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Ruthenium-Wolke über EuropaSpuren führen nach Russland

31 europäische Länder meldeten im Oktober 2017 die Messung des ungewöhnlichen, radioaktiven Stoffes Ruthenium in der Luft. Die Suche nach den Ursachen führte zur Atomfabrik Majak in Russland. Doch die russische Seite bestreitet die Richtigkeit der Indizien. Das Bundesamt für Strahlenschutz fordert nun unabhängige Messungen in Majak.

Von Reinhard Brüning

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Mitarbeiter in der russischen  kerntechnischen Anlage Majak neben Behältnissen, die laut Kennzeichnung radioaktives Material enthalten (dpa / Ria Nowosti )
Die Suche nach den Ursachen der Ruthenium-Wolke von 2017 führte zur Atomfabrik Majak in Russland (dpa / Ria Nowosti )
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"Das war dann eben am 3. Oktober, dass auch in Deutschland dann dieser Stoff nachgewiesen werden konnte. Und in wenigen Tagen kamen dann insgesamt Meldungen von 31 europäischen Ländern zusammen, in denen überall dieser ungewöhnliche radioaktive Stoff gemessen wurde."

Der Stoff, von dem Florian Gering vom Bundesamt für Strahlenschutz berichtet, ist das radioaktive Element Ruthenium. Eigentlich gibt es ein internationales Meldesystem für Unfälle, bei denen radioaktive Stoffe freigesetzt werden. Aber es kam keine solche Meldung und damit begann die Suche nach dem Verursacher.

"Stoff stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Russland"

Indiz 1: Die Herkunftsregion der Wolke.

Die lässt sich mit Hilfe der Werte unterschiedlicher Messstationen durch so genannte Rückwärtsrechnungen eingrenzen. Florian Gering war einer der ersten, der solche Berechnungen durchführte.

"Wir können also inzwischen sagen: Der Stoff stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Gebiet des Urals, in Russland - genauer sogar aus dem südlichen Ural."

Florian Gering schickte seine Berechnungen an die russischen Behörden und wollte wissen, was los ist.

"Die offizielle Antwort der russischen Regierung kam auch relativ schnell, dass kein Unfall und auch keine Freisetzung von diesem Ruthenium-106 auf russischem Gebiet stattgefunden hat."

Wiederaufbereitungsanlage als Verursacher wahrscheinlich

Indiz 2: Die Zusammensetzung der radioaktiven Wolke.

Es gibt kaum Anwendungen für Ruthenium - nur wenige in der Medizin. Könnte es ein Unfall in diesem Bereich sein? Florian Gering hat die Aktivität in Zerfällen pro Sekunde berechnet: etwa 100 bis 300 Tera-Becquerel. Das ist für einen Unfall mit medizinischem Material viel zu hoch - allerdings auch um drei Größenordnungen kleiner als in Tschernobyl.

Bei einem Reaktorunglück wird ein ganzer Cocktail von radioaktiven Isotopen freigesetzt. Hier war es aber nur Ruthenium. Aus diesem Grund kommt für Florian Gering eigentlich nur eine Wiederaufbereitungsanlage in Frage. Seine Berechnungen zeigen:

"Dass das also schon eine sehr große Anlage sein muss, die überhaupt solche Mengen von Brennelementen aufarbeitet. Wir rechnen damit, dass ein paar Tonnen Brennelemente aufgearbeitet werden müssen, um überhaupt diese Ruthenium-Aktivität zu erreichen, die freigesetzt wurde."

Fakt ist: In dem fraglichen Gebiet ist nur eine solche Anlage bekannt: der Atomkomplex Majak. Dort wo früher Atombomben gebaut wurden, ist heute eine große Wiederaufbereitungsanlage.

Hypothesen erhärten sich

Indiz 3: Ein ungewöhnlicher Auftrag.

Florian Gering sieht eine mögliche Verbindung zu einem Auftrag des europäischen Teilchenphysik-Labors in Gran Sasso. Das bestellte in Majak eine sehr starke Strahlenquelle. Dafür wurden 40 Gramm des Isotops Cerium-144 benötigt.

"Das ist ein plausibler Prozess, bei dem das auftreten könnte. Das heißt bei der Isolation dieses Cerium-144 würde auch Ruthenium-106 in mindestens so großen Mengen auftreten, wie es dann letztlich freigesetzt wurde und über Europa verteilt wurde."

Und es gibt noch weitere Gründe, die diese Hypothese erhärten: Im Dezember sagte Majak den Auftrag ab - wegen "unerwarteter technischer Schwierigkeiten".

Und ein britischer Physiker hat Satelliten-Bilder ausgewertet. Dabei kam heraus, dass in Majak ein Dach repariert wurde - kurz nachdem die radioaktive Wolke entdeckt worden war.

Russische Seite bestritt die Vorwürfe

Am 31. Januar traf sich eine international besetzte Untersuchungskommission in Moskau. Dort wurden diese Indizien vorgetragen, aber die russische Seite bestritt, dass Majak etwas mit dem Ruthenium zu tun habe. Florian Gering war in Moskau mit dabei.

"Es beunruhigt mich, dass wir jetzt auch noch viele Monate später in der Tat noch nicht sagen können, bei welchem Prozess es zu dieser Freisetzung gekommen ist. Dass wir damit eben auch nicht sagen können, ob es nicht irgendwo hier weiterhin ein Sicherheitsrisiko gibt für zukünftige Freisetzungen."

Letztlich wird sich der Fall nur klären lassen, wenn rund um Majak viele Messungen durchgeführt werden. Im Moment macht Russland das selbst - wichtig wären aber noch zusätzliche unabhängige Messungen.

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