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StartseiteEuropa heuteSchmuggler fahren Mercedes, Zöllner fahren Dacia16.05.2019

Rumäniens EU-AußengrenzeSchmuggler fahren Mercedes, Zöllner fahren Dacia

An der EU-Außengrenze zu Ukraine und Moldau ist Rumänien für die Kontrollen zuständig. Dennoch werden überall in Rumänien unverzollte ukrainische Zigaretten verkauft. Auf Patrouille mit zwei Grenzpolizisten.

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

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Polizisten an der rumänisch-ukrainischen Grenze (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
Kontrolle an der rumänisch-ukrainischen Grenze (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
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Kopftuch, wollene Röcke und Strumpfhosen, darüber eine dicke Daunenjacke, außerdem eine möglichst große Handtasche. So sehen die Schmuggler aus, hier in der Ukraine. Ältere, patente Frauen, die ansonsten den Haushalt schmeißen, kochen, die Enkelkinder versorgen.

Sie stehen einige hundert Meter entfernt vom Grenzübergang Sighet. Dort drüben ist Rumänien, dort beginnt die EU. Wer Zigaretten rüberschmuggelt, kann sich Einiges dazuverdienen. Überall werden sie aus Schachteln geholt und dann unauffällig am Körper verstaut.

"Wir stehen hier nur so rum", sagt eine Frau. Eine andere: "Ich habe nur ein bisschen Hauswein. Sonst nichts."

Zwei Frauen haben ein Tischchen aufgestellt, darauf steht der selbstgemachte Wein. Aber auch sie machen ihr Geld hier definitiv nicht mit Getränken.

Eine der Frauen zieht Zigaretten aus den Schachteln, füllt sie in eine Plastiktüte und reicht sie einer der Frauen auf dem Fahrrad. Die verstaut sie – und rüber geht's.

Über die Grenze, um besser bezahlt zu arbeiten

Viele arbeiten aber auch drüben im rumänischen Sighet, erzählt eine der Frauen.

"Ich arbeite da als Putzfrau, mein Mann auf der Baustelle. Hier in der Ukraine ist es sehr schwer zu überleben."

Eine Sonderregelung für die Bewohner der Grenzregion macht das möglich. Drüben in Rumänien sind die Löhne mittlerweile deutlich höher als in der Ukraine. Und seit viele Rumänen ins Ausland gegangen sind, fehlt es an Bauarbeitern, Putzfrauen und Pflegekräften.

Wir entscheiden uns dagegen, den selbstgemachten Wein zu kaufen, steigen ins Auto, um nun selbst die Grenze zu passieren.

In der Zollkontrolle

Der rumänische Polizist scheint sich zu wundern; Deutsche, die aus der Ukraine nach Rumänien wollen und vorher lange an der Grenze gehalten haben. Verdächtig! Wir werden gebeten, den Wagen zur genaueren Kontrolle in eine Art Werkstatt zu fahren. Der Unterboden des Autos wird genau begutachtet – die Grenzer erkundigen sich nach Inhalt und Wirkung des Mate-Getränks im Kofferraum.

Währenddessen radeln und spazieren die Schmuggel-Omis von der Ukraine nach Rumänien – und wieder zurück.

Dann dürfen wir endlich wieder einsteigen und auch rüberfahren: Zurück in die Europäische Union.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Europa, das ist hier! Wie der EU-Beitritt ein rumänisches Dorf verändert hat".

Auf der anderen Seite der Grenze,  auf der Nationalstraße 19 sind Toader Koman und sein Kollege Daniel Băg von der Grenzpolizei auf Zigarettenschmuggler-Fang:

"Der Zigarettenschmuggel aus der Ukraine ist das größte Problem hier. Die Schmuggler bringen die Ware über die grüne Grenze oder auch durch die Übergänge, versteckt in den Fahrzeugen."

Im vergangenen Jahr wurden Zigaretten im Wert von drei Milliarden Lei über die ukrainisch-rumänische Grenze geschmuggelt, schätzen die Behörden – 650 Millionen Euro. Die Haupt-Schmuggelroute liegt im Bezirk von Toader und seinen Kollegen.

Schmuggel-Lastwagen mit doppelter Wand

Toader Koman stellt sich mitten auf die Fahrbahn, weist mit einer abgewinkelten Hand zum Straßenrand.
Der Polizist und sein Kollege halten einen schwarzen BMW an: Darin zwei Jungs, eine junge Frau. Der eine mit Baseball-Kappe, auf dem vorne ein grünes Cannabisblatt aufgestickt ist.

"Der Wagen kommt aus einem Ort, wo viel geschmuggelt wird, da schauen wir jetzt genauer hin und suchen nach Veränderungen am Auto", erklärt Toader Koman.

Der Tankdeckel will einfach nicht aufgehen. Das macht die beiden Beamten noch misstrauischer. Vergeblich drückt der Fahrer immer wieder gegen das Türchen.

Bis der Tank sich schließlich doch öffnet: Außer Treibstoff nichts drin. Der BMW darf weiterfahren. Aber gestern, da hatten sie richtig Glück, erzählt Toader:

"Da haben wir zwölf Boxen mit je 500 Packungen Zigaretten gefunden, in einem Fleischtransporter mit doppelter Wand."

Ein Euro für eine Schachel in der Ukraine, vier in Rumänien

Toader Komans Kollege Daniel Băg sagt:

"Früher gab es hier keinen Zigaretten-Schmuggel, weil die Zigarettenpreise ähnlich waren. Mit dem EU-Beitritt haben die Probleme angefangen. Jetzt ist es ein Riesengeschäft."

Etwa einen Euro kostet die Schachtel in der Ukraine, in Rumänien sind es mindestens vier Euro. Man finde die geschmuggelten Zigaretten aus der Ukraine nun im ganzen Land.

"Manchmal greifen wir auch illegale Einwanderer auf. Wir hatten mal einen Inder, einen Syrer  – und einen Pakistaner. Aber das kommt selten vor."

Nachdem die beiden noch mehrere Wagen überprüft haben, ohne etwas zu finden, beenden sie die Autokontrolle für heute. Sie fahren noch näher an die Grenze heran in die Berge. Die Straße wird immer holpriger, und Toader erzählt, was er bei seinen Kontrollen erlebt.

"Die Schmuggler sind sehr geschickt: Wir haben schon Zigaretten in Getränkeflaschen gefunden, in Kuchen, einmal sogar in einem Holzfass, versteckt unter Sauerkraut."

Schmuggler viel besser ausgestattet

Der Weg wird immer schlammiger und steiler. Nirgends ist mehr ein Haus zu sehen. Der Dacia-Geländewagen hat ziemlich zu kämpfen.

"Mercedes-Geländewagen fahren nur Mafiosi, die Schmuggler! Wir haben halt unseren Dacia. Das sind unsere neuesten Autos."

Und auch sonst seien die Schmuggler viel besser ausgestattet, meinen die beiden Beamten.

Im Vergleich zu anderen rumänischen Polizeikräften seien sie allerdings sehr gut ausgerüstet, weil hier im Norden Rumäniens die Außengrenze der EU verläuft.

"Wir haben jetzt immerhin gute Nachtsichtgeräte, mehr Autos, bessere Funkgeräte", sagt Toader. Sein Kollege: "Wir haben eine neue Wache. Und werden besser bezahlt. Das sind schon Vorteile."

Irgendwann geht es mit dem Auto nicht mehr voran.

"Von hier geht es nur noch zu Fuß weiter – das würde acht Stunden dauern bis zur Grenze. Der Weg hört gleich da hinten auf."

"Ich habe mich für meine Heimat entschieden"

Holzarbeiter haben einen Traktor geparkt und einen Bauwagen aufgestellt, hier leben sie unter der Woche. Mitten in dieser rauen Bergwelt, kein Hof, kein Mensch weit und breit.

Daniel Băg bittet sie, die Augen aufzuhalten, es zu melden, wenn jemand vorbeikommt: Denn wer hier unterwegs ist, kann eigentlich nur ein Zigaretten-Schmuggler oder Holzdieb sein.

Dann wenden die Beamten den Wagen, fahren zurück, stoppen nur noch einmal kurz an einer kleinen Quelle. Frisch schmeckt das Wasser hier, die ersten Frühlingsblumen blühen daneben.

Fast alle seiner Mitschüler seien aus dieser ländlichen Region weggegangen, erzählt Toader. Nach Italien, Spanien oder nach Deutschland. Er wollte das nie.

"Ich habe mich für meine Heimat entschieden. Auch hier kann man ganz gut leben, wenn man arbeitet. Ich verdiene nicht besonders viel, aber ich bekomme jeden Monat meinen Lohn. Ein Traumjob ist es nicht, aber mir gefällt die Arbeit!"

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