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StartseiteKalenderblattAls der wahre "Moby Dick" die Essex versenkte20.11.2020

Schiffskatastrophe vor 200 JahrenAls der wahre "Moby Dick" die Essex versenkte

Nach zwei Monaten auf See sichtete die Mannschaft des Walfängers Essex ein Rudel von Walen und geriet in eine der schrecklichsten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts. Ihr wurde mit "Moby Dick" später ein literarisches Denkmal gesetzt.

Von Jürgen Bräunlein

Ein Szenenbild aus "Moby Dick" zeigt,  Kapitän Ahab und den Wal im Kampf ( picture-alliance / United Archives)
Szene aus John Hustons Roman-Verfilmung "Moby Dick", basierend auf dem Untergang der "Essex" ( picture-alliance / United Archives)
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Am Morgen des 23. Februar 1821 machte die Mannschaft des Walfängers Dauphin, unterwegs auf dem südpazifischen Ozean, eine erschütternde Entdeckung: Ein kleines Boot, das wie eine Nussschale auf offener See schaukelte, barg zwei ausgemergelte Gestalten. 

"Wir haben sie gefunden, wie sie die Knochen ihrer toten Kameraden aussaugten, von denen sie sich nur widerwillig trennten," erinnerte sich der Kapitän. Die dramatische Rettungsaktion im Pazifik war der Endpunkt einer der schrecklichsten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts: der Untergang des Walfängers Essex. Nur acht Besatzungsmitglieder überlebten, darunter auch die beiden zu Kannibalen gewordenen Seemänner. Dabei hatte alles gut angefangen.

Blick auf Häuser am Strand von der US-Insel Nantucket. (dpa - picture alliance / ZB - Nico Esch) (dpa - picture alliance / ZB - Nico Esch)Nantucket vor US-Ostküste - Graue Lady im Atlantik
Für mehr als 100 Jahre war sie das Mekka von Walfängern. Die Jagd auf die großen Meeressäuger bescherte Nantucket Reichtum, doch das Geschäft versiegte und die Insel geriet in Vergessenheit. Heute erholen sich vor allem die Reichen auf der idyllischen, etwas unwirklichen Insel.

Ein Wal "wie von Sinnen vor Wut und Rachegelüsten"

Am 12. August 1819 stach die Essex – ein 26 Meter langer Dreimaster - mit Kapitän George Pollard und 19 Mann an Bord von Nantucket aus in See. Die Insel vor der Ostküste der USA war damals eine Hochburg des Walfangs. Aus den Speckschichten der Tiere gewann man kostbares Öl, Brennstoff und Gleitmittel für Feinmechanik. Gut zwei Monate war die Essex unterwegs, bis man nach der Umrundung Kap Horns den Pazifik erreichte. Dann, am 20. November 1820, 510 Seemeilen westlich der Galapagosinseln und knapp 40 Meilen südlich des Äquators, war man am Ziel: Um acht Uhr morgens zeigten Blasfontänen die Anwesenheit eines Walrudels. Schnell wurden Fangboote zu Wasser gelassen und Harpunen gegen die Wale geschleudert. Die Seeleute waren euphorisiert. Doch da geschah es. Ein Pottwal löste sich aus dem Rudel und näherte sich der Essex. 

"Plötzlich kam Bewegung in den Wal. Kraftvoll peitschte seine 20 Fuß breite Schwanzflosse das Wasser und mit leichtem Hin- und Herschlingern steuerte er, erst langsam, dann immer schneller mit seinem plumpen, fassähnlichen Kopf auf die Backbordseite zu und rammte unser Schiff."

Ein Wal "wie von Sinnen vor Wut und Rachegelüsten" beschrieb der Erste Offizier, Owen Chase, einer der Überlebenden in einem Buch. Alle Männer an Bord wurden zu Boden geschleudert. Der Wal tauchte unter dem Schiff hindurch, kam wieder an die Oberfläche. "Es war ein riesiger Pottwal, mit Abstand der größte, den ich bisher gesehen habe, ein Bulle von 85 Fuß Länge und annähernd 80 Tonnen Gewicht. Ich sah ihn jetzt doppelt so schnell auf uns zuschießen, wie von Sinnen vor Wut und Rachegelüsten."

Das Drama nach dem Drama 

Nach der zweiten Attacke schob der Wal den 238 Tonnen-Segler mit seinen Flossen einige Meter rückwärts und verschwand im Meer. Die Essex war zerstört. Die Besatzung hatte kaum Zeit, die Boote fürs Überleben zu rüsten: mit Segeln, Kompass, Navigationshandbüchern, Zwieback und Trinkwasser. "Ein Schrei des Entsetzens entfuhr uns, als wir uns in den Walbooten umdrehten und mit verzweifelten Blicken das Meer nach dem Schiff absuchten. Es war nicht mehr da."

Ein Zwergwal gleitet durch das blaue Wasser des Meeres. (dpa/picture-alliance/) (dpa/picture-alliance/)Die letzten Walfänger
Der kommerzielle Walfang führte im vergangenen Jahrhundert fast zur Ausrottung vieler Walarten. Inzwischen haben sich etliche Bestände wieder erholt, der Walfang ist inzwischen wirtschaftlich weitgehend uninteressant geworden. 

Das eigentliche Drama begann erst jetzt: 20 Männer trieben in drei kleinen Booten über den Pazifik. Da sie nur mit dem Wind segeln konnten, hofften sie, wenigstens nach Chile zu gelangen. Es folgten Wochen großer Strapazen: Schwere Stürme, brennende Sonne und der Angriff eines Orcas mussten abgewehrt werden. Die Boote trieben auseinander. Am meisten quälten Hunger und Durst. Drei Männer ertranken, sieben weitere starben entkräftet. Als die übrig gebliebenen sich ein Pfund Zwieback teilen mussten, sahen sie keinen anderen Ausweg, als ihren gestorbenen Kameraden zu zerstückeln und zu verspeisen. 

Warum hatte der Walbulle mit dem Kopf das Schiff gerammt?

Gut drei Monate nach dem Untergang der Essex wurden die acht Überlebenden in ihre Heimat Nantucket zurückgebracht. Dort herrschte Erleichterung, aber auch Entsetzen. Warum hatte der Bulle mit dem Kopf das Schiff gerammt? Dafür gab es keine überzeugende Erklärung. Normalerweise nutzen die Tiere Kiefer und Schwanzflosse für Angriff und Verteidigung. Vielleicht, so vermutet man, hielt der Pottwal die Essex für einen Rivalen, da die Hammerschläge, die bei Reparaturen auf Schiffen zu hören sind, den akustischen Signalen ähneln, mit denen Wale untereinander kommunizieren. Herman Melville machte aus dem Fall später eine Schlüsselszene seines Romans "Moby Dick". Dort versenkt der Weiße Wal den Walfänger Peqoud und reißt dabei den Kapitän mit in die Tiefe.

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