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Sechs Jahre nach Loveparade-Unglück
Gemeinsames Erinnern in Duisburg

Sechs Jahre nach dem Loveparade-Unglück haben Angehörige an der Gedenkstätte in Duisburg den Opfern gedacht. Neben den Eltern der Getöteten waren erstmals auch Überlebende der Katastrophe vor Ort. Keine einfache Situation.

Von Moritz Küpper | 25.07.2016
    Menschen gehen Hand in d Hand auf einen Tunnel zu.
    Die Betroffenen gingen die letzten Meter Hand in Hand. (Deutschlandradio/ Moritz Küpper)
    Der sechste Gedenktag der Loveparade-Katastrophe steht unter dem Eindruck des vorerst gescheiterten Straf-Prozesses sowie Konflikten unter den Opfergruppen.Die letzten Meter ging es zu Fuß, Hand in Hand, die Arme weit ausgestreckt, über die gesamte, für den Verkehr gesperrte, Straße verteilt. Es war ein eindrucksvolles Bild, das die kleine Gruppe von 17 Betroffenen der Loveparade-Katastrophe plus Kinderwagen auf ihrem Weg in den Tunnel, zur Gedenkfeier an der Rampe, abgab. Sechs Jahres ist es an diesem Sonntag her, dass dort 21 Menschen starben, Hunderte verletzt wurden.
    Und während die Gruppe der Hinterbliebenen mit dem Bus direkt bis an die für die Öffentlichkeit gesperrte Gedenkstelle fuhren, wollten die Betroffenen die knapp zweihundert Meter zu Fuß zurücklegen.
    "Also der Moment, als ich die Gedenkstätte betreten habe, ist alles nur noch wie in Trance in mir abgelaufen, die Bilder kamen sofort hoch, das Erlebte kam sofort hoch."
    Dirk Schales steht noch immer nahe der Gedenkstätte. In den letzten sechs Jahren wurde er – zusammen mit anderen – zu so etwas wie einem Repräsentanten der Opfergruppe der Betroffenen. Erstmals hat Schales nun, zum Zeitpunkt der Katastrophe, am Jahrestag, die Rampe betreten. Die Bilder von damals, waren daher auch nur ein Teil dieses Moments.
    "Aber auch das Gefühl, dass wir jetzt zum Zeitpunkt des Unglücks, an dem wir da um unser Leben gekämpft haben, die ganzen Menschen, sechs Jahre haben dafür kämpfen müssen, damit man uns diese Möglichkeit gibt, jetzt dort zu verarbeiten."
    Erstmals fand das Gedenken an die Opfer der Loveparade-Katastrophe zum Zeitpunkt des Unglücks um kurz vor 17 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Und erstmals war es nicht nur den Eltern und Angehörigen der Todesopfer vorbehalten, dort zu trauern, sondern eben auch einer kleinen Gruppe von Betroffenen. Keine einfache Situation, weiß Schales:
    Gedenkstelle für die Loveparade-Opfer in Duisburg.
    Die Gedenkstelle war für die Öffentlichkeit gesperrt. (Deutschlandradio/ Moritz Küpper)
    "Die eine Seite möchte trauern, die andere Seite braucht es aber für sich, um zu verarbeiten. Das sind natürlich zwei Interessenskonflikte, die man hier zusammenführen muss."
    Vorbehalte auf der einen Seite – die Eltern dreier Opfer blieben der Trauerfeier fern – Verständnis und gar Hilfe, auf der anderen Seite. Wie von Sabine Sablatnig, die am 24. Juli 2010 ihre Tochter Marie-Anjelina verlor:
    "Dann habe ich das Mädel getroffen, die auf meiner Tochter lag, dann musste ich sie so ein bisschen beruhigen, weil sie kann ja gar nichts für, aber sie gibt sich die Schuld daran. Ja, das war dann ein bisschen aufregend für mich."
    Zumal – nicht nur für Sablatnig – dieser sechste Jahrestag unter dem Eindruck des vorerst gescheiterten Strafprozesses stand. Im April hatte das Landgericht Duisburg die Eröffnung abgelehnt, eine Beschwerde läuft. Doch auch für Jürgen Widera, Ombudsmann für die Loveparade-Opfer bei der Stadt Duisburg, war dies ein Thema am Jahrestag:
    "Gerade bei den ausländischen Eltern, die das ganz wenig Verständnis für haben, wie hier die Dinge gelaufen sind bei der strafrechtlichen Aufarbeitung, auch teilweise aus einem anderen Rechtssystem kommen, also andere Vorstellungen haben."
    Kerzen, Kränze und Bilder erinnern in Duisburg an die Opfer der Loveparade-Katastrophe.
    Am sechsten Jahrestag der Katastrophe wurde der Opfer gedacht. (Deutschlandradio/ Moritz Küpper)
    Heute, am Tag nach dem sechsten Jahrestag, wird in Düsseldorf beim dortigen Oberlandesgericht zwar eine Petition mit über 360.000 Unterschriften für die Aufnahme eines Gerichtsverfahrens abgegeben, doch Mutter Sabine Sablatnig, aber auch für Betroffenen-Sprecher Schales steht, nach diesem sechsten Jahrestag, der mit vielen Kerzen und einer "Nacht der 1000 Lichter" auf der Rampe endete, fest:
    "Keiner von uns glaubt mehr daran, dass wirklich ein Prozess stattfinden wird."