Mittwoch, 08. Februar 2023

70 Jahre Regelbetrieb
Als das Fernsehen in der Bundesrepublik startete

In der Fernsehtechnik war Deutschland einst Vorreiter – bevor die Niederlage im Zweiten Weltkrieg die Tradition jäh unterbrach. Erst 1952 ging das Fernsehen im Nachkriegswesten in den Regelbetrieb. Und das an Weihnachten.

Von Brigitte Baetz | 25.12.2022

Anfang der 1950er-Jahre: Vorführung von Fernsehapparaten in Berlin
Anfang der 1950er-Jahre: Vorführung von Fernsehapparaten in Berlin (picture alliance / AP Images / AP Images)
„Vor etwa zwei Stunden, genau um 20 Uhr, begann das regelmäßige Fernsehprogramm in Deutschland. Das heißt, ab heute haben Sie die Möglichkeit, ein tägliches Fernsehprogramm von zwei Stunden zu sehen.“ 25. Dezember 1952: Noch ist Radio das Leitmedium in der jungen Bundesrepublik. Und es vermeldet den Start der Konkurrenz – deren Publikum an nur 4.500 Empfangsgeräten mehr als überschaubar ausfällt.
„Mit dem Start des Fernsehens heute am ersten Weihnachtstage ist Deutschland nach England und Frankreich der dritte Staat Europas, in dem das öffentliche Fernsehen eingeführt ist.“ Es beginnt mit einem Live-Fernsehspiel über die Entstehung des Liedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“, dem Tanz-Spiel „Max und Moritz“ und einer Ansprache des NWDR-Intendanten Werner Pleister – all‘ das präsentiert aus einem alten Hochbunker am Heiligengeistfeld in Hamburg.

Bildungsfernsehen stand im Mittelpunkt

Werner Pleister:„Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, das neue geheimnisvolle Fenster in Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, Ihren Fernsehempfänger, mit dem zu erfüllen, was Sie interessiert, Sie erfreut und Ihr Leben schöner macht.“
Bei den vielen Männern und wenigen Frauen der ersten Nachkriegsfernsehstunde steht das Thema Bildung noch ganz im Mittelpunkt ihres televisionären Bemühens. Das ist auch eine Reaktion auf die Propaganda eines Joseph Goebbels, der mit Hilfe des Radios die deutsche sogenannte Volksgemeinschaft auf Linie hatte bringen wollen.
So warnt Adolf Grimme, ehemals preußischer Kulturpolitiker und nun Generaldirektor des NWDR, bei der Grundsteinlegung für Studios in Hamburg-Lokstedt 1952, mit den Möglichkeiten des Fernsehens sorgsam umzugehen: „Denn so machtgeladen war noch keine menschliche Erfindung wie diese, weil sie das bisher Unmögliche vermag: dass ein Mensch zu gleicher Zeit in Millionen und abermals Millionen Zimmer tritt. Was ist dem gegenüber ein Sportpalast?“
Auch die Alliierten sind zunächst misstrauisch, ob sie den Deutschen ein neues Massenmedium an die Hand geben sollen – ist doch die Fernsehtechnik sehr nah verwandt mit der militärisch wichtigen Radartechnik. Schon in der Nazizeit hat es regelmäßige Fernsehsendungen gegeben – wenn auch damals noch ohne Massenpublikum. Und auch die junge DDR experimentiert früh mit dem TV, geht mit dem Nachrichtenformat „Aktuelle Kamera“ im Probebetrieb noch vor dem bundesdeutschen Programm auf Sendung.

Langsames, aber stetiges Zuschauerwachstum

Dort von Anfang an dabei: die Fernsehansagerin Irene Koss: „Guten Tag, meine Damen und Herren, hier ist der Nord- und Westdeutsche Rundfunkverband Hamburg.“ „Keiner wusste, wie die Ansage dargeboten werden soll. Wir haben also wirklich die verrücktesten Dinge gemacht. Ich musste mal aus einem Holzring gucken wie der Löwe von Metro Goldwyn Mayer, mal wurde vor mir, ganz theatralisch, ein Vorhang aufgezogen. Und dann wieder, ja: im Stehen, im Sitzen, wir haben experimentiert.“
Die Schauspielerin Irene Koss - mit flottem Kurzhaarschnitt und frischer Anmutung - wird zur Ikone in einem Medium, das den eher biederen Geist der 1950er-Jahre atmet. „Ach, ich sprech‘ frei.“ „Doch wie das Programm und auch die Ansage aussehen wird … zuerst kommt, was immer haargenau sitzen muss, zuerst kommt die Frisur.“
Bei aller Bildungsbeflissenheit der Macher: das langsam, aber stetig wachsende Publikum will vor allem unterhalten werden. Die ersten Fernsehstars sind deshalb die Ensembles des Kölner Millowitsch- und des Hamburger Ohnsorg-Theaters, Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der den Toast Hawaii salonfähig macht, der Entertainer Peter Frankenfeld und die Vorzeigefamilie Schölermann. Aber auch die Tagesschau ist schon seit dem zweiten Sendetag im Programm.
Die Realität der Nachrichten zeigt allerdings bis heute, dass die hohen Erwartungen in das Fernsehen, die NWDR-Intendant Werner Pleister in seiner Begrüßungsansprache vor 70 Jahren beschworen hat, nicht eingetroffen sind. „Das Fernsehen schlägt Brücken von Mensch zu Mensch, von Völkern zu Völkern. So ist es wohl wirklich das richtige Geschenk gerade zu Weihnachten. Denn es erfüllt seine Möglichkeiten erst dann ganz, wenn es die Menschen zueinander führt und damit beiträgt zur Erfüllung der ewigen Hoffnung der Menschheit: Friede auf Erden.“