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StartseiteRadfunkEpisode 11 - Verkehrswende dank Corona?26.06.2020

Radfunk - Der PodcastEpisode 11 - Verkehrswende dank Corona?

Fahrradgeschäfte können sich vor Reparaturen und Kunden kaum retten. Die Coronakrise hat der Fahrradbranche extreme Nachfrage beschert. In vielen Städten weltweit sind Pop-up-Bike-Lanes entstanden. Pendler meiden die Bahn und wechseln auf das Fahrrad. Doch wird der Rad-Boom nachhaltig sein?

Von Paulus Müller und Klaas Reese

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Ein neuer Fahrradweg am Kottbusser Damm in Berlin-Kreuzberg: Auf einem gelben Piktogramm ist ein Fahrrad abgebildet. (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster)
Corona macht es möglich: neuer Fahrradweg am Kottbusser Damm in Berlin-Kreuzberg. (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster)
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Radfunk "Radfahren ist wirklich was für alle"

"Viele haben das Fahrrad neu für sich entdeckt", sagt Fahrradhändler Mathieu aus dem "Fahrradladen Prinzenstraße" in München. Auch bei ihm stehen die Kunden nach der Wiedereröffnung seines Ladens Schlange. "Der Run in den ersten Wochen nach dem Corona-Lockdown hat alle überrannt". 

Viele Kunden seien mit alten Rädern zu ihm in den Laden gekommen, deren Fahrräder wohl seit Jahren nicht mehr benutzt worden seine. Er vermutet, dass die Leute auch ihre Urlaubspläne coronabedingt über den Haufen werfen mussten und auf Fahrradurlaube ausgewichen sind. Vor allem bei Zubehör, wie bei Helmen, Schlösser, seien einige Modelle vergriffen. Auch bei speziellen Fahrradgrößen werde es für die Kunden schwierig. Da sei in diesem Jahr auch nicht mehr mit Nachschub an Rändern zu rechnen. "Die Herrsteller sind mit den vielen Nachordern nicht mehr hinterhergekommen", sagt Mathieu. 

Rom, Brüssel, Washington, Jakarata - der Boom ist global

Auch andere europäische Städte setzen aufgrund von Corona verstärkt auf das Fahrrad. So sollen es in der norditalienischen Stadt Mailand, 35 Kilometer mehr Radwege bis Ende September sein. In ganz Italien sollen mehr als 137 Millionen Euro für Radwege bereitgestellt werden. Selbst in fahrradunbeliebten Städten wie Rom, haben die Menschen ihre Liebe zum Fahrrad entdeckt, berichtet ARD-Italien-Korrespondentin Elisabeth Pongratz. 

"Die Leute sind verrückt nach Bewegung, sie wollen raus und setzten sich aufs Rad", sagt Greg Billing, der Chef der Fahrradfahrvereinigung von Washington D.C. Denn auch im Autoland USA hat es in der Corona-Pandemie einen Umschwung weg vom Auto hin zum Fahrrad gegeben. So zählte die Stadt Philadelphia einen Anstieg von Fahrradfahrern im Stadtverkehr von 470 Prozent, berichtet USA-Korrespondet Thilo Kößler. Einige Städte sperrten Straßen gleich komplett für das Auto und halten sie exklusiv den Fahrradfahrern vor. 

Eine Radfahrerin auf einem der grün eingezeichneten Radwege in San Francisco. (imago images / Jan Huebner)Selbst im Autoland USA tut sich in Sachen Fahrrad etwas (imago images / Jan Huebner)

Corona hat einiges beschleunigt, aber der Weg ist noch weit

"In Singapur waren Räder eine Zeitlang ausverkauft", berichtet Lena Bodewein aus dem ARD-Studio Singapur. Doch die tropische Hitze und die fehlenden Fahrradwege auf den Straßen machen das Fahrradfahren in Singapur nicht vollumfänglich attraktiv. Es ist verpönt verschwitzt im Büro auf der Arbeit anzukommen. In Indonesiens Hauptstadt Jakarta hat der Corona-Lockdown gezeigt, wie attraktiv eine Stadt mit mehr Fahrradverkehr sein kann. Auch dort hat sich viel getan. Auch wenn die Straßen noch immer extrem verstopft und chaotisch sind. 

Fahrradfahrer und Fahrerinnen auf einer Fahrradstraße in Bogotá. (Paul Hildebrandt)Selbst in Bogotá der Haupstadt Kolumbiens haben die Fahrradfahrer die Starßen für sich erobert. (Paul Hildebrandt)

In Brüssel haben die Fahrräder Priorität gegenüber dem Auto eingeräumt bekommen. Doch die Revolution im Straßenverkehr muss noch warten, sagt Brüssel-Korrespondent Paul Vorreiter. Die Regelung gilt nicht für alle Stadtteile in Brüssel. Zwar entstehen immer mehr Fahrradstraßen, aber Brüssels Bevölkerung wächst und die Straßen sind eng. 

In London arbeitet man daran, die Pendler nach dem Lockdown von der U-Bahn dauerhaft auf das Fahrrad zu kriegen. Aber viele Pendler haben Angst mit dem Rad in die Londoner City zu fahren, denn immer wieder lese man von getöteten Radfahrern, die im toten Winkel eines LKWs erfasst werden, erzählt Deutschlandradio-Großbritannien-Korrespondent Friedbert Meurer. Nach Berechnungen einer Londoner Uni könnte man entlang von 2300 Kilometern des Londoner Straßennetzes Radspuren errichten. Das sei auch nötig, berichtet Meurer, denn ein kleiner Flickenteppich an Radwegen werde nicht helfen, mehr Pendler dauerhaft für das Fahrradfahren zu motivieren.   

Als Erfinderin der Pop-up-Bike-Lanes gilt die kolumbianische Stadt Bogotá. Südamerika-Korrespondent Ivo Marusczyk berichtet, dass die kolumbianische Hauptstadt die Busse entlasten wollte, die dort als Hauptverkehrsmittel gelten. Die Plastikpylonen sollen bald durch Barrieren ersetzt werden, aus Provisorien sollen dauerhafte Verkehrsveränderungen werden. Das Fahrrad gilt nicht nur als hygienische Alternative zum Busfahren, sondern soll dauerhaft den Verkehr entlasten.

Ein Mann befährt mit seinem Fahrrad einen temporären Radverkehrsstreifen auf dem Kottbusser Damm in Berlin (dpa/Jörg Carstensen)Pop-up-Bike-Lanes als temporäre Radverkehrsstreifen auf dem Kottbusser Damm in Berlin (dpa/Jörg Carstensen)

Auch wirtschaftlich lohnt der Ausbau der Fahrradinfrastruktur 

Doch ist der Trend hin zum Fahrrad nun wirklich nachhaltig oder droht die Entwicklung zu platzen, wie eine Seifenblase? "Ich glaube schon, dass es was Nachhaltigeres ist, weil viele Menschen es lieben lernen, dass man eben auch mit dem Rad sehr gut unterwegs sein kann", sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In Berlin seinen durch die Pop-up-Bike-Lanes nun deutlich mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs, weil sie merkten, dass es sicher, angenehm und schön sei.

Sie würde sich sehr wünschen, dass die Politik sich für den Fahrradverkehr einsetze. Menschen tue die Bewegung mit dem Fahrrad an frischer Luft gut, sagte Kemfert. Auch wirtschaftlich bringe der Ausbau von Fahrradinfrastruktur etwas, denn diese sei sehr viel günstiger als Autostraßen und Parkplätze, die man zur Verfügung stellen müsste. 

Claudia Kemfert vom DIW  (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)Claudia Kemfert vom DIW glaubt an die nachhaltige Verkehrswende hin zum Fahrrad (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)

Der Verkehrsraum müsse neu verteilt werden, Radfahrer brauchten mehr Platz, sagt auch Enak Ferlemann, palamentarischer Staatssekretär im Bundeverkehrsministerium. Er selbst bevorzuge dabei eine schnelle Lösung mit Pop-up-Bike-Lanes gegenüber größeren baulichen Maßnahmen.

Ferlemann erklärt verschiedene Wege, wie der Bund sich darum bemühe, das Radfahren zu unterstützen. Allerdings seien bei konkreten Maßnahmen vor allem die Städte, Gemeinden und Kreise und manchmal die Länder zuständig. Von einer Fahrrad-Kaufprämie hält er dagegen gar nichts, die würde nur die Preise für Fahrräder erhöhen.

Enak Ferlemann (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. ( Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)Enak Ferlemann (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsminiterium ( Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

4.300 Kilometer, 40.000 Höhenmeter

Als nach und nach alle Bikepacking-Rennen abgesagt wurden, habe er Hummeln im Hintern bekommen, erzählt Raphael Albrecht. Beim Bikepacking werden teils sehr lange Distanzen zumeist abseits von asphaltierten Straßen gefahren. Die Teilnehmer versorgen sich selbst, nehmen teilweise auch Zelte und Schlafsäcke mit.

Um nicht ohne solche Rennen auskommen zu müssen suchte Albrecht in Kooperation mit Gleichgesinnten eine kreisförmige Strecke in jedem der 16 deutschen Bundesländer. Insgesamt 4300 Kilometer und 40.000 Höhenmeter beinhalten die 16 Routen, die man nun in Eigenregie fahren kann. Uber GPS-Daten und ein Punktesystem wird am Ende eine Rangliste erstellt.

Mountain Biker auf einer unbefestigten Straße. (imago images / MITO)Bikepacker auf unbefestigter Strecke. (imago images / MITO)

Will das wirklich jemand in der vorgegebenen Zeit von 4. Juli bis 6. September alles fahren? "Ich selbst habe es vor, tatsächlich", sagt Albrecht und lacht. Die Routen sollen aber auch für weniger ambitionierte Fahrer und in gemütlicherem Tempo erfahrbar sein. Sie sind schon jetzt auf orbit360 online.

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