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StartseiteWirtschaft am MittagEin grünes BIP als alternative Größe08.04.2020

Serie "Grünes Wirtschaften" (3)Ein grünes BIP als alternative Größe

Wachstum und Nachhaltigkeit sollen zusammengehen – doch ist die Berechnung des Bruttoinlandsproduktes noch zeitgemäß, wenn etwa CO2, das bei der Produktion freigesetzt wird, als Wirtschaftsleistung zählt? Inzwischen gibt es mehrere alternative Modelle zur Berechnung des Wirtschaftswachstums.

Von Caspar Dohmen

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Fünf  Stühle in verschiedenen Farben und Größen stehen nebeneinander. Von links nach rechts werden die Stühle immer größer. (imago / Westend61)
Neben dem Produktionswachstum sollten auch andere Faktoren wie Umweltschäden, ehrenamtliche Arbeit oder Nachhaltigkeit mit in die Berechnung des Wirtschaftswachstums einfließen (imago / Westend61)
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"An die Bilder im Fernsehen – ich konnte nicht glauben , dass dies alles in dem Ort geschah, wo ich aufgewachsen bin. Alle fuhren in die Krankenhäuser, wohin sie die Opfer gebracht hatten.

Katastrophen erhöhen das BIP

Bei dem Unglück starben 272 Menschen, darunter die Schwester von Andrade. Unsere populärste Wohlfahrtsmessung ist allerdings blind für solche Katastrophen. Denn bei der Messung des Bruttoinlandsproduktes werden Aufräumarbeiten und Wiederaufbau als Wachstum des Bruttoinlandsprodukts verbucht. Sebastian Dullien, Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

"Die großen Umweltkatastrophen, wenn eine Ölplattform brennt oder so was, das erhöht üblicherweise das Bruttoinlandsprodukt, weil dann Aufräumarbeiten gemacht werden müssen. Dann muss irgendwann das Öl eingesammelt werden, obwohl die Umwelt zerstört worden ist in dem Moment. Von daher ist das Bruttoinlandsprodukt wirklich kein gutes Maß, um die Nachhaltigkeit der Wirtschaftstätigkeit zu messen. Man muss aber auch fairerweise sagen, dass Bruttoinlandsprodukt ist dafür nicht gemacht worden, sondern das Bruttoinlandsprodukt ist gemacht worden, um zu messen, wie viel produziert wird an marktvermittelten Gütern und Dienstleistungen."

Frau hält Pflanze in der Hand BLWX013746 Copyright: xblickwinkel/McPhotox/ErwinxWodickax Woman holds Plant in the Hand Copyright xblickwinkel McPHOTOx ErwinxWodickax (imago / blickwinkel / McPhotox / Erwin Wodicka) (imago / blickwinkel / McPhotox / Erwin Wodicka)"Grünes Wirtschaften" (1) - Grün statt grenzenlos: Ist ein anderes Wachstum möglich?
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Nationaler Wohlfahrtsindex erfasst Hausarbeit oder Umweltschäden

Bereits 1968 kritisierte der damalige US-Politiker Robert F. Kennedy das Konzept massiv. Es messe fast alles, "außer diejenigen Dinge, die das Leben lebenswert machen". Und der Ökonom Thomas Straubhaar sprach vor wenigen Jahren davon, dass "die Vermessung der Wirtschaft (…) ihren Kompass verloren" habe. Als neuen Kompass bieten sich zwei Wege an. Der erste: Eine Erweiterung des Bruttoinlandsproduktes um andere Dimensionen. Dafür entschieden sich die Ökonomen Hans Diefenbacher und Roland Zieschank und entwickelten den sogenannten Nationalen Wohlfahrtsindex. Er umfasst 20 wohlfahrtsstiftende und wohlfahrtsmindernde Aktivitäten. Dabei werden wohlfahrtssteigernde Komponenten berücksichtigt wie die Hausarbeit oder ehrenamtliche Tätigkeiten und wohlfahrtsmindernde Aktivitäten erfasst, wie etwa Umweltschäden durch Flächenverlust oder Kriminalität. Alle Dimensionen werden in Euro bewertet und entweder aufaddiert oder abgezogen.

Mehrere Kompasse gleichzeitig nutzen

Der Unterschied ist gewaltig: Denn das Bruttoinlandsprodukt stieg seit 1991 in Deutschland um mehr als 39 Prozent, der Nationale Wohlfahrtsindex jedoch nur um rund 12 Prozent. Der Ökonom Sebastian Dullien hält es allerdings für aussagekräftiger, wenn statt der Aggregation zu einer Zahl verschiedene Indikatoren nebeneinander gestellt werden – wir gewissermaßen mehrere Kompasse gleichzeitig nutzten. Er zieht einen Vergleich zum Autofahren.

"Sie haben ja auch mehrere Anzeigen im Auto, einmal für die Geschwindigkeit, einmal ob der Tank voll ist und ob der Motor zu heiß und das alles in eine Anzeige zu bringen, macht auch keinen Sinn. Darum haben sie da verschiedene Anzeigen  und genauso muss man das für die Nachhaltigkeit tun. Wir brauchen eine Anzeige, die vielleicht das Bruttoinlandsprodukt hat, weil das doch immer noch der beste Indikator für Produktionswachstum ist. Aber sie müssen dann eben auch die anderen Aspekte der Nachhaltigkeit abdecken, also zum Beispiel CO2-Ausstoß oder Artenvielfalt und aus meiner Sicht dürfen wir auch bei der ökologischen Nachhaltigkeit nicht halt machen, sondern wir müssen auch in die wichtige soziale Nachhaltigkeit gehen."

Weniger Raum für die Wirtschaft in der Gesellschaft?

Sein Institut hat deswegen den Ansatz des magischen Viereckes entwickelt. Dort steht dann zum Beispiel neben dem Bruttoinlandsprodukt als ökologischer Indikator der nationale Vogelindex, der sowohl die Menge als auch die Vielfalt der Vögel messe. So könne man sehen, ob Naturflächen verloren gingen oder die Artenvielfalt sinke. Die Transformationsforscherin Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, geht noch einen Schritt weiter. Sollte sich die Gesellschaft nicht fragen, was überhaupt sinnvollerweise als Wirtschaft erfasst werden sollte?

"Warum sagen wir nicht einfach es gibt Lebensbereiche, die sind jenseits von Wirtschaftlichkeit zu denken und wir geben der Wirtschaft einfach wieder einen kleineren Raum in unserer Gesellschaft und befreien uns von dann ja auch dieser monetarisierten Art und Weise über Kosten und Nutzen und Beziehungen nachzudenken. Das ist eine gesellschaftliche Entscheidung."

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Menschliche Beziehungen ins Zentrum stellen

Ha Vinh Tho hat viele Jahre als Mitglied des Internationalen Roten Kreuzes Kriegsgebiete besucht. Er fand es absurd, dass der Aufbau anschließend als Wachstum des Bruttoinlandsprodukts galt, schließlich wurde nur wiederhergestellt, was vorher zerstört worden war, zudem war durch den Krieg unglaublich viel menschliches Leid verursacht worden. Heute ist er mit einer ganz anderen Form der Wohlfahrtsmessung beschäftigt – als Leiter des Programmzentrums für Bruttonationalglück in Bhutan. Bereits Ende der 1970er Jahre hielt der König des asiatischen Zwergstaates ein allein auf das Wachstum des Geldes angelegtes Maß für unzureichend, um den Wohlstand einer Gesellschaft zu messen. Stattdessen entschied er sich für das Glück der Menschen als Indikator. Dafür seien die Beziehungen der Menschen von zentraler Bedeutung, sagt Ha Vinh Tho.

"Diese Entfremdung von Mensch zu Mensch zu überbrücken, dass ist die Voraussetzung, damit wir eine mehr gleiche Wirtschaft haben. Man muss natürlich Strukturen und Instrumente haben, aber in erster Linie ist es Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Wie können wir eine Gemeinschaft, Gesellschaft haben, wo die menschliche Beziehung wieder im Zentrum sind."

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