der Gesetzgebung nicht erwähnt", sagt der Jurist Wu Jian, der sich für Forschungen gerade im Ausland aufhält und seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. "Die Gesellschaft in China ist sehr traditionell und familienorientiert. Auch in Medien und Schulbüchern kommen wir nicht vor. Daher wissen gerade Eltern nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollen."

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Blogs und Chatgruppen werden gesperrt

Nach Schätzungen sind in China rund 70 Millionen Menschen homo-, bi- oder intersexuell. Die Gesetzgeber haben Homosexualität 1997 entkriminalisiert und 2001 von der Liste der „psychischen Krankheiten“ gestrichen. In den vergangenen Jahren galt: Homosexualität werde geduldet, so lange sie im Privaten bleibe.
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Für Menschenrechtsorganisationen und viele Athletengruppen sind die Olympischen Winterspiele in Peking ein Sündenfall. Hintergrund sind die massiven Menschenrechtsverletzungen, die man China vorwirft. Trotzdem hält das IOC an den Spielen fest.
Doch unter dem nationalistischen Kurs des Staatspräsidenten Xi Jinping scheint es damit vorbei zu sein, sagt Wu Jian: „Vor einigen Monaten haben die Behörden hunderte Chatgruppen und Blogs mit LGBT-Themen gesperrt. Etliche Organisationen, die sich für queere Themen stark machen, wurden geschlossen oder haben ihre Arbeit eingestellt.“

Angst, Ablehungen, Repressalien

In diesem gesellschaftlichen Klima wagen nur wenige Persönlichkeiten aus dem Sport ein Coming-out: Im Juni 2021 macht die Fußball-Nationalspielerin Li Ying ihre Beziehung mit einer Influenzerin im sozialen Netzwerk Weibo öffentlich. Li Ying erhält Unterstützung, stößt aber auch auf Ablehnung. Kurz darauf ist ihre Mitteilung verschwunden.
Für Monate wird die Stürmerin nicht ins Nationalteam berufen und verpasst das olympische Turnier in Tokio. Ob sie bestraft werden sollte, ist unklar.
Im September 2021 geht auch die Volleyballerin Sun Wenjing mit einem Coming-out an die Öffentlichkeit, zwei Jahre nach ihrer Karriere. Der Aktivist Wu Jian sagt dazu: „Wer ein Coming-out wagt, muss mit dem Verlust von Posten und Privilegien rechnen. Daher wird dieses Thema gerade in den Nationalteams gemieden. Der Sport ist ein Sinnbild für die Gesellschaft: Nur rund fünf Prozent der queeren Personen können und wollen an ihrem Arbeitsplatz offen über das Thema sprechen.“

Kulturkampf gegen den Westen

In der Rivalität mit den USA und Europa bedienen chinesische Politiker die Vorstellung, dass Homosexualität ein „Import aus dem Westen“ sei. Die chinesische Medienaufsicht kritisierte „verweichlichte Männer“ in Videospielen und Popsänger mit Make-up, berichtet der in Hongkong lehrende Sportsoziologe Tobias Zuser: „Gewisse Subkulturen und Kulturen, die jetzt nicht als chinesisch-puristisch angesehen werden, gelten jetzt mehr oder weniger als verpönt. Da sie in angeblich die ,moralischen Standards‘ in China unterlaufen könnten.“
Auch der Sport wird im „Kulturkampf“ gegen den Westen in Stellung gebracht: 2018 versammelte der Fußballverband 50 Jungprofis in einem Militärcamp. 2019 erhielten die Fußball-Nationalspielerinnen Unterricht mit dem Titel „Mutterland in meinem Herzen“. Und 2020 forderte das Bildungsministerium von Schulen die Einstellung „pensionierter Sportler, um die Männlichkeit der Schüler zu kultivieren“.
„In diesen letzten zwei Jahren gab es diese starke Kampagne, die sich auch darauf gefasst hat, ,feminines Verhalten‘ von Stars aus dem öffentlichen Raum zu verbannen“, sagt Tobias Zuser. „Das sind eben auch Tattoos, wo vor kurzem die Regeln festgelegt wurden, dass eigentlich kein Sportler mehr, der Tattoos hat, in das Nationalteam einberufen werden darf in Zukunft, auch in den ganzen Jugendmannschaften.“

Gay Games in Hongkong abgesagt

Angesichts dieser Entwicklung haben queere Aktivisten in China hoffnungsvoll auf den kommenden November geblickt. Zum ersten Mal sollten die Gay Games dann in Asien stattfinden, in Hongkong.
Wegen Corona wurde das weltweit wichtigste queere Sportereignis aber auf Ende 2023 verschoben, sagt Tobias Zuser: „Generell hat sich die Hongkonger Regierung sehr abgesondert von diesem ganzen Vorhaben, sie möchte eigentlich nichts damit zu tun haben. Das größte Problem allerdings für die Organisatoren ist, dass sie keine Spielstätten vorbuchen können. Weil in Hongkong quasi 95 Prozent aller Spielstätten in öffentlicher Hand sind. Und die Regierung hat bisher keine speziellen Zusagen gemacht.“

Freizeitsport im Verborgenen

Noch immer ist Homosexualität in 69 Ländern strafbar. In sieben Staaten droht für gleichgeschlechtlichen Sex die Todesstrafe. Bei den Olympischen Spielen öffneten zuletzt „Pride Houses“, Treffpunkte für queere Athleten und Fans, etwa bei den Winterspielen 2010 in Vancouver oder bei den Sommerspielen 2012 in London.
Auch ohne Pandemie wären solche „Rückzugsorte“ nun in Peking undenkbar, sagt der Aktivist Wu Jian: „Innerhalb unserer Community gibt es große Freizeitgruppen für Badminton oder Fußball. Diese Gruppen vernetzen sich über soziale Medien und organisieren in ihren Städten einige Wettbewerbe. Außerhalb der Community darf aber niemand davon erfahren.“
Als erster chinesischer Profisportler wagte übrigens 2018 Xu Jingsen ein Coming-out. Der Surfer wurde in etlichen westlichen Medien als Vorbild beschrieben. In den Staatsmedien Chinas bleibt er bis heute weitgehend unerwähnt.