Freitag, 02. Dezember 2022

Betrugsvorwürfe im Schach
Neue Phase der Verdächtigungen

Magnus Carlsen ist für große Schach-Schlagzeilen zuständig: Er will seinen Titel nicht verteidigen und nun gibt es einen großen Zwist mit einem US-amerikanischen Kontrahenten. Hans Niemann hat Betrug bei Online-Spielen in der Vergangenheit zugegeben. Carlsen suggeriert, er habe wieder betrogen.

Ulrich Stock im Gespräch mit Astrid Rawohl | 25.09.2022

Schachweltmeister Magnus Carlsen in seiner elften Partie gegen Jan Nepomnjaschtschi bei der WM in Dubai
Schachweltmeister Magnus Carlsen ist im Clinch mit dem jungen US-Großmeister Hans Niemann (Jon Gambrell/AP/dpa)
Die Schachwelt ist in Aufruhr, seit Weltmeister Magnus Carlsen zunächst nach einer Niederlage gegen den US-Amerikaner Hans Niemann ein Turnier in Saint Louis verließ und später eine Online-Partie gegen Niemann nach nur einem Zug beendete. Da kämen Erinnerungen an die Weltmeisterschaft Fischer gegen Spasski vor 50 Jahren in Reykjavik hoch, sagt der Zeit-Schachexperte Ulrich Stock: an die damalige Paranoia, einer könne unsauber spielen. Eigentlich sei das überwunden gewesen, jetzt gebe es aber wieder eine Phase der Verdächtigungen.
Niemannn ist 19 Jahre alt. Er hat zugegeben, als Jugendlicher zwei Mal bei Online-Partien betrogen zu haben. Laut einer Online-Schach-Seite soll das noch öfter der Fall gewesen sein. Niemanns Trainer oder Mentor ist der russische Großmeister Maxim Dlugy, der in New York lebt. Dlugy hat selbst schon einen Betrugsfall aufgedeckt, soll aber ebenfalls online betrogen haben, sagt Stock.

"Übermittlung des expliziten Zugs nicht nötig"

Carlsen sei zwar ein spezieller Mensch, eigentlich aber fair, meint Stock. Das abrupte Verlassen des Turniers und der Online-Partie sei deshalb schon einzigartig. Beweise gegen Niemann gibt es aber bisher nicht: "Das ist eben auch kennzeichnend für diese ganze Geschichte, dass vieles sehr vage ist. Also man weiß nichts Genaues."
Stock erklärt auch, dass es einen massiven Unterschied zwischen Online-Partien und Präsenzturnieren gäbe. Online sei ein Betrug eher möglich, am Brett sei das schwer. Allerdings gibt es Möglichkeiten: Hinweise über versteckte Kopfhörer oder versteckte Impulsgeber an anderen Körperstellen. Einem guten Spieler wie Niemann reiche der Impuls als Hinweis: Hier geht was. Dann finde er den Zug wahrscheinlich selber, der müsse nicht explizit übermittelt werden. Auch deshalb sei Betrug schwer feststellbar.

"Könnte Spitze des Eisbergs sein"

Laut einer Untersuchung spielt Niemann besser, wenn es eine Online-Live-Übertragung der Partie gibt. Das wäre zwar ein starker Hinweis für Betrug, diese Untersuchung werde aber wiederum in Zweifel gezogen, erklärt Stock. Es sei nicht klar, wie korrekt sie ausgeführt worden sei.
Carlsen will sich noch einmal äußern. Ob er dann Beweise gegen Niemann anführen kann, ist ungewiß. Und auch der Schach-Weltverband FIDE beziehe in einer Mitteilung keine klare Stellung, sagt Stock: „Carlsen wurde kritisiert für dieses Insinuieren eines Betruges. Andererseits wurde gesagt: das ist sicher ein großes Problem mit dem Betrug. Und da müssen wir was tun. Also auch das hat eine gewisse Unentschiedenheit.“
Generell könnte es im Schach häufiger zu Betrug kommen, glaubt Stock: „Es könnte sein, dass dies die Spitze eines Eisbergs ist. Es wird gemunkelt, dass die Online-Plattformen eine ganze Liste haben, von Großmeistern, die bei Turnieren im Internet betrogen haben.“