Dienstag, 29. November 2022

Sperrungen auf Social Media
Das langsame Vorgehen gegen Hassfluencer wie Andrew Tate

Jetzt also auch Youtube: Das Videoportal hat den Kanal des ehemaligen Kickboxers gesperrt, der dort bislang seine Hassnachrichten gegen Frauen und Homosexuelle millionenfach verbreiten konnte. Sein Beispiel zeigt, wie lange Google und Co. gewähren lassen, wenn die Zahlen stimmen.

Von Heike Wipperfürth | 23.08.2022

Ein Handy mit verschiedenen App-Symbolen
Die digitale Welt von Youtube, Facebook, Tiktok und Co. - immer mehr kritisch unter der Lupe (imago images / IP3press / Christophe Morin via www.imago-images.de)
„Wenn wir in einem Informationssystem leben, in dem es zu wütenden, hasserfüllten polarisierenden Kämpfen kommt, dann schwächt das unser Vertrauen in die Gesellschaft”. Das sagte die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Francis Haugen Ende vorigen Jahres im US-Fernsehsender CBS-News. Sie meinte damit auch extreme Inhalte, die Nutzer fesseln, weil sie Hass auslösen. Das Geschäftsmodell Hass um des Gewinns willen beunruhigt sie schon seit langem.
Nun hat Meta Ende voriger Woche zwei Hass-Influencer von seinen Tochterfirmen Instagram und Facebook verbannt: Den prominenten Impfgegner Robert Kennedy und seine Organisation Children’s Health Defense, auf Deutsch etwa Verteidigung der Gesundheit von Kindern. Und Andrew Tate, der für seinen Sexismus und Gewalt gegen Frauen bekannt ist. Kennedy hätte gegen die Verbreitung von Falschinformationen und Tate gegen die Regeln gegen die sogenannten Regeln gegen die gefährlichen Personen verstoßen, so Meta.
Jetzt müssen Hunderttausende Facebook- und Instagram-Follower von Robert Kennedy, Neffe des ehemaligen US Präsidenten John F. Kennedy, auf seine Verschwörungserzählungen verzichten. Dem ehemaligen Kickboxer Andrew Tate und seinen Hassnachrichten gegen Frauen und Homosexuelle folgten 4,6 Millionen Accounts auf den beiden Meta-Plattformen. 

Von Twitter schon lange verbannt

"Eine Frau, die mit einem Mann ausgeht, gehört dem Mann", sagte Tate noch am vergangen Freitag in einem Tiktok-Video. Doch dann wurde der 35-Jährige auch von der chinesischen Videoplattform verbannt, deren Benutzer hauptsächlich Kinder und Jugendliche sind. 
Für Sahana Udupa, Professorin für Medienanthropologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, ist die Sperrung der beiden von den sozialen Netzwerken ein zweischneidiges Schwert: "Sie müssen neue Plattformen finden und ein neues Publikum an sich binden und verlieren an Schwung. Aber sie werden in den Untergrund eintauchen und neue Wege finden."
Das tat Andrew Tate schon vor fünf Jahren, als er von dem Kurznachrichtendienst Twitter verbannt wurde, nachdem er in einem Tweet Opfern von Vergewaltigungen eine Mitschuld zuschob. Er trat auf der Medienplattform Infowars von Alex Jones auf, einem führenden Agitator der rechten Szene, und traf sich mit Donald Trump.

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Und Tate gründete Hustler’s University, ein Online-Programm, in dem es auch darum ging, dass zumeist junge Männer Videoclips über ihn auf sozialen Netzwerken veröffentlichten, sagte Deana Rohlinger, Soziologin an der Florida State Universität in Tallahassee. "Dass Tate von Twitter verbannt wurde, ist nicht so schlimm, weil andere Leute Ausschnitte seiner Videos in seinem Auftrag auf sozialen Netzwerken veröffentlichten."

Gewinn vs. Rechenschaftspflicht

Seit diesem Wochenende ist diese Abteilung von Hustler’s University geschlossen. Auch auf Youtube können sich laut Bloomberg seit gestern Nutzer keine Tate-Videos mehr anschauen - obwohl das Videoportal laut der Analytikplattform Social Blade mit insgesamt 234 Millionen Aufrufen von Videos des Frauenhassers pro Jahr Werbeeinnahmen von vier Millionen Dollar verdiente. Ein Profit, den Sahana Udupa mit Sorge betrachtet. "Der Gewinn der Unternehmen ist abgekoppelt von ihrer Rechenschaftspflicht gegenüber der Gesellschaft. Wir müssen beides wieder miteinander verknüpfen, damit Firmen gezwungen sind, solch ein Benehmen nicht zu tolerieren."
Das EU-Gesetz für digitale Dienste, das im Juli verabschiedet wurde, soll dabei helfen. Unter anderem verbietet es Hass und Hetze auf sozialen Netzwerken und droht mit hohen Strafen, wenn Konzerne die neuen Regeln nicht befolgen. Und das ist erst der Anfang, sagt Sahana Udupa. "In Schulen und Universitäten muss viel mehr getan werden, um kritisches Denken zu fördern und um gegen Fehlinformationen vorzugehen – das ist eine echte Herausforderung." 
Was nicht heißt, dass Robert Kennedy und Andrew Tate demnächst nicht wieder auf anderen sozialen Netzwerken zu sehen sind, warnen Experten wie Sahana Udupa.