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StartseiteSprechstunde"Jetzt ist er im Gefängnis und ich bin glücklich"22.07.2014

Sexueller Missbrauch"Jetzt ist er im Gefängnis und ich bin glücklich"

Barbara ist 20 Jahre alt. Sie macht eine Therapie in der Verhaltenstherapieambulanz der Goethe-Universität Frankfurt. Sie wurde bereits als Vierjährige von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht.

Reportage von Martin Winkelheide

Was ist Angst? Angst ist Furcht, die nach einem Grund sucht, sagt der Hirnforscher Giovanni Frazzetto. (picture alliance / ZB)
"Es ist mir peinlich gewesen," sagt Barbara. (picture alliance / ZB)
Weiterführende Information

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Barbara: Momentan geht es mir gut, ich bin hier, weil ich eine Therapie mache, weil ich einen sexuellen Missbrauch im Kindesalter erleben musste. Mein Stiefvater hat mich missbraucht damals.

Winkelheide: Wie alt warst Du damals?

Barbara: Vier, als es anfing. Es ging dann, bis ich fast 16 war.

Winkelheide: Vielleicht kannst Du auch erzählen, was Du gefühlt hast, damals.

Barbara: Was habe ich damals gefühlt? Das ist schwierig. Auf der einen Seite war es Trauer und Enttäuschung - weil das ist ja mein Vater für mich gewesen. Dann macht der so etwas, und ich habe mich nicht geschützt gefühlt dadurch. Es war halt so ein wenig merkwürdig.

Winkelheide: Hat sich das Gefühl im Laufe der Zeit geändert?

Barbara: Nein.

Winkelheide: Hast Du das für Dich behalten, oder hast Du anderen davon erzählt?

Barbara: Ich habe es ganz lange für mich behalten. Irgendwann bin ich, weil ich ja jetzt in einer Wohngruppe bin, zu meinem Betreuer hingegangen und hab das dann erzählt, dass das passiert ist. Dann haben wir erst einmal nichts gemacht. Ich wollte ihn auch nicht anzeigen oder so - erst einmal. Dann habe ich es voll durchgezogen und ihn angezeigt.

Winkelheide: Dann hat es einen Prozess gegeben?

Barbara: Den Prozess habe ich auch voll durchgezogen, jetzt sitzt er im Gefängnis und ich bin glücklich.

Winkelheide: Kannst Du Dir erklären, warum es so lange gedauert hat, bis Du es jemandem gesagt hast?

Barbara: Ja, weil es war halt nicht normal, und es ist mir auch peinlich gewesen, das so zu erzählen, weil es ist halt eine intime Sache und das sagt man nicht einfach so dann.

Winkelheide: Wie hat sich das auf Dein Leben auch ausgewirkt, nichts zu sagen? Damals, als Du klein warst und später.

Barbara: Ich war halt sehr schüchtern, und ich konnte mich selber nicht richtig wehren, ich hatte immer Angst, dass, wenn ich etwas sage, dass dann irgendwas passiert.

Winkelheide: Was, hattest Du gedacht, hätte passieren können, wenn Du es jemandem sagst?

Barbara: Dass wir halt früher weg von meinen Eltern kommen, das die ganze Familie dann kaputt geht und so...

Winkelheide: Hat das Dein Stiefvater mit Deiner Schwester auch gemacht?

Barbara: Ja.

Winkelheide: Habt Ihr beide, zusammen darüber geredet? Du und Deine Schwester?

Barbara: Als es dann an die Anzeige ging, dann schon, aber eigentlich vorher nie so richtig. Wir mussten streckenweise auch Dinger zusammen machen und so, da wollten wir nicht drüber reden miteinander.

Winkelheide: Wie war das mit Deiner Mutter? Da denkt man doch eigentlich, das könnte jemand sein, mit dem man reden kann.

Barbara: Ich hab immer gesagt, da ist etwas. Der macht so etwas mit uns, der hat auch so Filme mit Kinderpornos gehabt. Ich habe es ihr immer gezeigt, wo die ganzen Sachen sind, sie hat es nur kaputt gemacht. Und mehr nicht. Nicht gemacht dagegen, oder ihn angezeigt – gar nichts.

Winkelheide: Wie hat sich das Verhältnis zu Deiner Mutter geändert?

Barbara: Ich hab keinen Kontakt mehr mit ihr. Ich akzeptiere jetzt, dass meine Mutter meine Mutter ist, aber, wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich eine andere Mutter.

Winkelheide: Wovon träumst Du, was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Barbara: Ich will halt eine eigen glückliche Familie haben, und ich will, dass es meinen Kindern später einmal besser geht, und ich will halt arbeiten gehen, und ich will alles erreichen, was ich mir vorgenommen habe.

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