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StartseiteWirtschaftsgesprächJoe Kaeser auf Erneuerungskurs08.11.2018

Siemens-UmbauJoe Kaeser auf Erneuerungskurs

Siemens ist schon längst nicht mehr nur München: Vorstand Joe Kaeser baut den Industriekonzern radikal um. Er wirbt im Nahen Osten um Aufträge, stärkt Berlin als Standort - und kämpft nebenbei mit Problemen in der Kraftwerkssparte. Ein umtriebiger Manager mit vielen Baustellen.

Klemens Kindermann im Wirtschaftsgespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Siemens-Chef Joe Kaeser bei einer Pressekonferenz am 2. August 2018.  (AFP /Christof Stache )
Umtriebig und meinungsstark - Siemenschef Joe Kaeser hat noch viel zu tun bis zum Amtsende 2021 (AFP /Christof Stache )
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Ann-Kathrin Büüsker: Heute stellt Siemens seine Jahresbilanz vor. Zuletzt hat Siemenschef Joe Kaeser für Aufmerksamkeit gesorgt, weil er – trotz des mutmaßlichen Mordes an dem kritischen Journalisten Kashoggi – seine Teilnahme an einer Investorenkonferenz in Saudi-Arabien erst in letzter Minute abgesagt hat. Klemens Kindermann aus der Wirtschaftsredaktion – braucht Siemens so dringend Aufträge?

Klemens Kindermann: Ja, für die Kraftwerks-Sparte schon. Wenn man sich die Zahlen, die seit heute Morgen von Siemens kommen, genauer ansieht, dann zieht sich das doch durch die ganze Bilanz: diese Krise der Kraftwerkssparte. Da wird Personal abgebaut, das kostet viel Geld. Da wären neue Aufträge doch wichtig. Siemens ist schon aktiv in Saudi-Arabien, baut dort für 400 Millionen Dollar fünf Turbinen für ein neues Großkraftwerk. Aber es winken eben noch viel, viel größere Geschäfte, zum Beispiel bei der ziemlich futuristischen Megastadt namens "Neom" am Roten Meer. Jetzt bei der Investorenkonferenz ging es für Siemens um Aufträge von wohl bis zu 20 Milliarden Dollar.

Siemens könnte den Irak elektrifizieren – bekommt aber Gegenwind aus den USA

Büüsker: Siemens-Chef Kaeser ist ja ziemlich umtriebig gerade im Nahen Osten – wie kommt das?

Kindermann: Das liegt an Kaesers vielleicht größtem Coup in seiner Amtszeit überhaupt: dem Großauftrag von Ägypten über 24 riesige Gasturbinen. Auftragswert: acht Milliarden Euro. Das wichtigste dabei: Das wurde in einer Rekordzeit von weniger als 28 Monaten mitten in der Wüste fertiggestellt unter extremen Bedingungen, gerade in Betrieb genommen.

Damit hat Siemens eine Blaupause abgeliefert, ein Meisterstück abgeliefert: der Aufbau einer Strominfrastruktur. Der ist im ganzen Nahen Osten das wirtschaftliche Top-Thema. In der Türkei hofft Siemens auf einen Milliarden-Euro-Großauftrag für Istanbul. Noch wichtiger: Siemens könnte den Auftrag für die Elektrifizierung des Irak bekommen. Das wäre dann ein historischer Auftrag. Allerdings: US-Präsident Donald Trump hat sich da jetzt eingeschaltet, will den Auftrag gerne dem US-Konzern General Electric zuschanzen. Da muss Kaeser noch mal ran. Eigentlich soll er jetzt auch noch Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft leiten – also Management so zwischen Irak und China eigentlich.

Trotz weltweitem Engagement - Siemens stärkt Berlin als Standort

Büüsker: Kommt Siemens-Chef Kaeser denn noch dazu, sich mit Deutschland zu beschäftigen?

Kindermann: Na ja, Kaeser will den Job nur noch bis 2021 machen. Und er stellt den Konzern radikal um, weniger konzentriert auf Deutschland. Die Kraftwerkssparte wird aus Houston geführt, Windenergie aus Spanien, die Zugtechnik soll mit der französischen Alstom zusammengelegt werden. Das heißt: Die Zentrale in München wird unwichtiger, Medizintechnik ist ausgelagert, Industriestandorte wie im Ruhrgebiet sind von Stellenabbau bedroht. Und die Forschung und Entwicklung bei Siemens kam immer vom Standort Erlangen, lange Zeit aus dem berühmten Himbeerpalast – der Name von der rötlichen Farbe der Fassade. Jetzt soll ein Innovationscampus von Siemens für mehr als eine halbe Milliarde Euro nach Berlin. Warum, dazu Joe Kaeser:

"Es stört mich schon seit längerer Zeit, dass alle Leute – wenn Sie glauben, Innovation sehen zu müssen – bei der Lufthansa ein Ticket kaufen und nach San Francisco fliegen. Weil nämlich hier in Deutschland und gerade in Berlin, da gab es Gründerkultur schon, da gab es im Silicon Valley noch gar keine Garagen."

Also noch Hoffnung für Deutschland – Siemens setzt auf Berlin.

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