
Manchmal reicht ein einzelnes Wort, um in der Politik einen größeren Streit vom Zaun zu brechen. Dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die gesetzliche Rente für künftige Rentnergenerationen nur noch als „Basisabsicherung“ sieht, stößt auf erheblichen Widerstand beim Koalitionspartner SPD – und auch Grüne, Linke, der DGB und Sozialverbände kritisierten die Wortwahl von Merz auf dem Jahresempfang des Bundesverbandes deutscher Banken scharf.
Immer weniger Beitragszahler, immer mehr Rentner: Die Rente steht auf dem Prüfstand. Im Grundsatz herrschte bisher eigentlich Einigkeit: Das Rentensystem sollte zugleich Generationengerechtigkeit und Schutz vor finanzieller Not im Alter bieten. Doch eine „Basisabsicherung“ wäre etwas gänzlich anderes als die Zusicherung, dass der gewohnte Lebensstandard auch im Alter weitgehend erhalten bleibt.
Der Weg zu einer Stabilisierung der Renten wird nicht einfach. Die Bundesregierung hat eine Rentenkommission eingesetzt, die bis Mitte 2026 Vorschläge für eine grundlegende Reform erarbeiten soll – für die Zeit nach 2031. Denn bis dahin wurden bereits die Weichen mit der Verabschiedung des Rentenpakets im Dezember 2025 im Bundestag gestellt. Das Rentenniveau soll demnach bis 2031 bei 48 Prozent liegen.
Bereits um das Rentenpaket hatte es heftige Auseinandersetzungen gegeben, die zu einer schweren Belastung der Koalition führten. Was jedoch jenseits aller Streitereien bleibt: ein Rentensystem, das grundlegend reformiert werden muss.
Inhalt
- Wie die gesetzliche Rente derzeit finanziert wird
- Szenario 1: Das Rentenniveau sinkt
- Szenario 2: Die Rentenbeiträge steigen
- Szenario 3: Das Renteneintrittsalter steigt
- Szenario 4: Der Bundeszuschuss steigt
- Szenario 5: Mehr betriebliche und private Vorsorge
- Szenario 6: Erweiterung der Beitragszahlergruppen
Wie die gesetzliche Rente derzeit finanziert wird
Die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland funktioniert nach dem Umlageverfahren. Das bedeutet, dass die laufenden Rentenzahlungen überwiegend aus den Beiträgen der aktuell Erwerbstätigen kommen. Gleichzeitig erwerben die derzeitigen Beitragszahler Ansprüche auf Renten, die später von den nachfolgenden Arbeitnehmer-Generationen finanziert werden müssen. Dieses System wird Generationenvertrag genannt.
Problematisch daran ist, dass aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentnerinnen und Rentner aufkommen müssen. Während die Geburtenrate niedrig bleibt, steigt die Lebenserwartung der Bevölkerung, sodass es immer mehr ältere Menschen gibt. Und je länger Menschen leben, desto länger beziehen sie auch Rente.
Deshalb wird die Rentenversicherung inzwischen auch mit Steuermitteln bezuschusst. Sie decken rund 30 Prozent der Ausgaben und machen rund ein Viertel des Bundeshaushalts aus. Doch die geburtenstarken Jahrgänge kommen erst jetzt ins Rentenalter. Der Wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums prognostizierte bereits in einem 2021 vorgestellten Gutachten „schockartig steigende Finanzierungsprobleme“.

Um das Rentensystem zu stabilisieren, hat die Politik verschiedene Möglichkeiten, die im Folgenden skizziert werden.
Szenario 1: Das Rentenniveau sinkt
Die schwarz-rote Bundesregierung hat das Rentenniveau mit dem im Bundestag verabschiedeten Rentenpaket bis 2031 bei 48 Prozent festgeschrieben. Zusätzliche Ausgaben sollen durch Steuermittel ausgeglichen werden. Nach 2031 wird das Rentenniveau sinken, weil der ausgesetzte Nachhaltigkeitsfaktor dann wieder greift. Er sorgt dafür, dass sich Rentenbeiträge und Rentenniveau so anpassen, dass es generationengerecht ist.
Über die tatsächliche Höhe einer individuellen Rente sagt das Rentenniveau erst einmal nichts aus. Das Rentenniveau ist ein statistischer Wert, der das Verhältnis einer gesetzlichen Standardrente (nach 45 Jahren Beitragszahlung auf Basis eines durchschnittlichen Einkommens) zum aktuellen durchschnittlichen Einkommen einer Arbeitnehmerin oder eines Arbeitnehmers angibt.
Das Absinken des Rentenniveaus bedeutet nicht, dass die Brutto-Renten sinken, sondern dass die Standardrente prozentual langsamer steigt als der Durchschnittsverdienst.
Szenario 2: Die Rentenbeiträge steigen – Erwerbstätige und Arbeitgeber zahlen mehr ein
Derzeit liegen die Rentenbeiträge bei 18,6 Prozent, die zur Hälfte von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite gezahlt werden. Der Beitragssatz soll laut Vorausberechnungen bis 2027 stabil bleiben, von 2028 an geht die Bundesregierung von einem Anstieg auf 20 Prozent aus. 2035 könnte er auf 22,3 Prozent steigen und soll dann bis 2045 wiederum stabil bleiben. Höhere Rentenbeiträge bedeuten allerdings weniger Nettoeinkommen für Beschäftigte und höhere Kosten für Arbeitgeber.
Szenario 3: Das Renteneintrittsalter steigt – Erwerbstätige arbeiten länger
Nach aktueller Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis zum Jahr 2029 bereits schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Viele Experten fordern darüber hinaus eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters.
Der wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums schrieb bereits 2021 in seinem Gutachten, die Rentenbezugsdauer dürfe auf Dauer nicht von der steigenden Lebenserwartung entkoppelt werden. Zusätzliche Lebensjahre sollten zwischen „mehr arbeiten“ und „länger Rente beziehen“ aufgeteilt werden. Nach diesem Modell läge das Renteneintrittsalter 2042 bei 68 Jahren.
Durchschnittliches Eintrittsalter und gesetzliche Regelaltersgrenze
Auch andere Experten – etwa vom ifo-Institut oder der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) – meinen, dass die gesetzliche Rentenversicherung ohne eine Anpassung der Lebensarbeitszeit an die zunehmende Lebenserwartung auf Dauer nicht finanzierbar ist.

Die Bundesregierung aus Union und SPD hält momentan grundsätzlich am Renteneintrittsalter fest, will jedoch mehr Flexibilität ermöglichen und hat die sogenannte Aktivrente eingeführt. Wer im Rentenalter freiwillig weiterarbeitet, braucht seit Januar 2026 bis zu 2000 Euro seines Gehalts im Monat nicht mehr zu versteuern.
Szenario 4: Der Bundeszuschuss steigt – die Steuerzahler zahlen mehr ein
Bereits jetzt zahlt der Bund rund 120 Milliarden Euro im Jahr aus dem Bundeshaushalt als Zuschuss in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Um die Rentenversicherungsbeiträge und das Rentenniveau stabil zu halten, könnte dieser Zuschuss erhöht werden.
Im Gesetzentwurf zur Rentenstabilisierung ("Rentenpaket 2025") ging die Bundesregierung davon aus, dass bei einer Haltelinie von 48 Prozent die Bundesmittel 2029 um 4,1 Milliarden Euro steigen, 2030 dann um 9,4 Milliarden. Hinzu kommen fünf Milliarden jährlich für die Mütterrente ab 2028. Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung 2029 die Entwicklung des Rentenbeitrags und des Bundeszuschusses evaluieren.
Szenario 5: Mehr betriebliche und private Vorsorge
Bundeskanzler Friedrich Merz glaubt offenbar nicht mehr daran, dass die gesetzlichen Zahlungen an künftige Rentnerinnen und Rentner noch ausreichen werden, um den Lebensstandard zu sichern – er spricht von einer „Basisabsicherung“ mit Blick auf die Rentenkasse und fordert zusätzliche kapitalgedeckte Elemente einer betrieblichen und privaten Altersvorsorge „in größerem Umfang“. Dies ist auch ein Thema, mit der sich die eingesetzte Rentenkommission befassen soll.
Die private Altersvorsorge wird bereits seit Langem staatlich gefördert. Doch die Riester-Rente gilt als wenig erfolgreich, das System soll zum Januar 2027 reformiert werden. Zusätzlich hat die Bundesregierung beschlossen, die sogenannte Frühstart-Rente einzuführen. Der Staat zahlt demnach – rückwirkend zum Januar 2026 – für jedes Kind vom sechsten bis 18. Lebensjahr pro Monat zehn Euro in ein individuelles, kapitalgedecktes und privatwirtschaftlich organisiertes Altersvorsorgedepot ein. Ab dem 18. Lebensjahr kann man den angesparten Betrag dann bis zum Renteneintritt privat weiter besparen. Die Erträge aus dem Depot sollen bis zum Renteneintritt steuerfrei sein.
Szenario 6: Erweiterung der Beitragszahlergruppen
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat vorgeschlagen, dass auch Beamte in die Rentenkasse einzahlen sollen. Die Union und der Beamtenbund lehnten den Vorschlag aber ab. Die Deutsche Rentenversicherung hat angeregt, auch Selbstständige einzubeziehen.
In Österreich ist beides schon seit Jahren Realität: Dort zahlen sowohl Staatsbedienstete als auch Selbständige in die Rentenkasse ein. Der Rentenbeitrag liegt bei 22,8 Prozent, die Durchschnittsrente lag 2022 bei 1645 Euro pro Monat, rund 500 Euro höher als in Deutschland. Doch auch im Nachbarland gleicht der Bund die Lücke zwischen Beiträgen und Auszahlungen mit erheblichen Steuermitteln aus.
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Redaktioneller Hinweis: In einer vorigen Version wurde das Haushaltsnettoeinkommen angelegt, um die Höhe der Rente zu beschreiben. Richtig wäre der Rentenzahlbetrag. Das haben wir korrigiert. Der betreffende Abschnitt ist in dieser aktualisierten Version aber nicht mehr enthalten.





















