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StartseiteInterview"Es geht ganz klar um die Technologieführerschaft"21.05.2019

Sanktionen gegen Huawei"Es geht ganz klar um die Technologieführerschaft"

IT-Experte Jan-Peter Kleinhans sieht in den Sanktionen gegen Huawei vor allem Ängste der USA, die Vormachtstellung im Bereich des Mobilfunks zu verlieren. Mittlerweile gebe es chinesische Unternehmen, die innovative Produkte herstellten. "Hier kratzt jemand am Thron der USA", sagte Kleinhans im Dlf.

Jan-Peter Kleinhans im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Ausgestellte Huawei-Smartphones mit Logo (www.imago-images.de/Mads Rasmussen)
Huawei-Modelle sollen nicht mehr mit Google-Diensten ausgestattet werden (www.imago-images.de/Mads Rasmussen)
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Jörg Münchenberg: Ohne Hightech geht nichts in der digitalen Welt, egal ob es sich dabei um Speicherchips handelt oder wichtige Programme. Ohne neueste Hard- und Software wird auch aus dem schicksten Smartphone schnell ein Ladenhüter. Doch genau das droht nun Huawei, immerhin der zweitgrößte Handy-Hersteller der Welt, denn wegen der US-Sanktionen werden künftige Huawei-Modelle wohl nicht mehr mit Google-Diensten ausgestattet. Außerdem dürfte es erheblich schwieriger werden, aus den USA noch Speicherchips zu beziehen.

Am Telefon ist nun Jan-Peter Kleinhans von der digitalen Denkfabrik Stiftung Neue Verantwortung. Herr Kleinhans, einen schönen guten Morgen.

Jan-Peter Kleinhans: Schönen guten Morgen.

Münchenberg: Wie muss man sich das vorstellen, was da Huawei droht? Wird der chinesische Konzern technisch jetzt ausgehungert?

Kleinhans: Das kann man in der Tat so attestieren, weil es geht letztlich auf eine Entscheidung der US-Regierung zurück, die letzte Woche Huawei und insgesamt 68 seiner Tochterunternehmen als Risiko für die nationale Sicherheit eingestuft hat. Das bedeutet automatisch, dass es sehr schwierig wird für US-amerikanische Unternehmen, überhaupt noch Geschäfte mit Huawei zu machen. Das heißt, Google ist hier letztlich einer Anforderung der US-Regierung einfach gefolgt und hat somit die Geschäftsbeziehungen weitestgehend mit Huawei beendet.

Das hat für, wie Sie schon richtig angemerkt haben, bestehende Handys erst mal bedingt Auswirkungen, weil Google direkt klargestellt hat, bisherige Huawei-Handys werden weiterhin Sicherheitsupdates bekommen, sie werden weiterhin Zugriff auf den Google App Store haben. Die Crux sind allerdings die zukünftigen Geräte, die neuen Geräte, weil hier wird Google Huawei keine Lizenz mehr ausstellen dürfen. Das bedeutet in der Tat, dass Huawei zwar weiterhin hoch innovative Handys herstellen kann, die dann aber seitens Software nicht mehr mit dem vollen Google-Ökosystem, das heißt YouTube, Google-Suche, dem Zugriff auf den App Store, den neuesten Updates versorgt werden können.

Im großen Kontext des US-China-Handelskriegs

Münchenberg: Ist das denn, Herr Kleinhans, jetzt eine angemessene Reaktion von Google, oder eher doch vorauseilender Gehorsam in Richtung Washington?

Kleinhans: Ich würde sagen, das ist eine nachvollziehbare Reaktion, und ich denke, die Kritik sollte hier eher seitens der US-Regierung zu suchen sein, weil man sieht schon, dass die US-Regierung jetzt wieder zurückrudert und eine 90 Tage temporäre Lizenz ausgesprochen hat für die Kooperation mit Huawei. Das bedeutet, man hat letzte Woche sich entschieden, Huawei ist ein nationales Sicherheitsrisiko, hat sich aber dann wenige Tage später dazu entschieden, na ja, aber man kann doch noch weiter mit ihnen Geschäfte machen. Das ist für mich ein bisschen ambivalent und ist für mich daher auch in dem großen Kontext des derzeitigen US-China-Handelskrieges zu sehen. Das heißt, ich denke, im Vordergrund steht hier nicht eine IT-Sicherheit und technische Sicherheitsanalyse, dass Huawei-Produkte tatsächlich eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen, sondern das Kalkül der US-Regierung, über Huawei ganz deutlich Druck auf China im Zuge des Handelskrieges ausüben zu können.

Münchenberg: Nun steht ja, Herr Kleinhans, immer noch dieser Vorwurf der Spionage im Raum, dass Huawei letztlich auch Spionage betreiben könnte im Auftrag der Staatsregierung in Peking selbst. Diese Vorwürfe sind ja nicht bewiesen. Ist dieser Schritt, den man jetzt gemacht hat mit den Sanktionen, nicht viel zu drastisch, denn er könnte in letzter Konsequenz auch dazu führen, dass ein riesiger Konzern in die Knie gezwungen wird? Oder ist das vielleicht nicht auch beabsichtigt, dass man hier versucht, einen Konkurrenten sich vom Leibe zu schaffen?

Kleinhans: Ich würde sagen, absolut Letzteres. Man hat das sehr schön gesehen. Vor wenigen Wochen wurde von dem US-Verteidigungsministerium auf deren Innovation Board ein Bericht zu 5G veröffentlicht, und in diesem öffentlichen Bericht sagt das Verteidigungsministerium ganz klar, dass es weniger um die IT-Sicherheit geht und die Gefahr der Spionage, sondern ganz klar um die Technologieführerschaft. Wir haben uns an die Technologieführerschaft der USA in den letzten Jahren gerade im Bereich IT und im Bereich 4G, der derzeitigen Mobilfunkgeneration, sehr gut gewöhnt, und mittlerweile gibt es auch chinesische Player wie ein Huawei, wie ein ZTE, die in der nächsten Generation, im 5G-Zeitalter hoch innovative und hoch kompetitive Produkte herstellen, und hier kratzt jemand an dem Thron der USA. Das wird jetzt über den US-Handelskrieg mit China ausgetragen und hier ist tatsächlich Huawei ein gutes Druckmittel, gerade weil generell die chinesische Industrie noch sehr stark abhängig ist von US-amerikanischen IT-Unternehmen und von US-amerikanischen Halbleitern.

In bestimmten Halbleiterbereichen liegt China noch zurück

Münchenberg: Auf der anderen Seite, Herr Kleinhans, stellt auch China jetzt selber Speicherchips her. Es gibt eine eigene Software. Kann da Huawei nicht auch irgendwelche Ausweichstrategien fahren?

Kleinhans: Absolut! Und ich glaube, die derzeitigen Maßnahmen der US-Regierung bestärken China darin, seine strategische Autonomie zu beschleunigen und mehr Ressourcen, mehr Investitionen in die eigene IT zu stecken, um zukünftig selbst leistungsfähige Prozessoren, leistungsfähige Speicherchips und Ähnliches herzustellen. Das sind sie noch nicht. Experten gehen davon aus, dass in bestimmten Halbleiterbereichen China noch zwei bis drei Generationen zurückliegt. Aber solche Maßnahmen, wie wir sie derzeit seitens der US-Regierung sehen, bestärken China darin, hier aufzuholen.

Münchenberg: Auf der anderen Seite muss man ja sagen, ein Handy oder ein Smartphone ohne die Dienste von Google, das wird für sicherlich viele Kunden nicht gerade sehr attraktiv sein, außerhalb des Marktes von China.

Kleinhans: Absolut! In der Vergangenheit gab es ja viele Kontrahenten, die versucht haben, sei das jetzt Amazon oder Microsoft, MyGo und Ähnliche, ein eigenes mobiles Betriebssystem auf die Beine zu stellen, und das hakt immer wieder daran, dass Google und auch Apple einfach zwei extrem mächtige Ökosysteme erschaffen haben, an die man so leicht nicht herankommt.

Münchenberg: Dass die amerikanische Regierung Huawei so dermaßen unter Druck setzt, wie wird das insgesamt die Branche verändern? Lässt sich das schon ein bisschen einschätzen?

Kleinhans: Ich denke, dass es sehr darauf ankommt, wie stark jetzt seitens der US-Regierung zurückgerudert wird. Wenn es de facto wie jetzt zwar offiziell diese Einstufung als Risiko für die nationale Sicherheit gibt, aber gleichzeitig weiterhin temporäre Lizenzen ausgesprochen werden, denke ich, kann man von einer Schadensbegrenzung sprechen. Sollte es seitens der US-Regierung komplett eskalieren und tatsächlich zu einem fortlaufenden Embargo von Huawei kommen, dann würde das tatsächlich starke Auswirkungen nicht nur auf die Endgeräte haben, sondern man darf auch nicht vergessen, dass Huawei ein Infrastruktur-Anbieter ist, ein Netzausrüster ist und hier auch auf US-amerikanische Technologie angewiesen ist. Das heißt, weltweit hat das auch die Konsequenz, dass zum einen die Weiterentwicklung im Bereich 5G Schaden nehmen wird und das einfach massiv Kollateralschäden hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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