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StartseiteUmwelt und VerbraucherEnergieexperte: Anlagenbesitzer drohen hinzuschmeißen12.10.2020

Solarstrom und EEG-NovelleEnergieexperte: Anlagenbesitzer drohen hinzuschmeißen

Eine Photovoltaik-Anlage sei in der Regel ein gutes Geschäft, sagte Energiesystem-Forscher Volker Quaschning im Dlf. Teile der geplanten EEG-Gesetzesnovelle kritisiert er aber als kontraproduktiv. Ein verpflichtender Smart-Meter-Einbau bringe nicht viel für kleinere Solaranlagen, sondern gefährde deren Wirtschaftlichkeit.

Volker Quaschning im Gespräch mit Jule Reimer

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Solarmodule werden auf ein Hausdach transportiert. Ein Arbeiter traegt ein Solarpanel,Solarmodul auf ein Dach eines Wohnhauses. Solarstrom,Solarenergie *** Solar modules are transported on the roof of a house A worker carries a solar panel,solar module on the roof of a house Solar power,solar energy  (imago / Sven Simon)
Solarmodule drauflassen oder runter damit? Mancher ist sich da plötzlich nicht mehr sicher, angesichts sich verändernder EEG-Auflagen. (imago / Sven Simon)
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Photovoltaik Die Misere mit dem Mieterstrom

Am 9. Oktober hat der Bundesrat die Verlängerung eines umfangreichen Subventionsprogramms der Bundesregierung verabschiedet. Es fördert den Austausch von Ölheizungen gegen Heizungsversorger, die sich wie Solarthermie-Anlagen oder Wärmepumpen aus erneuerbaren Energien wie Sonne, Luft oder Erdwärme speisen. Im Gegensatz dazu werden neue Fotovoltaik-Anlagen, die Strom aus Sonnenenergie erzeugen, gar nicht mehr staatlich gefördert. Die Rahmenbedingungen dafür legt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fest, das derzeit reformiert wird. Im geplanten Entwurf sei es aber eher eine Diskriminierung von Sonnenstrom, kritisiert der Bundesverband Solarwirtschaft.

Was bedeuten diese Pläne für Immobilienbesitzer, die über eine Solarstrom-Anlage nachdenken? Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, sieht Teile der EEG-Reform kritisch - auch wenn er meint, dass eine Solaranlage sich in der Regel immer noch rentiert.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energien an der HTW in Berlin (picture alliance/Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa)Quaschning sieht die Energiewende in Deutschland zum Teil durch Überregulierung behindert (picture alliance/Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa)

Jule Reimer: Herr Quaschning, in was für einem Haus wohnen Sie und wie deckt Ihre Familie ihren Energiebedarf?

Volker Quaschning: Bei Energie muss man erst mal zwischen Strom, Wärme und Verkehr unterscheiden. Wir haben ein Einfamilienhaus, wir haben das vor 15 Jahren gebaut, damals schon perfekten Dämmstandards zutage gelegt, so dass der Energiebedarf zum Heizen deutlich unter dem Durchschnitt ist. Das machen wir natürlich alles mit erneuerbaren Energien. Das heißt, die Wärme wird mit Solarthermie und Biomasse gedeckt. Und wir haben eine sehr, sehr große Fotovoltaik-Anlage, die auf dem Dach mehr Strom erzeugt, als wir brauchen, und auch noch mehr Strom erzeugt, als unser Elektroauto braucht, was den Verkehrsverbrauch abdeckt.

Fotovoltaik-Anlage "in der Regel ein gutes Geschäft"

Reimer: Bleiben wir mal beim Solarstrom. Diese 20-jährige Subvention, diese Garantiepreise für die Pioniere, die sich damals Solarstrom aufs Dach gepackt haben, aber zu Beginn auch sehr viel investieren mussten, die läuft ja langsam aus. Heute gibt es zum Beispiel staatliche Subventionen nur noch für Solarthermie vom Dach. Wo und in welchen Gebäuden können Immobilienbesitzer jetzt, im Augenblick unter den herrschenden Bedingungen, Fotovoltaik mit erträglichem Kostenaufwand und Kosteneinsparungen einsetzen?

Quaschning: Eigentlich fast in allen Gebäuden. Das heißt, Fotovoltaik ist mittlerweile erheblich günstiger als der Strompreis, den man normalerweise zahlt. Das heißt: Wenn es mir gelingt, einen größeren Teil des Solarstroms wirklich selber zu verbrauchen, dann bin ich auf der sicheren Seite. Ich spare damit die teuren Stromkosten ein, ersetze die durch preiswerteren Solarstrom. Wenn die Solaranlage größer wird, dann muss man den überschüssigen Strom ins Netz einspeisen. Das hängt dann ein bisschen von den Einspeisebedingungen ab. Aber in der Regel ist es immer so, dass man mit einer Fotovoltaik-Anlage, egal ob ich nun Eigenverbrauch mache oder nicht, wenn das Dach nicht ungünstig ausgerichtet oder komplett verschattet ist, in Deutschland eine deutlich höhere Rendite als auf dem Sparbuch erzielen kann.

Reimer: Können Sie das an einem Beispiel mal erläutern? Ein mittelgroßes Einfamilienhaus, mittelgroße Fotovoltaik-Anlage – wieviel kostet die?

Quaschning: Die Dächer sind ja immer sehr unterschiedlich. Deswegen muss man das individuell anschauen. Aber wenn man wirklich ein freistehendes Einfamilienhaus hat, dann kann man auf dem Dach vielleicht irgendwas in der Größenordnung 50, 60 Quadratmeter an Solaranlagen installieren. Das wären dann zehn Kilowatt. Wir messen das immer in KW. Damit kann man, wenn die Anlage nicht verschattet ist, bis zu 10.000 Kilowattstunden an Strom erzeugen, und das ist in der Regel doppelt so viel, wie so ein durchschnittliches Einfamilienhaus braucht. Die Kosten liegen dann irgendwo zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Das hängt noch ein bisschen davon ab, ob noch ein Speicher dazukommt oder nicht. Und wenn es gut läuft, hat sich so eine Anlage in gut zehn Jahren amortisiert, und wenn man Glück hat, lebt sie am Ende 30 Jahre. Insofern, wie gesagt, in der Regel ein gutes Geschäft.

Windräder stehen auf einem blühenden Rapsfeld in Flonheim, Rheinland-Pfalz (picture alliance/Roland Holschneider/dpa) (picture alliance/Roland Holschneider/dpa)"Die erneuerbaren Energien sind konkurrenzlos günstig"
Der Ausbau der Ökostromkapazitäten bei der EEG-Reform sei viel zu niedrig angesetzt, sagt der Energie- und Klimaeexperte Tobias Pforte-von Randow. Erneuerbare Energien wären technisch in der Lage, bis 2030 mindestens 75 Prozent des Stroms zu generieren.

EEG-Novelle bringt Zusatzkosten

Reimer: Jetzt haben wir aber die geplante Reform des EEG. Was wird das nach derzeitigem Stand für die häusliche Energieversorgung im Bereich Strom und Wärme bringen?

Quaschning: Für die neuen Anlagen, die auf Häusern gebaut werden, auf kleineren Häusern, wird sich gar nicht viel ändern. Die Bundesregierung plant vor allen Dingen Änderungen für große Anlagen. Da wird es deutlich unattraktiver werden, weil da der Eigenverbrauch bei sehr großen Anlagen nicht mehr zugelassen wird und man stattdessen Ausschreibungen machen muss, die relativ kompliziert sind. Offensichtlich möchte die Bundesregierung gerade durch eine Beschränkung bei den Großanlagen auch wieder den Fotovoltaik-Zubau ein bisschen drosseln. Bei den Kleinanlagen ändert sich jetzt erst mal gar nicht sonderlich viel. Es ändert sich im Wesentlichen etwas, wenn die Anlagen aus der Förderung rausfallen nach 20 Jahren. Da werden die Anlagenbesitzer dazu verdonnert, ein sehr, sehr teures Smart Meter zu kaufen, was dann in der Regel die Wirtschaftlichkeit zerstört, und ich habe schon mit Anlagenbesitzern gesprochen, die in einem Jahr, wenn die Förderung ausläuft, die Anlage vom Dach nehmen wollen und einfach auf die Straße schmeißen, weil die mittlerweile frustriert sind, dass eine funktionierende Anlage sich wirtschaftlich nicht mehr trägt, weil die Bedingungen so verschlechtert werden.

Reimer: Diese Auflage mit dem Smart Meter haben diejenigen, die sich jetzt neu eine Anlage kaufen, nicht oder doch?

Quaschning: Das hängt von der Anlagengröße ab. Das heißt, ab sechs KW braucht man ein Smart Meter. Das sind ungefähr 30 Quadratmeter Fotovoltaik-Fläche. Früher oder später wird das auf alle Anlagen auch zutreffen. Die Bundesregierung hat den Riesenwunsch, überall Smart Meter einzuführen. Momentan bringt das für die Fotovoltaik nicht sehr viel, aber, da die Geräte sehr teuer sind, noch mal Zusatzkosten. Bei einer großen Fotovoltaik-Anlage lässt sich das in der Regel wahrscheinlich auch verschmerzen. Das heißt: Wenn das Dach voll ist, kann man damit leben. Aber wenn es eine Altanlage ist, die relativ klein ist, dann fallen die Kosten für den Smart Meter so hoch aus, dass man sie nicht mehr mit den Stromkosten verrechnen kann, und das sind natürlich ungünstige Entwicklungen.

Mieterstrom "in Deutschland komplett überreglementiert"

Reimer: Kritiker sagen aber auch, dass beim Thema Mieterstrom – da sind wir wahrscheinlich bei nicht ganz kleinen Anlagen; ein bisschen größeren Anlagen – sich nichts Positives tut. Das war ja bisher sehr komplex, wenn ich als Eigentümer eines Mehrfamilienhauses eine Fotovoltaik-Anlage aufs Dach gebaut habe, dann war ich plötzlich Energieversorger, wenn ich den Strom an meine Mieter gegeben habe, und das brachte vor allen Dingen den Ausbau in den Städten nicht voran. Was ist da geplant, und glauben Sie, es wird besser?

Quaschning: Man hat da ganz leichte Ideen, vielleicht ein paar Parameter zu verändern. Aber im Großen und Ganzen wird es nicht besser. Da sollte man sich an der Schweiz orientieren. In der Schweiz ist es möglich, dass man komplett abgabenfrei auch den Strom an die Mieter weiterreichen kann. Voraussetzung ist nur: Er muss dann im Endeffekt billiger sein als der Strom, der üblicherweise angeboten wird. Da haben alle Seiten was davon. Hier in Deutschland ist das komplett überreglementiert und man hat damit erreicht, dass der Mieterstrom im Prinzip nicht mehr stattfindet. Dass wir da eine große Verbesserung haben, ist nicht der Fall, und de facto wird der Mieterstrom weiterhin nicht stattfinden.

Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie (dpa / Soeren Stache) (dpa / Soeren Stache)"Wohlstand mit Klimaschutz verbinden"Schneller und besser beim Klimaschutz - das gehe nur auf, wenn Deutschland ein wirtschaftlich leistungsfähiges und starkes Land bleibe, sagt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Reimer: Was sollte ein jeder Immobilieneigentümer bedenken - ich rede jetzt nicht von den ganz großen, sondern von dem Einfamilien-Privathaushalt oder jemand, der ein Mehrfamilienhaus hat -, wenn er heute größere Summen in sein Haus, in seine Immobilie investieren will im Bereich Energie?

Quaschning: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die alte Öl- und Gasheizung früher oder später ein Nachteil wird. Das heißt: Häuser, die nicht mehr nachhaltig und zukunftsfähig sind, werden auch an Verkaufswert verlieren, weil es dort entweder früher oder später Vorgaben zum Nachrüsten geben wird, oder auch Strafzahlungen, höhere Kosten für Öl und Gas. Das heißt, da müsste man sich überlegen, wegzukommen. Natürlich kommt irgendwann das Elektroauto. Das ist nur eine Frage der Zeit. Wer eine eigene Solaranlage hat, hat auch da günstig die Chance, das Auto voll zu bekommen. Und wenn ich eh ans Renovieren gehe oder das Dach zum Beispiel anpacke oder gar ein Haus neu baue, dann steht das Gerüst schon da, die Elektrik ist auch schon da. Dann ist es in der Regel viel, viel günstiger, gleich die Solaranlage mit zu installieren, und im Vergleich zu anderen Investitionen im Haus sind das kleine Summen mit einer relativ großen Wirkung und der Chance, wirklich über Jahrzehnte günstigen Strom aus dem eigenen Dach zu beziehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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