
Über Russlanddeutsche ist hierzulande wenig bekannt, stattdessen kursieren über sie viele Vorurteile und Klischees. Das mag auch daran liegen, dass sie in den Medien vor allem dann auftauchen, wenn es um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder um die AfD geht.
Dabei sind russlanddeutsche Spätaussiedler eine der größten Migrantengruppen in Deutschland. Wer also sind die Russlanddeutschen? Und wie steht es wirklich um ihre Integration?
Wer sind die russlanddeutschen Spätaussiedler?
Als Russlanddeutsche werden die Nachfahren von Siedlern aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa bezeichnet, die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ins russische Reich auswanderten und sich dort niederließen. Sie kamen aus verschiedenen Regionen und gehörten unterschiedlichen Religionen an. Der Sammelbegriff Russlanddeutsche entstand erst im 20. Jahrhundert.
Warum sind die Russlanddeutschen nach Deutschland migriert?
Mit Anfang des Kriegs gegen Deutschland 1941 verdächtigte Stalin die Russlanddeutschen aufgrund ihrer deutschen Wurzeln kollektiv der Kollaboration mit Hitler. Er wollte sie so weit wie möglich von der Front verbannen, deportierte viele nach Kasachstan und Sibirien. Viele erwartete dort Zwangsarbeit, Frost, Hunger und Krankheiten. Für manche bedeutete es den Tod.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 1953 das Bundesvertriebenengesetz verabschiedet. Das Gesetz stufte Russlanddeutsche als Opfer des NS-Regimes ein. Die Begründung dahinter: Hitler-Deutschland war schuld am Zweiten Weltkrieg – und damit auch an der Deportation der deutschen Minderheit. Quasi als Wiedergutmachung wurden die Russlanddeutschen mit Vertriebenen und Flüchtlingen aus den ehemals deutschen Gebieten gleichgestellt – und konnten nach Deutschland auswandern.
Die Mehrheit der Russlanddeutschen wanderte während der Perestroika und nach dem Zerfall der Sowjetunion aus. Insgesamt kamen etwa 2,4 Millionen Aussiedlerinnen oder Spätaussiedler nach Deutschland. Die meisten leben in den westlichen Bundesländern, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen.

Wie verlief die Integration?
Die Migrationsgeschichte vieler Russlanddeutscher sei insgesamt eine Erfolgsgeschichte, sagt der Historiker Jannis Panagiotidis. Im Hinblick auf ökonomische Indikatoren wie Arbeitslosigkeit, Erwerbstätigkeit, Arbeitsmarktpartizipation und Einkommen seien Russlanddeutschen vergleichsweise gut eingegliedert.
Sich möglichst schnell anpassen, die Herkunft verstecken. So beschreibt Autorin Ira Peter im Buch “Deutsch genug?” ihre eigene Familiengeschichte.
Der Start ins neue Leben in Deutschland sei nicht einfach gewesen. In Kasachstan oder Sibirien galten sie als die Deutschen, hier waren sie plötzlich die Russen. Rassismus schlug ihnen entgegen. Die Medien berichteten vor allem über Sprachbarrieren, aber auch Alkohol, Drogenkonsum und Gewaltbereitschaft. „Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten: Ansturm der Armen“ titelt der „Spiegel“ damals.
Auch wurden die Berufsabschlüsse von etwa 90 Prozent der Russlanddeutschen in Deutschland nicht anerkannt.
Nach den 1990er-Jahren sei es medial ruhiger um die Gruppe geworden, so Peter, bis zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Seitdem wird von ihnen oft gefordert, Stellung zu dem Thema zu beziehen.
Viele Russlanddeutsche sähen sich in den Medien nicht angemessen dargestellt, so Peter. Sie vermissten beispielsweise Berichte über ihre Integrationsleistungen.
Wahlverhalten: Wie positionieren sich Russlanddeutsche?
Studien legen nahe, dass die AfD unter Russlanddeutschen in den letzten Jahren an Zuspruch gewonnen hat: Laut einer repräsentativen Analyse der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung beabsichtigten 31 Prozent der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr die AfD zu wählen. Am Wahltag selbst kam die Partei schließlich bei der wahlberechtigten Gesamtbevölkerung auf knapp 21 Prozent.
Wie russischdeutsche Wähler gewandert sind
Ein Blick in die jüngere Geschichte kann das Wahlverhalten der Russlanddeutschen erklären, so Janis Panagiotidis: Denn in den 1990er-Jahren hätten die Russlanddeutschen mit großer Mehrheit CDU gewählt. Der Grund dafür: der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl.
Kohl gilt und galt vielen Menschen als „Kanzler der Einheit“, weil es während seiner Amtszeit zum Ende der Sowjetunion und zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten kam. Russlanddeutsche hätten ihn „quasi als ihren Schutzpatron betrachtet, der sie aus der Sowjetunion herausgeholt hat“.
Von dieser starken Zuwendung zur CDU ist nicht mehr viel übrig geblieben. Diese Verschiebung spiegelt sich auch in Untersuchungen wie der von der Konrad-Adenauer-Stiftung wider. Dort zeigt sich: Der Anteil der CDU-Wähler unter den Russlanddeutschen hat sich zwischen 2015 und 2025 auf 25 Prozent mehr als halbiert. Im gleichen Zeitraum verzehnfachte er sich bei der AfD von drei auf 31 Prozent. „Da, wo früher größtenteils CDU gewählt wurde, wird jetzt in höherem Maße AfD gewählt“, fasst Panagiotidis zusammen.
Die AfD nimmt für sich in Anspruch, das politische Sprachrohr der Bevölkerungsgruppe zu sein. Das gelinge ihr bei den Russlanddeutschen teilweise gut, sagt der Politikwissenschaftler Achim Goerres. Er untersucht das Wahlverhalten von Menschen mit Migrationshintergrund.
So habe die AfD als eine der ersten Parteien ihr Wahlprogramm auf Russisch übersetzt – eine symbolische Geste an die Russlanddeutschen, auch wenn diese meist gut Deutsch sprechen. Die AfD als Kümmerer und als einzige Partei, die die Sorgen der Russlanddeutschen ernst nimmt: Dieses Narrativ verbreite sich auch deswegen in Teilen der Community so erfolgreich, weil andere Parteien sie in der Vergangenheit vernachlässigt hätten, so der Historiker Jannis Panagiotidis.
Doch das ist nicht das gesamte Bild. Denn: Wenn gut 30 Prozent der Russlanddeutsche mit der AfD sympathisieren, tun knapp 70 Prozent es nicht. Auch habe sich das Wahlverhalten der Russlanddeutschen über die letzten 30 Jahre ausdifferenziert, so Panagiotidis. Während die Zustimmung zu linken Parteien etwa in den 90er-Jahren nur marginal gewesen sei, wählten heute rund 40 Prozent der Russlanddeutschen SPD, Grüne, Linkspartei oder BSW. In etwa so viel also, wie in der Gesamtbevölkerung auch.
Weiter hebt Panagiotidis hervor: Es gebe beispielsweise nicht wenige Russlanddeutsche, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Auch weil sie durch ihre russischen Sprachkenntnisse für viele Geflüchtete aus der Ost- und Südukraine nützliche Ansprechpartner seien.
Sind Russlanddeutsche „prorussisch“?
Schätzungsweise etwa 20 Prozent der Russlanddeutschen haben sich prorussisch positioniert, so die Journalistin Ira Peter. Diese Gruppe sei empfänglich für russische Narrative.
Russland versuche gezielt, Menschen in Deutschland mit einer sowjetischen oder postsowjetischen Sozialisation anzusprechen. Ein Teil der Russlanddeutschen sei dafür empfänglich, beispielsweise diejenigen, die sich in der deutschen Gesellschaft nicht gut aufgenommen fühlten. Doch die Mehrheit der Russlanddeutschen sei für diese Propaganda nicht erreichbar.
csh

















