Religion und die Neue Rechte
Warum sich Politiker so gerne auf "christliche Werte" berufen

In den USA prägt religiöse Rhetorik die politischen Debatten. Auch in Deutschland beziehen sich Politiker gerne auf "christliche Werte” – obwohl ihre Wählerschaft immer weniger religiös ist. Auch und vor allem die AfD. Weswegen?

    Menschen mit Deutschlandflaggen und einem Transparent mit dem Schriftzug "Islamisierung stoppen!": AfD-Demonstration 2019 gegen den Bau einer Moschee in Rostock.
    Demonstration 2019 gegen den Bau einer Moschee in Rostock: Die AfD nutzt Religion vor allem zur Abgrenzung: hier das Eigene, da das Fremde (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
    Immer weniger Menschen in Deutschland gehören einer Kirche an. Und auch im Bundestag spiegelt sich die zunehmende Säkularisierung wider. Im Jahr 1990 waren noch zwei Drittel der Abgeordneten im Parlament evangelisch oder katholisch, im aktuellen Bundestag ist das nur noch knapp die Hälfte.
    Man könnte nun annehmen, dass religiöse Argumentationsmuster und Argumente deswegen weitgehend aus den Plenarsälen und von den Wahlkampfbühnen verschwinden. Aber so ist es nicht. Religion spielt weiterhin eine Rolle in politischen Auseinandersetzungen - allerdings anders als noch vor einigen Jahren. Das hängt auch mit dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien zusammen.
    Denn AfD-Politikerinnen und -Politiker führen gerne das Christentum und vermeintlich christliche Werte ins Feld, um sich gegen Migration, vor allem aus muslimischen Ländern, zu positionieren. Auch gegen progressive, liberale Strömungen und Minderheitenrechte wird mit Bezug auf die Religion argumentiert.
    Eine zunehmende Vernetzung mit konservativen, rechtspopulistischen Kräften aus anderen Ländern, insbesondere der MAGA-Bewegung in den USA, spielt ebenfalls eine Rolle.
    So sagte Beatrix von Storch im vergangenen Sommer im Bundestag: "Wir sehen uns als Teil der großen Erneuerungsbewegung in den westlichen Ländern, die die Wokeness überwinden wollen, sodass wir stolz sagen können: Wir sind der neue Westen. Wir können eine neue Brücke über den Atlantik bauen auf dem gemeinsamen Fundament von Freiheit, Nation und Christentum."

    Christentum als "kulturelle Ressource"

    Schaut man sich Parlamentsdebatten aus der Vergangenheit an, spielten klassische religionspolitische Themen eine große Rolle – beispielsweise das Verhältnis von Staat und Kirche, Kirchenfinanzen und Religionsunterricht.
    In heutigen Reden, Statements oder Social-Media-Posts fallen dagegen Schlagworte wie "christlich geprägt" oder "christliches Menschenbild" und "christliche Werte". Oft geht es dann um Migrationspolitik, um den Islam oder auch um Familienpolitik – insbesondere um das Thema Abtreibung. "Das sind natürlich Themen, die sehr emotionalisieren", sagt Matthias Kortmann, Politikwissenschaftler an der TU Dortmund.
    Um die christliche und die säkulare Wählerschaft anzusprechen, würden Politiker dabei das Christentum nicht so sehr als Religion "verkaufen, sondern vielmehr als kulturelle Ressource." Bezüge zu Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie der Begriff Gott würden deswegen eher gemieden. Stattdessen sprechen Politiker und Politikerinnen kulturelle Bezüge und Gefühle an – und formulieren schwammig, nutzen allgemeine Begriffe wie Identität, Nächstenliebe oder Werte.
    Es gehe dabei um "einfache Nachrichten, die aber trotzdem an ein kulturelles Gedächtnis anknüpfen", sagt die Religionssoziologin Kristina Stoeckl. Dabei helfe die Säkularisierung sogar, weil viele der Wählerinnen und Wähler gar nicht mehr genau wüssten, welche Positionen das Christentum konkret vertritt und immer weniger befähigt seien, die politischen Aussagen theologisch einzuordnen.
    Oft wird das Christentum dann auf einfache Symbole heruntergebrochen: Beispielsweise auf die Weihnachtskrippe und die Frage, ob diese in der Schule noch aufgebaut werden darf. Es geht also vor allem um eine Art Symbolpolitik.
    Dabei beziehen sich unterschiedliche Parteien in unterschiedlicher Weise auf Religion und vermeintlich religiöse Werte. Bei der CDU und CSU liegt dies nahe, tragen die beiden Parteien das "christlich" doch schon im Namen. Bei dem zentralen Thema der Grünen – der Klimapolitik – steht die Bewahrung der Schöpfung im Zentrum.

    Wie Rechtspopulisten die Religion nutzen

    Die in Teilen rechtsradikale AfD nutzt Religion vor allem zur Abgrenzung: hier das Eigene, da das Fremde. Das Christentum gegen den Islam. So bezeichnet der AfD-Abgeordnete Gottfried Curio das Kopftuch beispielsweise pauschal als islamistisches Unterdrückungssymbol.
    Mit dem Verweis auf Religion und vermeintlich christliche Werte versucht die AfD zum einen, eine breite Wählerschaft anzusprechen – und gleichzeitig konservative Protestanten und Katholiken besser zu erreichen. In einem Strategiepapier aus dem Sommer 2025 schreibt die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, dass unter konfessionsgebundenen Christen die AfD ihr Potenzial nicht ausgeschöpft habe.
    Dabei dürfte ein Großteil der AfD wenig mit Religion anfangen können: Drei Viertel der Bundestagsabgeordneten der rechtspopulistischen Partei bezeichnen sich als konfessionsfrei.
    Für rechte Parteien sei Religion also vor allem ein Werkzeug, sagt Kristina Stoeckl. Die Religionssoziologin beobachtet eine "Christianisierung des rechten politischen Spektrums", und zwar in zahlreichen europäischen Ländern: in Ungarn, Polen, Italien, aber auch in Deutschland. "Ein wichtiger Grund ist die Aufladung des Christentums als ein Kulturchristentum gegen Migration, vor allem aus muslimischen Ländern. Man verteidigt sozusagen ein christliches Abendland gegen Einwanderung", sagt Stoeckl. "Und der zweite Punkt ist tatsächlich ein Auftreten gegen progressive, liberale Strömungen innerhalb der Gesellschaft, die auf Minderheiten schauen."
    Auch eine Vernetzung von AfD-Politikern mit der MAGA-Bewegung in den USA treibt die Verbindung religiöser und politisch-konservativer Kreise voran. Ein Beispiel dafür liefert der World Congress of Families in Verona im Jahr 2019.
    "Das war ein Kongress von konservativen christlichen Familienrechtsbewegungen und Abtreibungsgegnern, die von der damaligen Lega-Regierung in Italien eingeladen wurden, mit Teilnahme aus Deutschland, aber auch aus Russland, vielen aus Nordamerika", sagt Stoeckl. Sie beriefen sich auf das Gesetz Gottes mit dem Ziel, Verbündete in der Politik zu suchen – gegen Abtreibung, gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare, auch gegen Geflüchtete.
    Die kirchlichen Vertreter hierzulande grenzen sich hingegen klar von der AfD ab. Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs hat sogar zum Widerstand gegen die AfD aufgerufen.

    Audio: Burkhard Schäfers, Onlinetext: Leila Knüppel