Dienstag, 29.09.2020
 
Seit 10:08 Uhr Sprechstunde
StartseiteWirtschaft am MittagCO2-neutral - ein glaubwürdiges Label?07.04.2020

Serie "Grünes Wirtschaften" (2)CO2-neutral - ein glaubwürdiges Label?

Der Kaffeebecher ist klimaneutral, Konzerne wollen klimaneutral werden: Doch wie nachhaltig kann "klimaneutrales Heizöl" sein, wenn das CO2, das bei der Verbrennung entsteht, lediglich kompensiert wird durch Investitionen in Klimaschutzprojekte?

Von Britta Fecke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Grafik zeigt Hände, die einen Globus halten (Imago/ Alexx Williamson)
Weltweit haben sich Länder und Unternehmen das Ziel "klimaneutral" gegeben (Imago/ Alexx Williamson)
Mehr zum Thema

Serie "Grünes Wirtschaften" (1) Grün statt grenzenlos: Ist ein anderes Wachstum möglich?

Industrie und Klimaschutz Noch viele Barrieren bei der Energiewende

Alternative Kraftstoffe Wie die Schifffahrt sauberer werden kann

Zehn Jahre Klimaschutz "Die globalen Emissionen sind weiter gestiegen"

Ökobilanz Klimaneutrale Konzerte im Klassikbetrieb

Klimaschutz Zwischen ökologischer Notwendigkeit und sozialer Gerechtigkeit

Klimaneutralität ist en vogue: die EU will es werden, viele Unternehmen auch und einige Mehrweg-Kaffeebecher sind es schon. Doch heißt Klimaneutralität, dass alle Prozesse, die klimarelevante Gase produzieren abgestellt werden? Nein, so einfach ist es dann doch nicht. Dr. Thilo Schaefer, Leiter des Kompetenzfeldes Umwelt, Energie und Infrastruktur beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln:

"Klimaneutralität bedeutet, dass nicht mehr Klimagase ausgestoßen werden, als von der Natur aufgenommen werden. Das heißt, wenn man etwas verbrennt oder auch bei bestimmten Industrieprozessen werden eben CO² ausgestoßen. Aber Wälder, sogenannte Senken, nehmen auch CO² wieder auf. Wenn das in der Balance ist, spricht man von Klimaneutralität."

Fünf  Stühle in verschiedenen Farben und Größen stehen nebeneinander. Von links nach rechts werden die Stühle immer größer. (imago / Westend61) (imago / Westend61)"Grünes Wirtschaften" (3) - Ein grünes BIP als alternative Größe
Wachstum und Nachhaltigkeit sollen zusammengehen – doch ist die Berechnung des BIP noch zeitgemäß, wenn etwa CO2, das bei der Produktion freigesetzt wird, als Wirtschaftsleistung zählt?

Und wie kann dann ein Unternehmen klimaneutral sein bzw. werden? Indem es auf dem Firmenparkplatz Bäume pflanzt?

"Für viele Unternehmen ist das ganz gut möglich, weil die  z. B. auf erneuerbare Energien setzten können, ihre Fahrzeuge auf erneuerbare Energien umstellen können. Für andere aber auch sehr schwierig, denn beispielsweise in der Industrie gibt es viele Prozesse, bei denen CO² entsteht, was man nicht einfach los werden kann und dann muss man sich eben was anderes überlegen, ob man an anderer Stelle etwas mehr tut, um entsprechend CO² zu senken."

Nicht immer soll alles in einem Unternehmen klimaneutral werden

Die Rewe-Group gehört zu den Unternehmen, die in Deutschland an ihrer Klimabilanz arbeiten wollen. Allerdings muss man genau hinschauen: Nicht alle Prozesse oder Produkte sollen klimaneutral werden, sondern, wie es auf der Internetseite heißt: "Unsere Stromerzeugung ist bis 2040 klimaneutral."

Auf Nachfrage des Dlf erläutert eine Sprecherin der Rewe-Group: "Gut die Hälfte der Treibhausgasemissionen der REWE Group steht in Zusammenhang mit dem Stromverbrauch in Märkten, Lagern und Verwaltungsgebäuden. Somit ist hier ein großer Hebel für Einsparungen. Die REWE Group hat bereits 2008 vollständig auf Grünstrom umgestellt und im Jahr darauf erstmals ehrgeizige Klimaziele formuliert: die Treibhausgasemissionen sollen pro Quadratmeter Verkaufsfläche bis 2022 gegenüber 2006 halbiert werden. Im Jahr 2018 waren die spezifischen Treibhausemissionen pro Quadratmeter Verkaufsfläche um 43 Prozent niedriger als 2006. Große Effizienzgewinne haben wir beispielsweise mit der Verglasung von Kühlregalen, klimafreundlichen Kältemitteln und der Umstellung auf LED-Beleuchtung erzielt."

Für andere Unternehmen, deren Produktionsprozesse sehr energieintensiv sind, wie bei der Zement- oder Aluminiumherstellung, ist die CO²-Einsparung schon schwieriger.  Dennoch versuchen selbst Energieunternehmen wie Uniper ihre CO²-Bilanz zu verbessern.  Dass muss trotz der viel kritisierten Inbetriebnahme des neuen Steinkohlekraftwerkes Datteln 4 kein Widerspruch sein. Leif Erichsen von Uniper:

"Wir schalten alte und ineffiziente Anlagen ab, bringen das modernste Steinkohlekraftwerk in Datteln ans Netz, ziehen uns in Europa vollständig aus der Braunkohleverstromung zurück und investieren zukünftig nur noch in eine CO2-reduzierte Energiewelt - so wollen wir eine klimaneutrale Stromerzeugung in Europa bis zum Jahr 2035 erreichen."

Frau hält Pflanze in der Hand BLWX013746 Copyright: xblickwinkel/McPhotox/ErwinxWodickax Woman holds Plant in the Hand Copyright xblickwinkel McPHOTOx ErwinxWodickax (imago / blickwinkel / McPhotox / Erwin Wodicka) (imago / blickwinkel / McPhotox / Erwin Wodicka)"Grünes Wirtschaften" (1) - Ist ein anderes Wachstum möglich?
Die Wirtschaft soll weiter wachsen – aber anders. Nach grünen Kriterien. Die EU-Kommission will mit dem European Green Deal die Union bis 2050 klimaneutral machen. Doch wie ressourcenschonend kann grünes Wachstum sein? 

Klimaneutral als moderner Ablasshandel?

Klimaneutral heißt in diesem Fall also nicht, dass bei der Stromproduktion gar keine CO²-Emissionen mehr entstehen, denn in Datteln 4 wird ja nun mal Steinkohle verbrannt, sondern dass Uniper die Emissionen woanders kompensiert.  

"Zum Beispiel kann ich dafür sorgen, dass Wald aufgeforstet wird. Dass ich dafür sorge, dass die Aufnahmekapazität der Natur größer wird", sagt Thilo Schaefer vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Also ein Stück Regenwald in Brasilien retten, um hier weiter zu machen wie bisher? Klingt das nicht nach einem modernen Ablasshandel?

"Man kann an anderer Stelle sehr viel günstiger dafür sorgen, dass Emissionen reduziert werden und das ist auch die Idee von solchen Handelssystemen. "

Die deutsche Umwelthilfe sieht aber auch die Nachteile solcher Kompensationsmaßnahmen, sie argumentiert, dass sich so unsere klimaschädliche Lebens- und Wirtschaftsweise zementieren würde und es keine Anreize für Innovationen gäbe.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk