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StartseiteCorsoDer Ton ist der Star26.08.2019

Snapchat-Ausstellung "Sound Stories"Der Ton ist der Star

Menschen verschicken täglich Snapchat-Videos. Meist vergessen sie dabei eine wichtige Komponente - den Sound. Mit Hilfe komplizierter Algorithmen wird er in Los Angeles zum Hauptdarsteller einer Installation. Die "Sound Stories" von US-Künstler Christian Marclay erzählen von Liebe, Leiden und Last.

Von Kerstin Zilm

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Blick in die Ausstellung "Sound Stories" von Christian Marclay im Los Angeles County Museum of Art: Ein Mann betrachtet in einem dunklen Raum vor ihm leuchtene Handybildschirme (Deutschlandradio/Kerstin Zilm)
Blick in die Ausstellung "Sound Stories" von Christian Marclay im Los Angeles County Museum of Art (Deutschlandradio/Kerstin Zilm)
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Die Besucher betreten eine komplett dunkle Welt: schwarze Wände. Keine Fenster. Zehn Handys hängen nebeneinander und leuchten. Ihre Bilder wechseln in Millisekunden. Mit ihnen der Sound. Eine Kakophonie, die in einen Rhythmus übergeht: Schritte in Sound und Bild auf jedem Schirm.
Schritte auf Asphalt, Beton und Gras; in Pumps,Turnschuhen, Sandalen. Dann andere Sounds und Bilder, überlappend, widersprüchlich, verwirrend: Kochen, Hämmern, Regen. Das ist die Ouvertüre zu Christian Marclays Ausstellung "Sound Stories" im Los Angeles County Museum of Art. Eine Hommage an den Ton in einer Welt voller Bilder. Verwertung eines vergessenen Randprodukts.

Seit 40 Jahren interessiert es den MultimediaKünstler Christian Marclay aus Filmschnipseln, aussortierten Schallplatten, Telefonen, Plattenspielern  und Instrumenten Töne und Bilder zu schaffen:

"There is this sense that there are left overs, trash in a way. I have always been interested in trash and in making something creative out of left overs, things that are discarded."

Algorithmen für den Künstler

Im zweiten Raum stehen die Besucher zwischen zwei zwei-Meter hohen Bildschirmen. Snapchat-Töne sind synchronisiert mit der Melodie von  "Tinsel" - einer Komposition, die Marclay vor Jahren für ein anderes Werk geschaffen hat. Die Melodie wiederholt sich. Die Video-Fragmente - und damit die Töne - sind jedes Mal neu. Möglich wird diese Auswahl durch Algorithmen, die Snapchat-Ingenieure entwickelten. Ausnahmsweise mal nicht für Nutzer, Vermarktung und Profit, sondern spezifisch für den Künstler.

Andrew Lin leitete das Projekt. Nach Marclays Vorgaben filterten die Tech-Profis aus Millionen von Videos rund 180.000 für die Installation heraus:

"Wir haben Samples von 20 Millisekunden analysiert, so dass wir Christian die mit den stärksten Frequenzen geben konnten, die zu seinen Kompositionen passen."

Selten passen in "Sound Stories" Ton und Bild zusammen. Wer passt schon auf, was zu Hören ist, wenn es darum geht, das coolste Video zu posten? Da heult die Kreissäge zum Regenbild. Babys lächeln zu Polizeisirenen und Rosen blühen zum Jaulen eines Hundes. Normalerweise fällt das kaum jemandem auf. Doch Marclay, der selbst keine Social-Media-Plattformen benutzt, dreht den Fokus um. Von der Kamera im Smartphone zum Mikrofon:

"I thought, yes, it’s a camera, but it is also a microphone. It is recording sound and image. I wanted to focus on the sound."

Klangreise ins Leben

In zwei Räumen können Besucher, selbst die Kontrolle über die Töne übernehmen. Zumindest teilweise. "The Organ" lädt zum Spielen eines Keyboards ein. Statt Geigen-, Klavier- oder Gitarrentönen erklingen Töne von Videoschnipseln. Linke Tasten erzeugen tiefe Töne, rechte Tasten hohe. Bilder, die mit den Tönen aufgenommen wurden, erscheinen an der Wand.

Im Nachbarraum hängen Smartphones auf unterschiedlichen Ebenen. Ihre Bildschirme fordern leuchtend dazu auf, zu reden, zu singen: "Talk to me. Sing to Me." Wer es wagt, löst Resonanzen aus.

Die Ausstellung ist eine klangvolle Reise in das Leben von Tausenden Menschen überall auf der Welt. Sie alle scheinen Ähnliches festhalten und teilen zu wollen: Hochzeiten und Road-trips. Eintöpfe und Cocktails. Katzen, Hunde und Babys. Der Fokus der Ausstellung liegt auf dem Sound. Doch die Bilder sind ebenbürtiger Bestandteil.

Snapchats auf Beerdigungen

"Denn", sagt Christian Marclay, "sie beeinflussen, wie wir Töne erleben, zeigen die Humanität, die uns verbindet, die Banalität des Alltags, meistens die fröhliche Seite." Wer mache schon Snapchats auf Beerdigungen.

Die Wende weg vom Positiven inszeniert der Künstler im letzten Raum. Töne die an Horrorfilme und Albträume erinnern, umhüllen die Besucher. Schauen sie nach oben, sehen sie in der Decke Tablets mit Videos, die sie erzeugen. Doch der Ton ist verlangsamt, Basstöne sind hervorgehoben. Hier ist die Diskrepanz zwischen Sound und Bild am stärksten.

Christian Marclay ist gespannt, wie Los Angeles - die Stadt des Kinos, der bewegten Bilder - auf seine "Sound Stories" reagiert.

"This is a city of cinema. It is Hollywood town. People like to make images here. It will be interesting to see how people react."
 

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