40 Jahre nach dem Super-GAU
Tschernobyl heute: Die Katastrophe ist nicht vorbei

Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine, eine radioaktive Wolke zog über Europa. Russische Angriffe, beschädigte Schutzsysteme und anhaltende Strahlenrisiken bergen heute neue Gefahren.

Recherche: Susanne Petersohn; Onlinetext: Beate Thomsen |
    Zwei Arbeiter stehen vor der Schutzhülle am havarierten Reaktor in Tschernobyl
    Seit 2016 umhüllt eine zusätzliche Schutzhülle die Atomruine Tschernobyl. Sie soll 100 Jahre halten. Doch russische Drohnen und Raketen bleiben eine permanente Gefahr. (imago / NurPhoto / Kyrylo Chubotin)
    Vierzig Jahre nach der atomaren Katastrophe ist die verseuchte Sperrzone rund um das Kernkraftwerk von Tschernobyl – ukrainisch Tschornobyl – alles andere als verwaist: Neben Wissenschaftlern sind dort zahlreiche ukrainische Soldaten stationiert.  
    Mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die gesamte Ukraine im Februar 2022 wurde die Zone zum Frontgebiet. Zeitweise besetzten russische Truppen das Gelände. Strahlung, verminte Böden und Luftangriffe: Die nukleare Bedrohung hat sich durch den Krieg verschärft.

    Überblick

    Reaktorkatastrophe 1986 – ein Experiment geht schief

    Am 26. April 1986 führt die Betriebsmannschaft des Atomkraftwerks Tschernobyl im Norden der damals noch sowjetischen Ukraine auf Anordnung eines Ingenieurs ein Experiment durch. Ziel ist es, einen Stromausfall zu simulieren. Das geht schief: Sicherheitsvorschriften werden nicht beachtet, die Kühlkreisläufe sind nicht intakt. In der Nacht gegen halb zwei Uhr explodiert Reaktorblock 4, es kommt zur Kernschmelze. Es ist der bis heute schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Der Super-GAU, also der nicht mehr kontrollierbare „größte anzunehmende Unfall“.  
    Radioaktives Material wird in die Atmosphäre geschleudert und bis nach Mitteleuropa und zum Nordkap getragen. Am schwersten betroffen sind die heutige Ukraine, Belarus und Russland.  
    Atomruine des Reaktorblocks vier am Kernkraftwerk Tschernobyl nach der Explosion am 26. April 1986
    Tschernobyl am 26. April 1986: Reaktorblock 4 explodierte in vollem Betrieb - es war der Super-GAU (imago / ITAR-TASS / Valery Zufarov)
    Aus der gesamten Sowjetunion werden sogenannte „Liquidatoren“ – insgesamt 600.000 bis 800.000 Helfer – zu den lebensgefährlichen Aufräumarbeiten herangezogen. Über das Ausmaß der Gefahr wissen sie oft nichts, Tausende werden später krank. Viele sterben an den Folgen der Verstrahlung.
    Die sowjetische Führung kommuniziert nach dem Unfall zögerlich und intransparent. Dabei haben Messstationen in Nord- und Westeuropa bereits erhöhte Radioaktivität festgestellt. 
    So liegt der Super-GAU bereits 36 Stunden zurück, als rund 50.000 Bewohner binnen Stunden ihr Zuhause in der Stadt Prypjat nahe Tschernobyl verlassen müssen. Insgesamt müssen mehr als 300.000 Menschen ihre Heimat aufgeben. 
    Wegen der radioaktiven Strahlung wird eine Zone im Radius von etwa 30 Kilometern um das Kraftwerk gesperrt. Bis zum Herbst 1986 wird unter extremen Bedingungen und in großer Eile ein sogenannter „Sarkophag“ über dem Unglücksreaktor errichtet. 2016 wird darüber eine neue Schutzhülle installiert, das „New Safe Confinement“. Es soll Strahlenauswirkungen zusätzlich begrenzen.

    Russische Besatzung 2022 – Verwüstungen und Minen

    In den 2010er-Jahren und vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine entwickelte sich in Tschernobyl eine Art Katastrophentourismus  – mit Führungen durch die Sperrzone und bis in die Nähe der Reaktorruine. Die ukrainische Regierung hofft sogar auf Anerkennung von Teilen der verstrahlten Zone als Welterbe, inklusive der Geisterstadt Prypjat.   
    Doch gleich zu Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 wird das Atomgelände von russischen Truppen besetzt. Die Besatzer verminen einen Teil des Geländes und verwüsten ein Labor, in dem radioaktiver Abfall untersucht wird. Außerdem heben sie Schützengräben aus – auch dort, wo nach dem Super-GAU radioaktiv verstrahltes Gerät, Hubschrauber und Autos tief vergraben wurden.  
    Ukrainische Angestellte, die zur Arbeit gezwungen und als Geiseln festgehalten werden, berichten später von vorbeirollenden Panzern, schwerem Militärgerät und Detonationen in der Nähe des verunglückten Reaktors. Sie berichten auch davon, wie „ahnungslos“ sich die russischen Besatzer verhalten hätten. In den Wäldern hätten sie „radioaktiven Staub aufgewirbelt“.  
    Nach fünf Wochen müssen die russischen Truppen abziehen. Das Gebäude, das sie als Hauptquartier genutzt haben, sprengen sie zuvor.

    Russische Drohne – Gefahr für den Sarkophag

    Heute nutzt Russland das Gebiet als Einflugschneise für Drohnen- und Raketenangriffe auf die Ukraine. Im Januar 2025 schlägt eine russische Drohne in der Schutzhülle ein und reißt ein großes Loch in die Konstruktion. Zudem gerät die Membran unter der Hülle in Brand. Das Feuer breitet sich aus; Spezialkräfte können es nur löschen, indem sie weitere Löcher in die Hülle bohren. Erst acht Monate später gelingt es, die Hülle zumindest notdürftig abzudichten. Sie funktioniert bis heute nur eingeschränkt. 
    Die Internationale Atomenergiebehörde stellt gegen Ende 2025 keine erhöhte Strahlenbelastung außerhalb der Schutzhülle fest.  
    Doch der Reaktorblock 4 bleibt gefährlich. Denn der alte “Sarkophag”, der ihn direkt umgibt, ist brüchig. Sollte auch nur in der Nähe eine russische Iskander-Rakete einschlagen, könnte – so die Befürchtung – der “Sarkophag” zusammenbrechen und radioaktiver Staub nach außen gelangen.
    Ein Loch klafft in der Schutzhülle über dem Unglücksreaktor Tschernobyl, auf dem Dach sind Arbeiter zu sehen
    Am 14. Januar 2025 schlug eine russische Drohne in die Schutzhülle des Unglücksreaktors Tschernobyl ein. Es dauerte Monate, bis die Schäden zumindest provisorisch beseitigt waren. (imago / NurPhoto / Volodymyr Tarasov)
    Der schlimmste Fall – eine nukleare Kettenreaktion der Kernspaltung – könnte jedoch auch eintreten, wenn zum Beispiel das Lager für abgebrannte Brennelemente auf dem Gelände getroffen wird. Derzeit lagern dort 16.000 dieser Elemente. 
    Ein weiteres mögliches Szenario betrifft einen ehemaligen Kühlteich. Er zählt nach Angaben eines ukrainischen Experten zu den am stärksten verseuchten Gewässern der Welt und liegt nur wenige Kilometer vom beschädigten Reaktor entfernt. Zehntausende Menschen wären bedroht, wenn ein russischer Marschflugkörper oder eine schwere Drohne einen Damm beschädigen oder zerstören würden und dadurch radioaktiv verstrahltes Wasser in den Hauptfluss liefe – in Richtung der nur 100 Kilometer entfernten Hauptstadt Kyjiw. Das Expertenteam vor Ort hält dies für eine reale Gefahr.  

    Im Schichtbetrieb – ukrainisches Personal am AKW

    Rund 4.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ingenieure sowie weiteres Personal arbeiten in Schichten in der Sperrzone. Sie sichern unter anderem wichtige Strahlungsdaten, die auch für die internationale Forschung von Bedeutung sind. 
    Bei Luftalarm können sie sich nicht in Sicherheit bringen, denn die Kontrolle der Werte im Kraftwerk muss jederzeit gewährleistet sein. Ihre eigenen Strahlungswerte müssen sie täglich erfassen. Die radioaktive Strahlung nahe dem zerstörten Reaktor ist mehr als 700-mal höher als der Durchschnittswert in Deutschland. 
    Früher arbeiteten die ukrainischen Experten mit internationalen Teams aus Japan, Deutschland und der EU zusammen, um die Strahlung zu messen und die Risiken zu bewerten. Seit Russlands Großangriff sind die Partner weg, Projekte gestoppt und Gelder versiegt. Immerhin haben europäische Partner zumindest die meisten Geräte in dem von russischen Soldaten verwüsteten Labor ersetzt.

    Wilde Kühe und einige Zivilisten – Leben in Tschernobyl

    Trotz der Gefahr aus der Luft und aus dem Boden ist das Leben nach Tschernobyl zurückgekehrt. Die Natur erobert das vor vierzig Jahren verlassene Gebiet zurück. Im Umkreis von 30 Kilometern um den havarierten Reaktorblock lebt die letzte wilde Pferdeherde des Landes. Daneben kann man Rehen, Elchen, Luchsen, Wölfen und Bären begegnen. 
    Außerdem gibt es eine wilde Kuhherde – Nachkommen von Kühen, die von Menschen nach der Atomkatastrophe zurückgelassen wurden. Mittlerweile ist es die vierte Generation. 
    Auch einige Zivilisten sind in ihre Heimat zurückgekehrt, in die Sperrzone. Etwa dreißig ältere Menschen leben noch in Tschernobyl. Sie konnten sich an ein Stadtleben nicht gewöhnen. Ihr Alltag ist einfach, sie helfen einander. Über ihrem Zuhause fliegen allerdings regelmäßig russische Drohnen und Raketen. Explosionen und das Abwehrfeuer der ukrainischen Truppen sind zu hören.  
    In Tschernobyl geht es 40 Jahre nach dem Super-GAU um Durchhalten im Ausnahmezustand.