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StartseiteTag für Tag"Der Koran will kein Rezept fürs Leben sein"04.03.2021

Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi"Der Koran will kein Rezept fürs Leben sein"

Koran und Islam werden in Deutschland oft verkürzt dargestellt und nur selten angemessen verstanden, meint der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi. Er wolle niemanden zum Islam bekehren – im Gegenteil: Auf einige Muslime könne er gut verzichten, sagte er im Dlf.

Ahmad Milad Karimi im Gespräch mit Andreas Main

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Prof. Ahmad Milad Karimi in Kitzingen. (Daniel Biskup)
Ahmad Milad Karimi ist Professor für islamische Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Daniel Biskup)
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Ahmad Milad Karimi, geboren 1979 in Afghanistan, war 13 Jahre alt, als seine Eltern mit ihm vor dem Bürgerkrieg im Land flohen. Heute ist er Professor für islamische Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. In der Liste seiner Veröffentlichungen finden sich Bücher mit Titeln wie "Osama Bin Laden schläft bei den Fischen" oder "Warum es Gott nicht gibt und er doch ist". Karimi überschreitet Grenzen, etwa die Grenzen von Religion und Popkultur, von Islam und Literatur, aber auch die Grenzen zwischen den Religionen, wenn er beispielsweise mit dem Benediktiner und Bestseller-Autor Anselm Grün ein Gespräch führt und daraus ein Buch entsteht; es heißt: "Im Herzen der Spiritualität - wie sich Muslime und Christen begegnen können".


Andreas Main: Herr Karimi, lassen Sie uns kurz zwei der Untertitel Ihrer Bücher aufgreifen. Wie können sich Muslime und Christen begegnen?

Ahmad Milad Karimi: In Liebe und in Achtung, in einer Haltung, die vom gegenseitigen Lernen bestimmt ist. Indem wir aufeinander hören, aufeinander zugehen, Begegnungen suchen, im anderen auch einen Geschmack Gottes erwarten und dort auch Gott schmecken lernen. Indem wir nicht mit dem eigenen fertig sind, sich über den anderen erheben, sondern die Offenheit in uns tragen, und die Offenheit auch in uns kultivieren, von dem anderen lernen zu dürfen.

"Gott ist immer anders"

Main: Ein zweiter Titel "Warum es Gott nicht gibt und er doch ist". Auch diese philosophische Grenzüberschreitung müssen Sie uns erklären.

Karimi: Ja, weil es einfach Gott nicht gibt. Also haben Sie schon einmal Gott gesehen, Gott gefühlt oder so etwas? Gott ist einfach nicht da, und sein Nicht-da-Sein ist mit einem Ausrufezeichen zu versehen. All die Götter gibt es nicht, die wir uns alltäglich erarbeiten. Götter in uns, Götter, ohne die wir nicht leben können.

Mein Smartphone könnte so ein Gott sein. Ein Tag ohne mein Smartphone ist ein verlorener Tag. Ich habe den ganzen Tag den Eindruck, als hätte ich – als würde ich etwas vermissen, was zu mir gehört. Mein verlängerter Organismus. Oder all das, wovon wir meinen, dass wir davon abhängig sind. Das sind Gott und Götter, die es nicht gibt. Und auch dieser Gott, den wir uns so gerne vorstellen, den gibt es auch nicht. Und der Gott, von dem ich denke, dass er dennoch da ist – gerade dieser Gott, der mich lehrt, dass seine Gegenwart eben unverfügbar ist, dass er in keinem Gefäß, keiner Idee, keinem Bild, keiner Lehre einzufangen ist.

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Main: Und in diesem Sinne ist er doch.

Karimi: Er ist doch, ja. Aber immer anders, als ich mir vorstellen kann.

"Warum liebe ich TV-Serien?"

Main: In dem dritten der eingangs erwähnten Bücher gibt es mehrere rote Fäden: den autobiografischen, Ihren Bildungsweg sowie die Suche nach religiösen Motiven ausgerechnet in TV-Serien. "Osama Bin Laden schläft bei den Fischen" ist 2013 erschienen. Haben Sie damals Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht? Oder können wir auch hier das Motiv der Grenzüberschreitung ausmachen?

Karimi: Ich glaube: beides. In gewisser Weise ist das natürlich eine Grenzüberschreitung, denn die Erwartungen können anders sein. Gerade die deutsche Wissenschaftskultur will schon sehr, sehr ohne Humor auskommen. Aber zugleich ist das natürlich auch biografisch, wie Sie sagen. Ich liebe Filme und Serien, aber denke trotzdem darüber nach, warum ich sie liebe und worin eigentlich diese Leidenschaft gründet.

"Religion ist immer am Werk"

Main: Sind Sie nach wie vor Serienjunkie? Oder hat sich diese Leidenschaft ein wenig gelegt, also die Faszination für Religion und Popkulturelles?

Karimi: Nein, nein, das ist weiterhin sehr intensiv.

Main: Dann geben Sie uns mal ein Tipp: Was ist ein aktueller Serien-Tipp, also eine Serie, die Religion auf eine Weise behandelt, die Sie spannend finden?

Karimi: Das sind natürlich viele Serien. Was ich gerade mir anschaue, ist die Serie "Suburra". Das ist eine italienische Serie, Mafia-Serie, von der man überhaupt nicht erwartet, dass da überhaupt Religion am Werk ist. Und das ist ja das Schöne an Religion: dass Religion eigentlich immer am Werk ist. Und hier haben wir einen Entwurf einer Welt voller Verbrechen vor uns, in der eigentlich Nihilismus sehr stark ist. Nichts ist haltbar. Man kann den eigenen Vater erschießen. Man kann die eigene Geliebte erschießen. Alles ist käuflich. Alles ist zum Verkaufen da. Es geht nur um das Streben nach mehr Macht und mehr Geld und mehr erotischer Erfüllung. Das ist eine Plattform, die natürlich auch unsere Gesellschaft in gewisser Weise widerspiegelt. Aber auch zeigt, wie alles verloren ist, wenn es in diesem Leben keinen archimedischen Punkt mehr gibt.

"Vergnügen als letztes Maß"

Main: Und wo kommt dann Religion ins Spiel in dieser Serie?

Karimi: Im Grunde genommen in ihrer Abwesenheit. Denn gerade in der Abwesenheit von Kriterien, die über uns sind, über unseren Machtfantasien, über unserer Meinung, dass Geld alles ist, dass unser Vergnügen ein letztes Maß darstellt – da ist Religion stark am Werk.

Main: Ich warne übrigens die Hörerinnen und Hörer, dieses Buch zu lesen. Also, Sie sind auf jeden Fall dafür verantwortlich, dass ich nach der Lektüre Ihres Buches sehr viele Stunden mit Serien verbracht habe, die Sie empfohlen haben.

Karimi: Ja, ja, schuldig im Sinne der Anklage.

Main: Genau. Also das sind die Nebenwirkungen. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Milad Karimi im Deutschlandfunk in der Sendung "Tag für Tag - aus Religion und Gesellschaft". Herr Karimi, wenn ich Sie nach dem, was wir bisher gesagt haben, als Grenzgänger bezeichne: Das passt für Sie, das ist eindeutig, oder?

Karimi: Ja.

Skandal: Missachtung muslimischer Philosophen

Main: Dann nehmen wir mal ein anderes Beispiel. Sie haben mal davon erzählt, dass Sie während des Studiums der Islamwissenschaft – neben Philosophie und Mathematik – enttäuscht waren, dass so wenig vom Koran, von Theologie und Spiritualität die Rede war in der Islamwissenschaft und dass Sie deswegen vermehrt Veranstaltungen der katholischen Theologie besucht haben. Lässt sich dieser persönliche Eindruck womöglich übertragen auf die Gesamtsituation? Bleibt alles Reden über Religion zurzeit an der Oberfläche?

Karimi: Ja, in gewisser Weise schon, zumal über den Islam. Schauen Sie, ich habe Philosophie studiert, aber Sie können heute in Deutschland ein gesamtes Studium der Philosophie ablegen, ohne auch nur den Namen eines einzigen muslimischen Philosophen einmal ausgesprochen zu haben. Das finde ich skandalös. Sie können auch Islamwissenschaft studieren und sehr viele Seminare über mauretanische Schlösser besuchen, aber weniger unbedingt auch über das Theologische erfahren. Es gibt natürlich Standard-Veranstaltungen, die kann man mal besuchen. Aber ein vertieftes Auseinandersetzen mit den theologischen Inhalten, mit dem Verständnis der Religion – genauer genommen mit dem Denken der Religion: Wie ist religiöses Denken im islamischen Kontext zu sehen? Wie vielfältig das ist und wie es dort überhaupt gedacht wird, das ist wenig anzutreffen.

  (www.imago-images.de) (www.imago-images.de) Islamischer Universalgelehrter Avicenna: Prägend wie nur wenige Philosophen
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Großes Unwissen über den Islam

Main: Und da sprachen Sie jetzt vor allem das universitäre Leben an. Nehmen wir mal die Öffentlichkeit, da reden alle permanent über Religion, auch in den Medien oft ohne Kenntnisse. Teilen Sie den kulturpessimistischen Eindruck, dass immer weniger über Religion tatsächlich gewusst, reflektiert, gelebt wird?

Karimi: Ja, in der Tat. Und es tut mir umso mehr weh, dass der kultivierte Journalismus auch in Deutschland nicht die Kritikfähigkeit an den Tag legt, seine Gesprächspartnerinnen und -partner immer wieder zu fragen, nach welcher Ausbildung sie eigentlich zu diesen glorreichen Thesen kommen. Kritik ist willkommen. Und glauben Sie mir, so viel Kritik, wie ich in meinem Alltag, in meiner Lehre und Forschung gegenüber meiner eigenen Religion formuliere, ist unermesslich. Aber wenn ich Kritik höre von Menschen, die überhaupt sich nicht mit dem Alphabet der Religion des Islams auskennen - das gilt auch für das Judentum und Christentum allemal - dann tut das schon weh. 

Wenn jemand plötzlich in unserem Alltag anfängt, medizinische Ratschläge zu geben, ohne ein adäquates Studium der Medizin, weil man irgendwie in Heilkunde-Magazinen gelesen hat, das ist schon zu belächeln. Aber wenn jemand – dieselbe Person, dann 'profundes' Wissen über den Islam vorträgt scheinbar, ohne ein adäquates Wissen über diese Religion, dann geht das in Ordnung. Und da plädiere ich für mehr Wachheit.

"Wir stecken als Muslime in einer tiefen Krise"

Main: Es gibt aber auch Islam-Versteher, Christentum-Versteher und Judentum-Versteher, die ohne jegliche Kenntnis sich äußern.

Karimi: Ja, in der Tat. Und auch das tut weh. Das tut auch der gesamten Gesellschaft eigentlich nicht gut, weil wir vermeintlich den Eindruck erwecken, hier wird viel über Religion geredet. Aber hier wird nur drum herumgeredet. Es ist kein echtes Reden da. Was ist das Schöne und das Wichtige am wirklichen Reden? Dann kann ich auch was verwandeln.

Im islamischen Kontext haben wir es mit vielen Problemen zu tun. Wir stecken als Muslime in einer tiefen Krise der Gegenwart. Es gibt kaum Hochkultur des Islams. Muslimische Länder, die muslimisch geprägt sind, sind ökonomisch schlecht bestellt. Die Gesellschaftsordnungen sind nicht gerade die besten, sind von Krieg und Plünderungen beherrscht. Um das religiöse Wissen und die religiöse Ausbildung ist es in diesen Gegenden höchst schlecht bestellt. Und das gilt nicht nur für die religiöse Ausbildung. Wir müssen da also etwas tun. Aber dennoch brauchen wir ein adäquates Wissen und Verankerung im Wissen, um überhaupt all das verändern zu können. Und von oben herab zu kommen, von den Seiten zu kommen und religiöse Vorschläge zu unterbreiten, das wird nicht zielführend sein, außer dass die Person, die das tut, gehypt wird.

Den Koran kann man niemals ganz verstehen

Main: Herr Karimi, dann setzen wir jetzt mal einen Gegenakzent und gehen an einem Punkt ein wenig in die Tiefe. Sie haben den Koran übersetzt. 2009 ist diese Übersetzung erschienen. In einem Ihrer Bücher vergleichen Sie die Koranlektüre mit dem Besuch einer Oper. Ich sage mal als dilettierender Freund der Oper: Beides erschließt sich nicht immer und allen. Welche Parallelen sehen Sie darüber hinaus, was Oper und Koran betrifft?

Benediktinermönch Anselm Grün und der muslimische Religionsphilosoph Milad Karimi in Münsterschwarzach Im Wörterbuch speichern Keine Wortliste für Englisch -> Deutsch... Eine neue Wortliste erstellen... Kopieren  (Daniel Biskup) (Daniel Biskup) Anselm Grün und Milad Karimi: Zwei Mystiker begegnen sich
Ein prominenter Benediktinermönch und ein prominenter muslimischer Religionsphilosoph schreiben gemeinsam ein Buch: "Im Herzen der Spiritualität". Anselm Grün und Milad Karimi wollen zeigen, wie sich Muslime und Christen begegnen können. "Dieses Buch kann helfen", findet unser Rezensent.

Karimi: Einer der wichtigsten Parallelen – und da bin ich einer der wenigen, glaube ich, Menschen, die in der heutigen Zeit gerade diesen Aspekt des Korans hervorheben: das Unverständnis. Wir leben natürlich in einer Welt, in der wir sehr gerne alles in Register packen wollen, allem eine Ordnung geben wollen, alles analysieren und alles eigentlich essen würden - alles essbar machen, dass wir alles nur sozusagen in uns hineindrücken.

Nur: Ein Opernspiel lässt sich nicht essen. Wir können einer Operninszenierung beiwohnen, aber nicht auch alles verstehen. Und gerade dieses Nichtverstehen ... Nehmen Sie eine italienische Operninszenierung. Wenn man nicht des Italienischen mächtig ist und das Ganze mit Untertiteln verfolgt und trotzdem nicht alles mitbekommt, ist die Inszenierung nicht weniger angekommen. Wir sind da, und wir sind erfüllt von einer bestimmten Stimmung und Atmosphäre. Und wir wissen darum, dass wir nicht alles, aber buchstäblich alles verstanden haben. Und doch: Jede Botschaft ist angekommen, jede Emotion hat uns getroffen. Aber wir wissen, was hier für Emotionen, für Wissen, für Erkenntnisse am Werke sind. Daher können wir auch immer und immer wieder ein und derselben Operninszenierung beiwohnen. Ansonsten würden Sie sagen: Ich habe "Tosca" gesehen, dann brauche ich es nicht mehr. Aber es geht uns auch mit dem Koran genauso.

Wenn man einmal den Koran gelesen hat, hat man seine Aufgabe nicht getan, sondern es geht um ein rezitatives Element dieser Offenbarung, dass wir immer und immer wieder uns mit dem Koran beschäftigen und im Grunde genommen nie fertig sind, weil wir niemals den Anspruch erheben können, den Koran verstanden zu haben. Das ist ein Gefühl, was bei mir unglaublich wichtig ist, denn dadurch erlebe ich eine tiefe Demut, immer sagen zu müssen, dass mein Verständnis vom Koran immer auch falsch sein kann. Aber nicht, dass ich weiß, was Gott von mir will.

Wer mir sagen will, was Gott von mir will, vor dem muss man fliehen. Denn der setzt sein Wissen mit dem Wissen Gottes gleich. Wenn Sie mich fragen, was Gott von mir will, kann ich nur sagen, mit meinem besten Wissen und Gewissen könnte diese Stelle des Korans so interpretiert werden. Aber es kann auch möglich sein, dass man es auch anders versteht. Es geht nur darum, dass wir unsere Verständnismöglichkeiten in einen Wettbewerb der Plausibilitäten setzen. In einem Wettbewerb der Plausibilitäten gibt es keinen Gewinner, keine Gewinnerin und zumal keinen absoluten Gewinner. Sondern es geht immer um Verfeinerung der Argumente.

"Der Koran will kein Rezept für das Leben sein"

Main: Das ist ja jetzt eine erkenntnistheoretische Ebene, die ganz wichtig ist. Aber was müsste denn zum Beispiel ich als Nichtmuslim tun, wenn ich den Koran in diesem Sinne erleben wollte? Was wäre die beste Haltung?

Karimi: Im Grunde genommen, sich eine muslimische Freundin oder einen Freund zulegen, also sozusagen gemeinsam da dran gehen. Wie seltsam wäre das, wenn ich mir einfach eine Thora holen würde und in meinem stillen Kämmerchen die Thora lesen würde, mit dem Ziel, dann weiß ich, wie das Judentum funktioniert. Das wäre doch einfach witzig. Oder? Oder wenn Sie sich einfach die Verfassung holen würden und das Grundgesetz einfach lesen, um danach sagen zu können: Ich kenne mich mit der Verfassung aus, weil ich es einfach gelesen habe. Das geht einfach nicht so, sondern wir brauchen Partnerinnen und Partner. Wir müssen uns gemeinsam an den Koran ranmachen, und der Koran ist – wissen Sie – kein historisches Werk, keine Ansammlung von Gesetzen und Normen, sodass wir mit dieser Erwartung den Koran lesen und sagen: Ah, jetzt weiß ich, wie ich mein Leben zu führen habe. Der Koran will kein Rezept für das Leben sein, sondern der Koran will vielmehr, wenn das überhaupt so sagbar ist, eine bestimmte Haltung im Leben stiften, die darin besteht, sein Leben in Demut zu vollziehen.

"Der Koran stiftet Offenheit"

Main: Jetzt, da wir über den Koran reden, merke ich, dass Sie also noch engagierter sind als vorher. Sie sind womöglich geradezu verliebt in den Koran. Wer verliebt ist und liebt, gibt etwas von sich und bekommt etwas. Was bekommen Sie vom Koran?

Karimi: Vom Koran bekomme ich Ruhe, Vertrauen, aber auch die Idee vermittelt, dass mein Leben gelingen kann, obwohl ich ständig scheitere. Dass in jedem Nichtverständnis, in jedem Erahnen bereits schon alles steckt. Dass ich immer, indem ich mir das angeeignet habe, immer irren zu dürfen und immer irren zu können, sich auch gerade die große Möglichkeit eröffnet, auch keine Angst davor zu haben, sondern den Verweis im Koran ernst zu nehmen, dass der Koran nur der kleine Koran ist und die große Welt der große Koran ist. Wenn der Koran das Zeichen Gottes ist, ist seine Schöpfung das größere Zeichen. Dass ich nicht verschlossen bin und engstirnig mich nur an das halte und meine, der Koran ist nur mein Koran, sondern dass ich in allem Gottes Gegenwart erblicken kann. Der Koran stiftet im Grunde genommen Offenheit fürs Leben, und diese Offenheit ist bedeutsam für die Gestaltung der Zukunft, für die Erziehung unserer Kinder, für ein gemeinsames Engagieren für mehr Frieden und mehr Menschlichkeit.

"Selbstkritik braucht Raum"

Main: Nun sitzen allerdings einige Hörerinnen und Hörer schon mit gespitzter Feder beziehungsweise an der Tastatur und kopieren all jene Verse aus dem Koran, die nun wahrlich auch nicht allzu sympathisch wirken. Für unbedarfte Koran-Leser oder auch für kenntnisreiche Leserinnen, die sollten wir auch ernstnehmen, diese Hörerinnen und Hörer: Was sagen Sie, wie passt das zusammen mit Ihrem enthusiasmierten Leseeindruck?

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Karimi: Ich will ihnen auf jeden Fall empfehlen, ihre Lebensenergie da nicht zu verschwenden, sondern vielmehr ein Opernstück sich anzuhören, weil dieser Suren-Pingpong uns nichts bringt, mir jetzt einen Vers vorzulesen, zu sagen, aber da steht es doch. Glauben Sie mir, ich kenne meinen Koran ein wenig. Ich weiß schon, was da steht. Nur, was ich nicht weiß, ist, wie ich das, was da steht, in welchem Zusammenhang lesen soll.

Meine Forschung besteht ja gerade darin, diese Zusammenhänge zu entdecken. Das heißt, es geht nicht darum, aus dem Kontext einen Satz herauszunehmen, den ich zu verstehen glaube - entgegen all meiner Empfehlungen im Übrigen - und diesen dann hervorzuheben und zu sagen, das spricht doch dagegen. Ich glaube, so viel Vertrauen könnte man auch gegenüber den Muslimen an den Tag legen, dass sie über 1400 Jahre nicht alle blutrünstige, menschenverachtende oder auch ignorante Menschen sind, die trotz all den Schlechtigkeiten, die womöglich im Koran zu lesen sind, trotzdem an dem festhalten. Das wäre auch im Grunde genommen eine gewisse Beleidigung für meine Intelligenz.

Das heißt, wir müssen auch darauf achten, dass auch Muslime kritisch genug sind, selbstkritisch genug sind. Nur: Selbstkritik braucht Raum. Selbstkritik braucht auch die Möglichkeit, dass wir uns kritisch mit unseren religiösen Quellen auch auseinandersetzen dürfen. Dafür bin ich dankbar, dass wir in Deutschland die Zentren für islamische Theologie gegründet haben. Endlich! Dass wir hier in einem geschützten Raum Muslime installiert haben, die mit ihrer Religion arbeiten. Mit den Grundlagen ihrer Religion, mit jungen Menschen arbeiten, aber auch untereinander und mit sich selbst. Das ist eine Errungenschaft, die in ganz Europa natürlich einmalig ist. Aber genau das ist auch der Weg, den wir einschlagen müssen. Also uns nicht verblenden lassen von Populisten, von Islamisten, von denen, die sozusagen ganz andere Ideologien haben, sondern Vertrauen haben in eine wissenschaftliche Aneignung der Religion, die Theologie heißt.

"Ein dritter Raum zwischen mir und dem Koran"

Main: Weil dann auch eine Dynamik entsteht, eine neue Dynamik? Ich zitiere mal einen Satz, ganz kurzen Satz, der mir wichtig scheint, also einen Ihrer Sätze. Und zwar: "Der Koran ist ein dynamisches Ereignis."

Karimi: Ja genau, und keine festgeschriebene Gesetzeszeile, von der ich denke, so steht es, und so habe ich es zu tun. Sondern es gibt natürlich enorm stiftende Verse im Koran. Aber es gibt auch eine ganze Tradition von Abmühung, wie ich damit umgehe, wie ich das Seite für Seite übersetze. Dynamisches Ereignis bedeutet, dass es erst einmal ein Ereignis ist. Es eignet sich etwas in meinem Leben, worüber ich nicht verfüge. Dynamisch ist das deshalb: Es ist bewegt und flüssig, weil es nicht festgeschrieben ist.

Ich kann mich nicht an den Koran halten, sondern ich kann mich nur an ein Verständnis des Korans halten. Daher rede ich sehr gerne von dem dritten Raum. Es gibt einen dritten Raum zwischen mir und dem Koran, und dieser dritte Raum ist der Raum des Verständnisses. In meinem Fall auch des Unverständnisses. Das heißt, je mehr dieser dritte Raum groß ist, gefüllt ist mit historischem Wissen, mit soziologischem Wissen, mit Was-auch-immer-Wissen, desto näher bin ich an dem Koran. Ich kann also nicht über den dritten Raum hinwegspringen und meinen, am Koran zu sein, indem ich zum Beispiel aus dem Koran direkt zitiere.

Sie müssen mich immer wieder daran erinnern und sagen: 'Herr Karimi, Sie können nicht einfach aus dem Koran zitieren, denn dann vermitteln Sie den Eindruck, als könnte man den dritten Raum überspringen!' Man müsste sozusagen aus dem dritten Raum des Verständnisses heraus den Koran artikulieren lassen. Und das ist ein Raum, der nie endet, der nie auch aufhört zu sein, sondern er bleibt immer ein Zwischen – zwischen mir und dem, was ich als Offenbarung Gottes verstehe.

"Den Koran nicht auf eine Lesart einschränken"

Main: Ich will zum Ende unseres Gesprächs noch mal klar hören, wie der Koran aus Ihrer Sicht gelesen und gedeutet werden muss, damit die Lektüre ins 21. Jahrhundert passt. Würden Sie es unterschreiben, dass es eine ästhetisierende und historisierende Lektüre sein muss?

Karimi: Und vielmehr natürlich. Der Koran darf nicht auf eine Lesart eingeschränkt werden. Wenn wir den Koran nur historisch lesen, ist alles verloren. Wir müssen den Koran historisch lesen, aber auch historisch-übergreifend. Der Koran ist auch immer frisch und immer da und jeden Mann und jede Frau ansprechend zu jeder Zeit. Der Koran muss ästhetisch angeeignet werden, wie Sie sagen, aber auch philosophisch, auch soziologisch. Es ist auch ein ethisches Werk. Es ist aber auch ein Werk der Spiritualität und der Mystik. Es ist auch ein Normen stiftendes Werk. Es gibt Grundkriterien im Koran, die nicht verhandelbar sind, wie zum Beispiel der Schutz des Lebens. Insofern brauchen wir einen multiperspektivischen Zugang zum Koran. Und je größer meine Perspektiven sind, umso näher bin ich an dieser Botschaft, die es so rein gar nicht gibt.

"Hässlichkeit ist reizvoll"

Main: Sie schreiben und reden so, dass selbst jemand wie ich, aber auch muslimische Kollegen, die sich ein Leben lang auch mit den hässlichen Seiten von Religion beschäftigen, auch des Islam, irgendwann nur noch die Schönheit Ihrer Religion sehen. Wollen sie uns einlullen?

Karimi: Dafür bin ich viel zu schlecht, glaube ich. Wissen Sie, also vor allem, weil ich die die Hässlichkeit unglaublich reizvoll finde. Also ein Schwerpunkt meiner Forschung ist die Erforschung des Bösen. Ich will keine Werbung machen für meine Religion, weil wir genügend Muslime haben. Also ich will keine Neuen. Ich will auch sogar ein paar loswerden, falls Sie ein paar haben wollen. Sondern es geht hier darum, dass ein -

"Die nerven mich genauso wie Sie"

Main: Welche wollen sie loswerden?

Karimi: Natürlich die, die am lautesten sind und überall auf sich aufmerksam machen mit ihren populistischen Parolen und engführenden islamistischen Fundamentalismen. Es geht hier darum, dass es auch andere Lesarten gab und gibt im islamischen Kontext, die sehr wohl respektabel sind. Und dafür müssen wir aber auch darauf vertrauen, dass auch eine wissenschaftliche Erforschung dieser Religion existiert, die all diese neueren, schöneren, akzeptablen, Zukunft fördernden, auch demokratiefähigen Lesearten fördert. Das ist eigentlich meine Intention, und ich will in keiner Weise die anderen Seiten wegschweigen. Die nerven mich ja genauso wie Sie.

Main: Milad Karimi, Professor für islamische Philosophie an der Uni Münster und Koranübersetzer und Autor diverser Bücher. Herr Karimi, danke für Ihre Zeit, Ihre Einschätzungen. Danke für das Gespräch.

Karimi: Ich habe zu danken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Anselm Grün und Milad Karimi: Im Herzen der Spiritualität. Wie sich Muslime und Christen begegnen können.
Herder Verlag, Freiburg 2019.
Milad Karimi: Warum es Gott nicht gibt und er trotzdem ist.

Herder Verlag, Freiburg 2018.
Milad Karimi: Osama Bin Laden schläft bei den Fischen.
Herder Verlag, Freiburg 2013.

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