Sonntag, 29. Januar 2023

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Rohingya-Geberkonferenz in Genf
"Das Geld kann gar nicht schnell genug ankommen"

"Diese Kinder haben zum Teil Dinge in Myanmar erlebt, die kein Kind durchleben sollte", sagte Tamara Lowe von der Hilfsorganisation "Save the Children" im Dlf über die Lage der Rohingya. Hilfsgelder würden für aktuelle Nothilfe, aber auch langfristige psychologische Betreuung benötigt.

Tamara Lowe im Gespräch mit Stefan Heinlein | 23.10.2017

    Ein Mädchen der Rohingya in einem Flüchtlingslager in Bangladesch.
    "Von den über eine halbe Million Flüchtlingen sind 60 Prozent wirklich Kinder", so Tamara Lowe von der Hilfsorganisation "Save the Children" (dpa / picture alliance )
    Stefan Heinlein: Die UNO-Flüchtlingshilfe schlug in dieser Woche Alarm. Der Massen-Exodus der muslimischen Rohingya-Minderheit aus Myanmar gerate außer Kontrolle. Mehr als 600.000 Menschen hätten sich seit dem Sommer auf den Weg gemacht in das bitterarme Nachbarland Bangladesch. Die Situation in den Lagern sei dramatisch, eine tickende Zeitbombe. Vor allem die Kinder hätten zu leiden unter den erbärmlichen Umständen. Es brauche dringend Geld und mehr internationale Hilfe, so der Appell des UN-Kinderhilfswerks UNICEF vor einer großen internationalen Geberkonferenz, die heute in Genf beginnt.
    In Bangladesch sind wir jetzt verbunden mit Tamara Lowe von der Hilfsorganisation "Save the Children". Guten Morgen, Frau Lowe.
    Tamara Lowe: Guten Morgen.
    "Über eine halbe Million Flüchtlinge auf engstem Raum"
    Heinlein: Frau Lowe, Sie erleben persönlich das Elend der Menschen jeden Tag vor Ort, und wir haben die eindringlichen Schilderungen unseres Korrespondenten gerade gehört. Wie dramatisch ist die Situation? Wie schwierig ist die Hilfe für die Menschen vor Ort?
    Lowe: Die Lage hier ist wirklich ernst und ich kann die Geschichten nur bestätigen. Die Geschichten, die mir von den Flüchtlingen bisher erzählt wurden, sind wirklich schockierend. Ich habe Berichte von Angriffen auf Dörfer gehört, wo Menschen erschossen, erstochen, vergewaltigt und sogar bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Und was die Leute hier durchlitten haben, kann man sich gar nicht vorstellen. In den Lagern selber ist die Situation auch sehr ernst. Über eine halbe Million Flüchtlinge - das ist ja quasi die Einwohnerzahl von Nürnberg - leben hier wirklich auf engstem Raum, und es kommen täglich Tausende mehr an. Die Lager platzen hier fast aus allen Nähten.
    Heinlein: Was wird am dringendsten benötigt?
    Lowe: Humanitär gesehen werden dringend mehr Nothilfe-Unterkünfte, Nahrungsmittel, Hygieneartikel und sanitäre Anlagen benötigt. Besonders die sanitären Anlagen hier sind nicht adäquat und es gibt nicht genügend. Die wenigen Toiletten, die es gibt, werden meistens von mehreren hundert Leuten benutzt, und Sie können sich vorstellen, wie unhygienisch das ist. Das ist eine ideale Brutstätte für potenziell tödliche Durchfallerkrankungen wie Cholera. Diese Sachen werden möglichst dringend benötigt, so dass hier halbwegs sanitäre Maßnahmen getätigt werden können.
    Langfristige psychologische Betreuung erforderlich
    Heinlein: Geht es, Frau Lowe, aktuell in erster Linie nur um akute Nothilfe oder richtet man sich bereits darauf ein, auch die Hilfsorganisationen, dass man die Menschen, die Kinder, die ganzen Familien auch dauerhaft versorgen muss in den Lagern, weil sie vorerst nicht zurück können nach Myanmar in ihre Heimat?
    Lowe: Ja. Sie haben gerade die Kinder erwähnt. Das ist natürlich eine Krise, die ganz besonders die Kinder betrifft. Von den über eine halbe Million Flüchtlingen sind 60 Prozent wirklich Kinder, und diese Kinder haben zum Teil Dinge in Myanmar erlebt, die kein Kind durchleben sollte. Ich habe mit einem 16-jährigen Mädchen gesprochen, welches mit ansehen musste, wie vor ihren Augen ihre Nachbarn und Freunde erschossen, erstochen und vergewaltigt wurden, und sie leidet jetzt immer noch an Albträumen. Das geht auch nicht so schnell weg. Für diese Kinder wird unbedingt psychologische Betreuung benötigt, und das auch langfristig gesehen.
    Das ist auch etwas, was "Save the Children" anbietet in einem unserer Schutzzentren für Kinder, wo wir bisher schon knapp über 5.000 Kinder durch Kinderschutzmaßnahmen unterstützt haben. Das beinhaltet zum Teil einfach nur Kindertagesstätten, wo die Kinder spielen können, wo sie einfach mal wieder neue Freunde gewinnen können, wo sie für ein paar Stunden vergessen können, was sie erlebt haben, und wo sie einfach mal wieder Kind sein können.
    Bangladeshs Gemeinden und die Regierung helfen
    Heinlein: Eine gewaltige Aufgabe für Sie und andere Hilfsorganisationen, Frau Lowe. - Bangladesch ist ein armes Land. Wie groß ist denn die Hilfsbereitschaft der einheimischen Bevölkerung? Gibt es irgendeine Art der Zusammenarbeit auch mit den lokalen Behörden vor Ort?
    Lowe: Ja. Bangladesch hat ja nun wirklich die eigenen Probleme. Es ist eines der ärmsten Länder hier in der Region. Was wir aber bisher gesehen haben von der Regierung, aber auch von den lokalen Gemeinden, ist wirklich toll. Die Gemeinden haben ihre Türen geöffnet. Sie haben sogar ihr Essen mit den Flüchtlingen geteilt, und das ist natürlich humanitär gesehen sehr schön anzusehen. Und die Regierung versucht natürlich auch, alles Mögliche zu tun, so dass der schieren Anzahl von diesen Neuankömmlingen auch geholfen werden kann. Sie arbeiten natürlich ganz eng mit Organisationen wie "Save the Children", aber auch der UNO zusammen, um das irgendwie hinzukriegen.
    "Es werden dringendst mehr Gelder benötigt"
    Heinlein: Anders als die Krisen in Syrien oder dem Irak ist Bangladesch, ist Myanmar ja weit entfernt von Europa. Merken Sie das bei der Spendenbereitschaft? Ist die internationale Bereitschaft, Geld zur Verfügung zu stellen, geringer als bei Krisen, die vor Ort in Europa uns direkt betreffen?
    Lowe: Generell kann man schon sagen, dass Krisen, die natürlich näher an Europa sind, generell mehr Medienaufmerksamkeit bekommen und bekommen auch generell mehr Spenden. Allerdings haben wir schon viele Spendengelder reinkommen sehen, was natürlich fantastisch ist. Aber dadurch, dass hier immer mehr Leute ankommen, werden dringendst mehr Gelder benötigt, sodass wirklich allen Leuten hier geholfen werden kann.
    Heinlein: Was erhoffen Sie von dieser Geberkonferenz, die heute in Genf bei uns in Europa stattfindet?
    Lowe: Die Geberkonferenz soll ja 370 Millionen Euro für die Rohingya und auch die aufnehmenden Gemeinden sammeln, und wir hoffen sehr, dass diese Summe erreicht werden kann, denn das Geld kann hier wirklich gar nicht schnell genug ankommen.
    Heinlein: Reichen denn diese 370 Millionen aus oder ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein angesichts von 600.000 Menschen, die aktuell in Bangladesch bei Ihnen vor Ort in den Lagern sind?
    Lowe: Mit dem Geld können erst mal die nötigsten Dinge besorgt werden. Aber langfristig gesehen wird, denke ich mal, noch mehr Geld benötigt, denn das ist ja nicht was, was jetzt wieder in ein paar Monaten vorbei sein wird. Die Menschen werden nicht zurück nach Myanmar gehen, wenn nicht sichergestellt werden kann, dass sie dort sicher sind, und das wird ja im Moment immer noch besprochen und das steht im Moment auch noch gar nicht fest und wir wissen auch nicht, wie lange das dauern wird. Selbst wenn sie zurückkehren - die meisten haben ja nichts mehr. Die ganzen Dörfer wurden ja verbrannt. Das heißt, die Leute haben ja gar nichts mehr, wohin sie zurückgehen können. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass die wohl hier in Bangladesch für eine längere Zeit bleiben werden.
    "Viele Leute wollen zurück"
    Heinlein: Wenn Sie mit den Menschen reden, mit den Rohingya, mit den Müttern, mit den Vätern, haben Sie denn noch einen Funken Hoffnung, dass sie zurückkehren können in ihre Heimat?
    Lowe: Ich hoffe es. Ich hoffe wirklich, dass die UNO und die internationale Gemeinde mit der Regierung in Myanmar verhandeln kann, sodass die Leute wirklich wieder zurückkehren können. Denn viele Leute wollen zurück. Viele sagen mir, ja, ich möchte gerne zurück, ich möchte hier nicht in einem Flüchtlingslager leben. Das ist ja auch verständlich. Die haben ja hier nichts. Die wohnen in provisorischen Notunterkünften. Die Häuser, die bestehen quasi aus Bambus, was dann mit Plastikplanen abgedeckt ist, und wenn es da einmal regnet, dann wird alles sofort matschig, die Leute werden krank, und das ist ja kein Leben auf Dauer. Die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, hatten schöne Häuser, die hatten Farmland, die hatten Tiere. Sie waren zwar nicht reich, aber sie hatten genug, um glücklich zu leben, und das wünsche ich mir natürlich für die Leute, dass sie irgendwann wieder zurückkehren können und ihr früheres Leben wieder fortführen können.
    Heinlein: Im Deutschlandfunk heute Morgen live aus Bangladesch Tamara Lowe von der Hilfsorganisation "Save the Children". Frau Lowe, ganz herzlichen Dank, dass Sie Zeit für uns gefunden haben, und viel Erfolg für Ihre Arbeit.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.