
Bei öffentlichen Auftritten wie der Feier zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs stellen sich Russland und China als Freunde dar. Aber unter der Oberfläche brodeln Konflikte, weil Russland stärker von China abhängig ist als umgekehrt. Das nutzt China aus. Besonders deutlich wird das in Zentralasien, wo Russland traditionell großen Einfluss hatte. Doch nun wird China dort mächtiger, und Russland verliert an Einfluss – beschleunigt durch den Krieg in der Ukraine.
Warum Zentralasien wichtig für Russland und China ist
Die Region Zentralasien mit den fünf sogenannten „Stan-Ländern“ Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan, grenzt sowohl an Russland als auch an China. China kann über Zentralasien Waren nach Europa bringen und dabei Russland umgehen. Dazu gibt es in der Region viele Rohstoffe: sowohl Öl, Gas als auch seltene Erden.
Für Russland ist Zentralasien seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs wichtiger geworden, weil es deutlich weniger Waren nach Europa liefern kann. Stattdessen handelt Russland nun auch mehr mit Zentralasien.
Die Vorgeschichte Russlands mit Zentralasien
Historisch gehörten die fünf „Stan-Länder“ Zentralasiens zur Sowjetunion. Als eigenständige Staaten gründeten sie sich Anfang der 1990er-Jahre. Doch auch heute bestehen viele informelle Verbindungen zu den zentralasiatischen Ländern: Die Eliten in der dortigen Politik, dem Militär, den Geheimdiensten sind zum größten Teil noch zu Zeiten der Sowjetunion aufgewachsen. Sie sprechen russisch und pflegen persönliche Kontakte.

Dazu verlaufen große Straßenverkehrsrouten, Zugverbindungen und Ölpipelines zum größten Teil Richtung Russland, sagt Politikwissenschaftler Stefan Meister: „Praktisch die gesamte Infrastruktur, die wir in Zentralasien haben, ist ja auf Moskau ausgerichtet. Das ist ein Erbe der Sowjetunion. Das macht diese Länder abhängig von Russland, was ihre strategische Infrastruktur betrifft.”
Diese Abhängigkeit macht die Länder angreifbar gegenüber Russland. Ein Beispiel: 2022 weigerte sich der kasachische Präsident Kassym-Jomart Tokayev, die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk in der Ost-Ukraine als Staaten anzuerkennen. Russland blockierte daraufhin die Ausfuhr von kasachischem Öl über das Schwarze Meer - offiziell war der Grund, dass Seeminen gefunden worden seien. Doch das komme immer wieder vor, sagt der Politikwissenschaftler Stefan Meister. Diese Strategie nutze Russland, um Druck auszuüben auf die Länder Zentralasiens.
Welchen Einfluss der Krieg in der Ukraine hat
Durch den Krieg in der Ukraine hat sich das Ungleichgewicht von Russland und China weiter verstärkt: Aufgrund von Sanktionen konnte Russland in den letzten Jahren deutlich weniger Öl gen Westen verkaufen. Diese Sanktionen wurden infolge des Iran-Kriegs zwar teilweise vorübergehend gelockert und auch der gestiegene Ölpreis spielt Moskau in die Karten.
Dennoch steht fest, dass Russland seit seinem Angriff auf die Ukraine bei seinen Energie-Exporten auf andere Partner ausweichen musste - zum Beispiel auf China. Außerdem ist Russland für seinen Krieg angewiesen auf die Technologie aus China. China liefere Dual-Use-Güter, ohne die Russland zum Beispiel keine Drohnen für den Krieg in der Ukraine hätte, sagt Sören Urbansky, der mehrere Bücher zu den russisch-chinesischen Beziehungen veröffentlicht hat.
Dazu schwächt der Krieg Russlands Position in der Region, sagt der Politikwissenschaftler Stefan Meister: „Der Krieg in der Ukraine beschleunigt im Prinzip Russlands Abstieg als globale Macht, aber auch als regionale Macht im post-sowjetischen Raum.” Denn Russland werde in Zentralasien nun stärker als Bedrohung wahrgenommen.
Zentralasien suche sich deswegen andere Partner, zum Beispiel arabische Staaten, die USA oder auch die EU. China bleibt für die zentralasiatischen Staaten aber die wichtigste Alternative zu Russland, sagt der Historiker Sören Urbansky.
Belt-and-Road-Initative: China investiert in Zentralasien
2013 verkündete Xi Jinping in Kasachstan die Belt-and-Road-Initiative, die auch als neue Seidenstraße bekannt ist. Sie gilt als eines der größten Infrastrukturprojekte der Welt. Ein Prestigeprojekt in der Region ist die China-Kirgistan-Usbekistan-Eisenbahn, abgekürzt CKU-Bahn.
Offiziell startete das Projekt im Jahr 2024, 2030 sollen die ersten Züge fahren. Es ist zwar nicht die erste Strecke, die Asien mit Europa verbindet. Aber die CKU-Eisenbahn hat aus Pekings Sicht zwei Vorteile: Zum einen sollen Waren sieben bis zehn Tage schneller von China nach Europa kommen als bisher.
Dazu kommt ein weiterer Vorteil aus der Sicht Chinas, erklärt die Sinologin Eva Seiwert: Die anderen Strecken verlaufen nahe der russischen Grenze oder sogar in Russland, wie zum Beispiel die bekannte transsibirische Eisenbahn. Die Strecke der neuen CKU-Eisenbahn hingegen verläuft weit weg von Russlands Zugriffszone.
Auch die Bevölkerung passe sich an Chinas wachsenden Einfluss an, sagt Temur Umarov, der aus Usbekistan stammt und am Carnegie-Russia-Eurasia-Center zu Zentralasien forscht. Junge Menschen lernen immer häufiger Chinesisch, weil es für sie mehr Jobmöglichkeiten bringt. So werde die Bindung an Russland immer schwächer: „Man kann Russland nicht einfach den Rücken zukehren, weil es zu gefährlich ist. Aber was China bringt, ist die Aussicht auf Zukunft”, sagt er.
Auch politisch wächst Chinas Macht: Laut der Sinologin Eva Seiwert hat China in den frühen 2000er-Jahren stark darauf geachtet, Russland mit einzubeziehen, zum Beispiel mit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Doch mittlerweile nehme China weniger Rücksicht auf Russland, sagt sie. Neben der SCO schaffte China daher ein neues Format: den China-Central Asia Summit. Hier bleibt Russland außen vor: „Ich finde es ist ganz anschaulich, wenn man bedenkt, dass der erste China Central Asia Summit 2023 in Xian stattgefunden hat, also ein Jahr nach der Vollinvasion Russland, also für die Ukraine, und das zeigt auch, dass China da seine Politik geändert hat.”
Früher habe Russland versucht, Chinas wachsenden Einfluss in der Region einzudämmen, sagt die Sinologin Eva Seiwert. Doch mittlerweile habe Russland verstanden, dass man Chinas Machtgewinn nicht verhindern könne, sagt der Politikwissenschaftler Temur Umarov. Und so gebe es keine offiziellen Statements gegen Chinas Expansion in Zentralasien. Ein Grund dafür ist laut dem Historiker Sören Urbansky, dass die angebliche Freundschaft mit China für Putin wichtig ist, um sich nicht isoliert darzustellen: „China ist nach wie vor bereit, Putin schöne Fernsehbilder zu geben. Das ist innenpolitisch ein Kapital für Putin.”
Die Folgen des Iran-Kriegs und Zukunft der Region
Bisher importierte China viel Öl aus dem Iran. Jetzt muss China auf Russland ausweichen, sagt die Sinologin Eva Seiwert: „Hier kann Russland die Konditionen der Öllieferungen wieder etwas mehr mitbestimmen, da China sehr viel mehr abhängig von dem russischen Öl ist, als es das im Normalfall ist.”
Doch dass sich das Machtgefälle zwischen China und Russland grundsätzlich ändern wird, ist Beobachtern zufolge unwahrscheinlich. Denn dafür braucht Russland China dringend als Handelspartner und Technologie-Lieferant.
China wird wohl weiterhin seine Interessen in Zentralasien durchsetzen, auch auf Kosten Russlands. Für den Historiker Sören Urbansky steht fest, dass China trotzdem darauf achten wird, Russland nicht zu sehr zu schwächen oder zu brüskieren: „Ein Faktor, der in Europa zu wenig beachtet wird, ist, dass China und Russland Nachbarstaaten sind und China kein Eigeninteresse daran hat, dass Russland zu sehr politisch geschwächt wird.”
Urbansky glaubt, dass China Russland daher genug unterstützen wird, dass das politische Regime in Russland nicht zusammenbricht.













