Freitag, 02. Dezember 2022

Generationswechsel im Radsport
Spaniens Jugend erobert die Rundfahrtbühne

Das nennt man einen Generationswechsel: Der 42-jährige Alejandro Valverde fährt seine letzte Vuelta und hilft dabei seinem 27-jährigen Teamkollegen Enric Mas auf das Podium. In dessen Schatten sorgen ein 19-Jähriger und ein 21-Jähriger Rundfahrtdebütant für Furore.

Von Tom Mustroph | 10.09.2022

Der 19-Jährige Juan Ayuso sorgt derzeit im spanischen Radsport für Furore.
Der 19-Jährige Juan Ayuso sorgt derzeit im spanischen Radsport für Furore. (IMAGO / Sirotti / IMAGO / Fotoreporter Sirotti Stefano)
Radsport-Spanien ist derzeit im Delirium. Zum einen feiert es einen Mann, der nach 20 Jahren als Radprofi im für Sportler biblischen Alter von 42 Jahren jetzt in Spanien seine letzte große Rundfahrt absolviert: Alejandro Valverde. Da geht es vor allem romantisch zu, wegen der großen Siege in der Vergangenheit, vor allem wegen seines Vuelta-Siegs 2009. Die Dopingvergangenheit des Altmeisters spielt bei der Bewunderung ohnehin keine Rolle.
Der Beifall richtet sich aber auch in die Zukunft. Denn mit Juan Ayuso und Carlos Rodriguez mischen derzeit zwei ganz junge Fahrer das Feld auf. Ayuso fuhr sogar auf den dritten Gesamtrang. Mit 19 Jahren, bei seiner ersten Grand Tour überhaupt.
„Er ist schon ein Champion. Ich betrachte die Fahrer ja nicht nach dem Alter. Jeder Tag, mit ihm zu arbeiten, ist ein Geschenk. Wir denken nicht an morgen, gehen lieber Schritt für Schritt voran. Und jeden Tag gibt Ayuso uns etwas.“ Das sagt Matxin Fernandez, Generaldirektor des Rennstalls UAE Emirates, für den Ayuso fährt.

Parallelen zu Tadej Pogacar

Fernandez kennt sich aus mit so jungen Stars. Ein Jahr älter als Ayuso jetzt und ebenfalls Dritter bei seiner ersten Grand Tour wurde Tadej Pogacar – der Sieger der beiden letzten Tour de France-Ausgaben.Kann man die beiden vergleichen? „Sie sind ganz unterschiedliche Fahrer. Sie haben die gleiche Siegermentalität, aber als Fahrer sind sie anders. Tadej ist einzigartig, und Ayuso ist auch einzigartig.“
Der junge Spanier versuchte bei seinem Debüt auf großer Bühne nicht nur, mit den Besten mitzuhalten. Manchmal attackierte er sie sogar. Und als er noch auf dem vierten Platz lag, und viele das schon für einen Riesenerfolg hielten, kam von ihm eine Kampfansage: "Ich bin glücklich. Der vierte Platz ist gut. Und nun hoffe ich aber, dass einer auf dem Podium explodiert und ich noch weiter nach vorn komme."
Das geschah zwar nicht, keiner fuhr sich derart in die Reserven, dass er explodierte, also einbrach. Aber der Gesamtzweite Primoz Roglic kam zu Fall. Und Ayuso war tatsächlich auf dem Podium. Auch jetzt hört man ihm an, wie sehr er zwischen Ambitionen und Alltagsvernunft hin und her gerissen ist: "Ich bin natürlich sehr ambitioniert. Und natürlich würde ich viel lieber Erster oder Zweiter sein. Aber man muss auch realistisch sein. Die Abstände nach vorn sind viel größer als die nach hinten. Natürlich, ich nehme an Rennen teil, um sie zu gewinnen, aber ich muss auch Realist bleiben und zusehen, dass ich meinen Podiumsplatz verteidige."

Auch Carlos Rodriguez brilliert

Aus etwas anderem Holz als Ayuso ist der andere junge Spanier geschnitzt, der bei dieser Vuelta ebenfalls als Debütant brilliert. Carlos Rodriguez lag lange Zeit auf Rang vier, fiel nach Sturz auf den fünften Rang zurück. Er geht das Rundfahrtgeschäft etwas bedächtiger an. Das merkt man am Ton seiner Stimme, und auch an den Aussagen, die er macht: „Die anderen Fahrer sind sehr stark. Ich werde einfach bis zum Ende kämpfen, um das bestmögliche Resultat zu erreichen. Natürlich wäre ein Podium toll. Aber ich wäre auch glücklich, wenn ich immer mein Bestes auf der Straße  geben kann, und was immer dann auch herauskommt, damit bin ich zufrieden.“
Carlos Rodriguez (21) fuhr bei der Vuelta auf Rang fünf.
Carlos Rodriguez (21) fuhr bei der Vuelta auf Rang fünf. (Carlos Rodriguez)
Rodriguez, 21 Jahre jung, gilt als das noch größere Talent. Deshalb hat ihn auch der britische Erfolgsrennstall Ineos Grenadiers verpflichtet. Rodriguez ist bereits spanischer Meister. Und er zeigte sein Klettertalent, als er bei der Baskenlandrundfahrt in diesem Frühjahr eine Etappe gewann und dabei unter anderem Remco Evenepoel das Hinterrad zeigte. Evenepoel steht bei dieser Vuelta kurz vor dem Gesamtsieg.

Spanien steht eine große Zukunft bevor

Während Ayuso dynamischer ist, ein Hurra-Fahrer, ist Rodriguez der Überlegtere, der über sein Durchhaltevermögen und seine Zeitfahrqualitäten punktet. Mit beiden Talenten steht Spanien eine große Zukunft bevor.
Alejandro Valverde kann also beruhigt abtreten. Er lobt die Jungen: "Ich denke, die machen das richtig gut, und sie nutzen ihre Chance. Die sind schon  echte Champions."
Und zum großen spanischen Glück trägt bei, dass noch einer aus der Generation zwischen Valverde und den ganz Jungen erfolgreich ist. Enric Mas liegt auf Gesamtrang zwei. Er ist 27 Jahre alt. Früher sagte man, das sei das beste Rundfahreralter. Das hat er zwar erreicht. Jetzt aber macht ihm ein Teenager aus dem eigenen Land Druck. Und der 22-jährige Belgier Evenepoel ist drauf und dran, vor Mas die Rundfahrt zu gewinnen.