Energiepolitik
Der Atomkraft soll zum Comeback verholfen werden

Die Debatte über Kernenergie ist zurück. Die EU will in Mini-Atomkraftwerke investieren. Auch andere Länder setzen wieder stärker auf Atomkraft. Doch wie real ist das viel beschworene Comeback?

    Per Kran schwebt ein großes zylindrisches Bauteil eines chinesischen Mini-AKWs über einer Baustelle mit Gerüsten und Stahlträgern vor blauem Himmel.
    Chinas Mini-AKW „Linglong One“ gilt als der erste kommerzielle Mini-Reaktor der Welt (IMAGO / VCG / LUOYUNFEI)
    Nur drei Jahre nach dem deutschen Atomausstieg wird die Atomkraft wieder als Zukunftsoption diskutiert. Die EU will die Entwicklung von Mini-Atomkraftwerken fördern. Als Gründe werden Wettbewerbsfähigkeit, niedrigere Strompreise, emissionsarmer Strom und mehr Unabhängigkeit von fossilen Energien genannt. Frankreich und andere Länder unterstützen diesen Kurs, die Bundesregierung lehnt ihn ab.
    International wächst die Aufmerksamkeit für die Kernenergie. Selbst in Japan soll 15 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima das weltweit größte Atomkraftwerk wieder hochgefahren werden. Doch von einer echten Renaissance der Atomkraft kann kaum die Rede sein.

    Inhalt

    Andere Länder setzen auf Atomkraft – Deutschland aber nicht

    Länder wie Großbritannien, Polen, Tschechien und Frankreich setzen weiter auf Atomkraft und treiben die Entwicklung für die sogenannten Small Modular Reactors (SMR), Mini-Atomkraftwerke, voran. Frankreich hat nach den USA die meisten Atomkraftwerke der Welt und will sechs weitere Reaktoren bauen. Das Land sei stark von der Kernenergie abhängig, sagte der deutsch-französische Politologe Christoph Rath-Fischer. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien ist Frankreich deshalb lange nur langsam vorangekommen und liegt hinter anderen Ländern zurück. Der Staat hat vor allem die Atomkraft stark gefördert und tut das bis heute.
    Laut einem Gutachten des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) geht es bei den derzeit viel diskutierten Mini-Atomkraftwerken nicht nur um die Stromerzeugung. Staaten mit Atomprogrammen wie die USA, Russland, China, Frankreich, Indien, Japan oder das Vereinigte Königreich wollen mit dieser Technik auch ihre Industrie stärken und ihre Position auf dem Weltmarkt sichern. In einigen dieser Länder ist die zivile Nutzung der Kernenergie laut BASE zudem eng mit militärischen Nuklearstrukturen verknüpft, etwa mit Kernwaffenprogrammen oder Atom-U-Booten. Es geht also womöglich auch um nukleare Abschreckung.
    Deutschland beschloss hingegen direkt nach der Fukushima-Katastrophe 2011 den Atomausstieg und vollzog ihn mit der Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke am 15. April 2023. Seither setzt das Land verstärkt auf den Ausbau erneuerbarer Energien.
    Dass sich die EU-Kommission nun wieder stärker der Atomenergie zuwende, sende das falsche Signal, sagt die Energieexpertin Tina Löffelsend von der Umweltschutzorganisation BUND. Das passe nicht zur Energiewende, zudem passten Atomkraftwerke nicht in ein Stromsystem, das auf erneuerbaren Energien basiert. Nach ihrer Einschätzung will in Deutschland zudem kein großer Energiekonzern mehr in Atomkraft investieren.

    Vom Atomkraft-Comeback bislang keine Spur

    Auch wenn derzeit der Eindruck entsteht, die Atomkraft stehe vor einem großen Comeback, sprechen die Fakten bislang dagegen. Das zeigt der aktuelle World Nuclear Industry Status Report. Von einem oft beschworenen globalen Aufwärtstrend kann kaum die Rede sein. Ohne den Ausbau in Russland und China wäre die weltweite Atomkraftkapazität 2025 sogar zurückgegangen. Der Anteil der Atomkraft an der globalen Stromproduktion liegt inzwischen nur noch bei rund neun Prozent – weit entfernt vom Höchststand von 17,5 Prozent im Jahr 1996.
    Der Boom liegt längst woanders: bei den erneuerbaren Energien. 2025 wurde weltweit erstmals mehr Strom aus Sonne, Wind und anderen erneuerbaren Quellen erzeugt als aus Kohle.

    Die Debatte seit dem deutschen Atomausstieg

    In Deutschland galt die Debatte um die Kernenergie mit dem endgültigen Atomausstieg am 15. April 2023 eigentlich als abgeschlossen. Inzwischen wird wieder offen darüber gestritten, ob der Ausstieg richtig war. Dazu trägt auch der Kurs in Europa bei: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete die Abkehr von der Atomkraft auf dem internationalen Atomenergiegipfel im März 2026 als strategischen Fehler. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, er teile diese Einschätzung persönlich, zugleich sei der Ausstieg unumkehrbar.
    Am offiziellen Kurs hält die Bundesregierung fest. Neue Atomprojekte wären in Deutschland wohl nur mit massiver staatlicher Unterstützung möglich. Neue Subventionen für Atomkraft lehnt Umweltminister Carsten Schneider (SPD) aber klar ab. Entsprechend ist auch das Interesse großer Energiekonzerne, in Atomkraft zu investieren, gering.
    Auch kleinere Atomkraftwerke würden seit Jahrzehnten angekündigt, schafften den Durchbruch aber bis heute nicht und blieben weiter auf staatliche Unterstützung angewiesen, erklärt Schneider. Er kritisiert, die EU setze damit auf eine Risikotechnologie, die auch nach Jahrzehnten noch am staatlichen Tropf hänge, obwohl Wind- und Solarstrom längst günstiger seien.

    Die Vor- und Nachteile der Kernkraft

    Die Hauptargumente für die Kernenergie sind der emissionsarme Strom und die Unabhängigkeit fossiler Energien. Kernkraftbefürworter argumentieren zudem, dass Atomkraft eine Versorgungssicherheit bieten könne, die erneuerbare Energien allein bisher nicht immer gewährleisteten. Denn Wind- und Solarstrom hängen vom Wetter ab, und große Speicherkapazitäten stehen bislang noch nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung.

    Atomkraft bleibt eine Hochrisikotechnologie

    Kernkraft verursacht bei der Stromerzeugung selbst zwar kein direktes CO2 wie fossile Kraftwerke, ist aber trotzdem nicht emissionsfrei. Laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) entstehen Emissionen zum Beispiel beim Uranabbau, bei Transporten, beim Bau und Rückbau von Kraftwerken sowie bei Lagerung und Entsorgung.
    Vor allem bleibt Kernkraft eine Hochrisikotechnologie: Unfälle lassen sich nie ganz ausschließen und radioaktive Stoffe können Umwelt und Grundwasser auf lange Zeit belasten. Hinzu kommt hochradioaktiver Abfall, für den es in Deutschland bis heute kein Endlager gibt. Auch der Uranabbau belastet Mensch und Umwelt.
    Laut BASE zählen auch zum Teil sehr hohe Baukosten und lange Bauzeiten zu den problematischen Aspekten der Kernkraft. So werden auch die sechs geplanten neuen Atomreaktoren in Frankreich voraussichtlich 40 Prozent teurer als ursprünglich vorgesehen. Mit der Atomenergie entstünden zudem neue Abhängigkeiten, zum Beispiel von Uranimporten und damit erneut auch von Russland, sagte der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin.
    Der Ausbau erneuerbarer Energienquellen sorgt hingegen langfristig für mehr Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern, Stabilität und verlässlichere Preise, erklärt BUND-Energieexpertin Tina Löffelsend. Man müsse daher den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen.

    Mini-Atomkraftwerke als neue Hoffnung

    In der Debatte gelten kleinere modulare Reaktoren, die Small Modular Reactors (SMR), zwar als Hoffnungsträger. Auf sie setzt die EU verstärkt; bis Anfang der 2030er-Jahre sollen SMR zum Einsatz kommen. Gleichzeitig gibt es aber erste Rückschläge, zum Beispiel die Insolvenz eines französischen Start-ups für Mikroreaktoren.
    Die Zahlen aus dem aktuellen Weltstatusbericht zur Nuclear Industry stützen das Versprechen der Mini-AKWs bislang nicht. In der gesamten westlichen Welt ist derzeit kein einziger SMR im Bau. Nur in China und Russland laufen je zwei SMR-Module. Selbst dort sei unklar, wie gut sie funktionieren, sagt Mycle Schneider, unabhängiger Berater und Hauptautor des Weltstatusberichts zur Nuclear Industry. Viele Projekte seien bislang vor allem „Powerpoint-Reaktoren“, also Vorhaben auf dem Papier.
    Auch in den USA zeigt sich das Problem: Zwar wurde dort ein SMR-Design zertifiziert, doch ein erstes Projekt in Idaho wurde nach einer Kostensteigerung gestoppt. Realisiert wurde am Ende nichts. Laut Christian Kühn, Präsident des BASE, ist die Wettbewerbsfähigkeit der Mini-AKWs bei der Stromproduktion weltweit bisher nicht gegeben. Dazu kämen große finanzielle und sicherheitliche Fragezeichen. Denn auch kleine Reaktoren bergen Risiken. Derzeit sprächen "wirtschaftliche Erwägungen eher gegen eine weite Verbreitung von SMRs", so die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit.

    Elena Matera