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StartseiteWirtschaftsgesprächDer Tanker wird schlanker08.05.2019

SiemensDer Tanker wird schlanker

Siemens-Chef Joe Kaeser verfolgt einen ehrgeizigen Plan: Der Mischkonzern soll seine Schwerfälligkeit ablegen. Dafür will sich Siemens von seiner Kraftwerkssparte trennen und den Bereich an die Börse bringen. Die Gewerkschaften gehen mit - trotz aller Risiken für die Arbeitsplätze.

Günther Hetzke im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Ein Siemens-Mitarbeiter im Berliner Gasturbinenwerk montiert die Hightech-Turbinenschaufeln. Diese Neuentwicklung ist mit 375 Megawatt (MW) die leistungsstärkste und effektivste Gasturbine der Welt. (imago images / Rainer Weisflog)
Siemens will sich von seiner Kraftwerkssparte trennen - ein wichtiger Teil von Joe Kaesers Plan, seinen Konzern zu verschlanken. (imago images / Rainer Weisflog)
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Tobias Armbrüster: Viel Bewegung, viel Wirbel gibt es derzeit beim Industriekonzern Siemens. So wird heute nicht nur die Halbjahresbilanz vorgelegt, sondern auch der geplante Umbau des Konzerns erläutert. Günter Hetzke aus unserer Wirtschaftsredaktion, was ist hier bereits bekannt?

Günter Hetzke: Ja, gestern tagte ja der Aufsichtsrat und danach wurde schon mitgeteilt, dass sich Siemens von seiner Kraftwerkssparte trennt, sie auch neu gestaltet und die neue Gesellschaft dann an die Börse bringen will.

Armbrüster: Kommt dieser Schritt überraschend?

Hetzke: Spekuliert wurde darüber schon länger. Denn Siemens-Chef Joe Kaeser baut den Konzern gerade um, lässt kein Stein auf dem anderen. "Vision 2020+" heißt das Gesamtkonzept, mit dem Siemens wettbewerbsfähig bleiben oder wettbewerbsfähig gemacht werden soll, was ja nicht zuletzt auch für die immerhin noch rund 380.000 Mitarbeiter von Siemens wichtig ist – also, nicht nur für die Kapitalseite. Grob zum Ziel: Siemens ist ja auf sehr vielen unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätig, von der Gesundheit über Energie bis zum Verkehrsbereich, gilt – ähnlich wie ThyssenKrupp - als Mischkonzern und schwerfälliger Tanker. Und genau diese Schwerfälligkeit, die soll abgeschafft werden.

München: Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, nimmt an einer Pressekonferenz vor Beginn der Hauptversammlung in der Olympiahalle teil. (dpa/Sven Hoppe)Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, baut den Münchener Konzern um (dpa/Sven Hoppe)

Armbrüster: Wie will Siemens denn flotter als bisher handeln?

Hetzke: Der Konzern hat sich in sechs Bereiche, sechs Geschäftsfelder, neu gegliedert, in die Automatisierung von Fabriken beispielsweise oder die Vernetzung von Gebäuden oder Städten, also Infrastruktur. Bei der Zugsparte, da müssen wir noch schauen, was da genau geplant ist nach der geplatzten Fusion mit der französischen Alstom. Aber, um im Bild zu bleiben, aus dem einen Tanker sollen sechs flottere Schiffe werden, die selbstständiger als vorher tätig werden können, mehr Freiheiten bekommen. Und um den Ehrgeiz der einzelnen Chefs anzustacheln, wurde die Devise ausgegeben: Je besser die Zahlen, umso größer die Freiheiten.

Armbrüster: Und eines dieser Schiffe ist dann die Kraftwerkssparte?

Hetzke: Genau, wobei die Sparte dann rechtlich eigenständiger segelt als andere. Dieser Bereich steckt ja schon seit einiger Zeit in der Krise. Vor allem große Turbinen für Gas- oder Kohlekraftwerke sind derzeit nicht so gefragt. Eine Zeit lang war ja sogar von einem Verkauf dieser Sparte an einen japanischen Konzern die Rede. Nun also die Abspaltung, das heißt, die neue Energiesparte "Gas & Power" soll im nächsten Jahr eigenständig an die Börse gebracht werden, gehört dann nicht mehr zur Siemens AG. Eingegliedert in diese neue Gesellschaft wird dann der gesamte Energiebereich und damit auch die Windkraftsparte von Siemens. 

Armbrüster: Was heißt das nun für die Arbeitsplätze?

Hetzke: Das wird turbulent. Denn auf der einen Seite will Siemens bundesweit rund 10.000 Stellen streichen, auf der anderen Seite mehr als 20.000 neue Arbeitsplätze schaffen. In der Summe sieht das Gesamtbild damit gut aus, aber für den einzelnen Mitarbeiter kann das böse ausgehen, je nach dem, wo er arbeitet ist eine Versetzung – von der Verwaltung in die Produktion, in den digitalen Bereich beispielsweise - nicht einfach so möglich.

Armbrüster: Und laufen die Gewerkschaften gegen diese Pläne nun Sturm? 

Hetzke: Nein, sie tragen das Konzept mit. Es gibt zwar Unwägbarkeiten, so die Arbeitnehmervertreter. Aber das neue Konzept bietet bessere Perspektiven für die Beschäftigten als alle anderen Pläne. Aber ob die Rechnung dann wirklich am Ende aufgeht für den Konzern und für die Beschäftigten, das weiß derzeit niemand.

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