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StartseiteInterview"Wir müssen viel mehr auf mutierte Viren testen"25.01.2021

Solinger OB Kurzbach"Wir müssen viel mehr auf mutierte Viren testen"

Der Oberbürgermeister von Solingen Tim Kurzbach (SPD) hat im Dlf Unverständnis geäußert, dass in Deutschland nicht systematisch auf die britische Corona-Mutante getestet wird. In Solingen tue man das, "und siehe da, sie taucht vermehrt auf".

Tim Kurzbach im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Tim Kurzbach (SPD), OB in Solingen, vor dunkelrotem Vorhang und einem Mikrofon (picture alliance / dpa / Fabian Strauch)
Tim Kurzbach (SPD) ist OB in Solingen (picture alliance / dpa / Fabian Strauch)
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Die in Großbritannien entdeckte Mutation von SARS-CoV-2 breitet sich aus, auch in Deutschland. Kanzleramtchef Helge Braun (CDU) geht davon aus, dass sie auch in Bundesrepublik die vorherrschende Form wird. Sie gilt als deutlich ansteckender als die zuvor bekannten Varianten. Einige Politiker und Experten forderen deshalb eine Verlängerung der bestehenden Einschränkungen, bevor sich hochansteckende Mutationen des Virus weiter in Deutshland ausbreiten können. "Wir werden einen sehr harten und sehr gut funktionierenden Lockdown brauchen, weil die neuen Varianten von einem ganz anderen Kaliber sind", sagte etwa SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in einer Talkshow. Auch der Charité-Virologe Christian Drosten warnte im "Spiegel" vor Szenarien mit 100.000 Neuinfektionen pro Tag bei einem zu frühen Lockdown-Ende.

In der nordrhein-westfälischen Stadt Solingen, die 2020 hohe Corona-Inzidenzen erlebt hat, wird systematisch auf die mutierte Virusvariante getestet. Der dortige Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) hält das für wichtig, um ein genaues Lagebild zu bekommen. "Alle positiven Testungen, die in Solingen im Moment eingehen, werden auf diese Mutante getestet und siehe da, sie taucht vermehrt auf", so Kurzbach.

Bundesweit wird nach Kurzbachs Ansicht noch zu wenig auf die neuen Virus-Varianten getestet. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am 18. Januar angeordnet, mindestens fünf Prozent der corona-positiven Proben auf Genmutationen zu untersuchen. Seitdem sind in mehreren Bundesländern vereinzelte Häufungen der besonders ansteckenden Virusvariante B.1.1.7 nachgewiesen worden. Würde konsequenter getestet, würde eine stärkere Verbreitung festgestellt, meint der Solinger OB.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)


Das Interview im Wortlaut:

Armbrüster: Herr Kurzbach, ich habe es gesagt: Die Stadt Solingen hat so einige Tiefpunkte in dieser Pandemie schon erlebt. Wie gut sind Sie darauf eingestellt, wenn jetzt mit dieser Corona-Variante noch einmal eine völlig neue Lage entsteht?

Kurzbach: Vieles ist natürlich nicht bekannt. Aber was mir immer wichtig ist, in einem Krisenstab oder auch bei Experten, die ich befrage, möglichst frühzeitig auf Entwicklungen zu agieren und nicht nur zu reagieren. Das mit der Mutante, die Sie gerade ansprachen, ist schon länger bekannt. Deswegen überlegen wir seit einigen Wochen, was können wir tun. Aber natürlich auch die anderen Bereiche. Sie erinnern sich vielleicht an unsere Debatte, die wir mit dem Schulministerium hatten, wo wir gesagt haben, lasst uns doch bitte früh darauf vorbereiten und nicht abwarten, was mit dem Schulunterricht passiert. Frühzeitig vorzudenken, das ist immer meine Überlegung, um auf das vorbereitet zu sein, was dann kommt.

"Es wird zu wenig auf Mutante getestet"

Armbrüster: Wird denn in Solingen schon getestet auf die neue Corona-Variante?

Kurzbach: Ja, ausdrücklich ja, wobei das eine kommunale Entscheidung bei uns hier ist. Ich habe nicht verstanden, als wir mehr über diese Mutante aus Großbritannien oder Südafrika gehört haben – mittlerweile wissen wir, es gibt auch eine aus Brasilien -, dass wir darauf nicht schneller reagiert haben. Wir in Solingen haben zum Beispiel beschlossen, dass entgegen des Bundes- und Landestrends wir hier eigene Zusatztestungen organisieren.

Als das klar wurde, habe ich sehr schnell mit unserer Gesundheitsamtsleiterin gesprochen, und klar hatten wir auch zum Beispiel Einreisende aus Großbritannien. Die haben wir sehr schnell nachverfolgt und da ist die Mutante auch relativ schnell aufgetreten. Dann haben wir erst mit der Charité in Berlin Kontakt aufgenommen, weil noch mal, dafür gab es dann keine Pläne, und mittlerweile arbeiten wir mit der Uni Köln zusammen. Alle positiven Testungen, die in Solingen im Moment eingehen, werden auf diese Mutante getestet. Und siehe da: sie taucht vermehrt auf, weshalb ich den Zahlen, die offiziell gerade bekannt sind, nicht so ganz glaube, weil viel zu wenig auf diese Mutante getestet wird.

Armbrüster: Herr Kurzbach, habe ich das jetzt richtig verstanden? Diese ganzen Tests, auch diese Absprachen, die haben Sie oder Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Solingen, aus dem Rathaus geführt? Da haben Sie keine Anleitung erhalten von der Landesregierung oder von der Bundesregierung?

Kurzbach: Es wird darüber diskutiert, was sollte man machen. Im Moment ist ja, glaube ich, eine Grundzahl, dass fünf Prozent aller Testungen zusätzlich auf die Mutante getestet werden sollen. Wir haben aber gesagt, wir wollen alle positiven Testungen auf die Mutante prüfen, um ein genaues Lagebild zu bekommen.

Sie merken jetzt an den Nachrichten gerade, in Berlin der große Vorfall mit der Klinik, die geschlossen werden muss, aus München heute Morgen eine Meldung, das ploppt so auf, und ich wollte nicht ungesteuert in diese Situation hinein, weil klar ist, der Virus verbreitet sich. Der Winter ist leider sehr zuträglich für solch einen Virus. Ich wollte aber wissen, wie sind die Zahlen, und ich würde behaupten, wenn man das konsequenter testen würde, würden wir feststellen, dass er viel, viel verbreiteter ist, als die Zahlenlage allein im Moment hergibt.

"Testen ist in den Hintergrund geraten"

Armbrüster: Das heißt, Sie sagen jetzt so ein bisschen versteckt, aber doch wahrscheinlich für uns alle zu verstehen, da machen die Landesregierungen und die Bundesregierung nicht genug?

Kurzbach: Ich bin eigentlich kein Typ zum Verstecken. Ich wollte schon damit deutlich machen, dass ich glaube, wenn wir konsequenter auch hier testen würden, wie ich überhaupt glaube, dass das Thema Testen etwas in den Hintergrund geraten ist. Wir reden gerade sehr stark über die Impfungen; das ist auch wichtig. Da gibt es auch einige Anlaufschwierigkeiten, um das auch mal etwas allgemein zu sagen. Aber ich würde immer sagen, Impfen und Testen, das müsste in einem viel engeren Einklang miteinander gehen.

Bei den Testungen, klar! Wenn wir doch wissen, der Virus ist mutiert, müssten wir doch viel mehr auf diese mutierten Viren eingehen und sie testen.

Armbrüster: Was schwebt Ihnen da vor oder was machen Sie da in Solingen? Machen Sie flächendeckende Tests? Wir kriegen diese Bilder zum Beispiel aus Freiburg, wo ja eine Medizinerin richtig aktiv geworden ist und Leute in der Innenstadt testet. Jeder, der möchte, kann dort einen Corona-Test machen. Gibt es so was auch in Solingen?

Kurzbach: Ich will jetzt gar nicht sagen, dass Solingen der Nabel der Welt ist. Es gibt sicherlich auch noch andere Varianten. Wir haben natürlich ein Testzentrum eingerichtet mit einer Lungenfachklinik, die da ganz hervorragende Arbeit leistet. Wir haben auch ein privates Testzentrum. Von daher ja, das gibt es auch. Aber ich glaube, was wir in Solingen anders machen als andere ist, dass wir einfach sagen, alle positiv Getesteten müssen auch auf die mutierte Virusvariante geprüft werden, und das ist nicht im Moment im normalen Soll aller Testzentren und Labore. Es kostet auch extra, es kostet uns auch Geld extra, aber das nehmen wir gerne in die Hand, um so schnell als möglich, weil das wissen wir ja von dieser mutierten Variante aus Großbritannien, sie ist auf jeden Fall wesentlich ansteckender, wenn auch nicht schlimmer im Verlauf. Das heißt, wir müssen noch schneller sein, um die Ansteckungen zu verfolgen.

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Mutante bislang fünfmal nachgewiesen

Armbrüster: Nur damit wir das komplett haben. Wie viele Fälle mit dieser neuen Corona-Variante verzeichnen Sie denn in Solingen?

Kurzbach: Stand am Wochenende waren es fünf, die wir entdeckt haben, aber natürlich geht das relativ schnell. Das haben wir auch festgestellt, wenn wir die Familien in die häusliche Quarantäne schicken, dass dann auch wirklich die Ansteckungsketten dort weitergehen. Aber umso wichtiger, dass wir schnell dran sind, dass wir schnell wissen, es handelt sich um diesen neu mutierten Virus, der deutlich ansteckender ist.

Armbrüster: Gehen Sie mit diesen fünf neuen Fällen anders um als mit der herkömmlichen Corona-Variante?

Kurzbach: Wir ermitteln ganz schnell da hinterher. Wir wollen sie vor allen Dingen erst mal identifizieren. Ansonsten ist das Prozedere kein anderes, als wenn wir eine normale Ansteckung feststellen.

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Frust wegen verzögerter Impfungen

Armbrüster: Herr Kurzbach, Sie haben das Thema Impfen auch schon angesprochen. Das sorgt natürlich auch an diesem Montagmorgen wieder für Schlagzeilen. Wir haben das am Wochenende gehört, auch schon Ende letzter Woche: Es gibt Lieferengpässe nicht nur bei BioNTech-Pfizer, sondern auch beim Impfstoff-Hersteller Astrazeneca. Das heißt im Klartext, das kommt letztendlich auch bei Ihnen wieder an, bei den Städten. Sie sind da die Letzten in der Kette, die das dann ausbaden müssen. Der Impfstart wird sich verzögern. Was bekommen Sie zu hören von Menschen in Ihrer Stadt, in Solingen, die sich impfen lassen wollen, aber die jetzt erst noch einmal bis 8. Februar – das ist ja jetzt der offizielle Impfstart in Solingen, der Impfneustart – warten müssen?

Kurzbach: Das ist natürlich ein gemischtes Bild. Da sind viele Menschen, die sehr positiv auf das Thema Impfen reagieren und sagen, klar, wir wollen das und wir sehen darin auch die große Lösung im Kampf mit der Pandemie. Aber Sie haben natürlich recht: Wir haben hier ein Impfzentrum seit dem 15. Dezember des letzten Jahres voll betriebsbereit mitten in unserer Innenstadt stehen. Das war auch die Herausforderung an alle Kommunen und alle Kommunen, soweit ich das übersehen kann, haben da auch für Nordrhein-Westfalen selbstverständlich pünktlich und fristgerecht geliefert. Die stehen jetzt relativ leer, weil seit dem 15. uns wiederum gesagt wird, jetzt dürft ihr weiter nichts unternehmen und machen.

Jetzt haben wir unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger auch in Solingen selbstverständlich angeschrieben. Ab heute kann bei der Hotline angerufen werden und die Termine können gemacht werden. Aber dann stellen wir fest, dass es im Detail doch ziemlich mangelt. Die Personaleinsatzpläne waren nicht von vornherein abgestimmt. Und natürlich jetzt der Nackenschlag mit der mangelnden Lieferung des Impfstoffs. Letzte Woche mussten wir schon angesetzte Termine in den Kliniken absagen. Das hat für heftig Frust gesorgt und das darf uns eigentlich, finde ich, in dieser Zeit nicht passieren.

Armbrüster: Welche Lektion sollte man daraus lernen für die Zukunft?

Kurzbach: Ich bin jetzt gerne Oberbürgermeister meiner Heimatstadt. Ich bin kein Gesundheitsminister. Aber wenn ich Gesundheitsminister gewesen wäre, dann hätte ich vielleicht doch auch bei der Bestellung der Mengen von vornherein auch im europäischen Kontext – da will ich keinen kritisieren – darauf geachtet, dass doch deutlich mehr Mengen bestellt werden, als vielleicht als Grundbasis nur zu erwarten gewesen wären. Und dann hätte ich vielleicht noch deutlicher herausgehoben, wie ist die realistische Zeitplanung bei solchen Dingen. Das mache ich niemand zum Vorwurf. Es gibt keine Blaupause für so eine Pandemie. So eine Krise hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Da hätte ich mir aber immer zeitliche Sicherheitspuffer eingebaut.

Letztlich hätte ich schon die Kommunen mehr in die Verantwortung gehoben. Schauen Sie, in einem Land wie Nordrhein-Westfalen mit 18 Millionen Einwohnern und Deutschland mit 80 Millionen, ich glaube, das schafft man nicht zentralistisch. Da muss man auch vor Ort den Kommunen sagen, ihr betreut das ärztliche Personal, ihr macht die Impfzentren, ihr kennt eure Leute in den Altenzentren und Kliniken am allerbesten, schaut, was ihr machen könnt. Da haben wir ein bisschen zu sehr den Hang, das alles ministeriell über Düsseldorf und Berlin zu regeln.

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"Verunsicherung ist das Schlimmste"

Armbrüster: Herr Kurzbach, wir sprechen heute Morgen auch mit Ihnen, weil wir ein bisschen wissen wollen, wie diese Zeit zurzeit erlebt wird in den Städten und Gemeinden in Deutschland. Was haben Sie denn für einen Eindruck? Wir hören jetzt immer wieder, dass der Lockdown noch mindestens bis Mitte Februar andauern wird. Der 14. Februar wird immer wieder als Datum genannt. Was ist Ihr Eindruck? Wie groß ist die Akzeptanz in der Bevölkerung, bei diesen ganzen Maßnahmen noch weiter durchzuhalten?

Kurzbach: Ich glaube, das geht den Menschen genauso wie Ihnen oder mir heute Morgen. Es gibt ein ganz schweres Gefühl Richtung Herz und Bauch, weil sich das Ganze jetzt so lange zieht. Man kennt viele Menschen aus dem Einzelhandel, aus der Gastronomie, aus dem Bereich der Beschäftigten, die echt schwer daran zu knapsen haben, dass so lange schon geschlossen ist und dass diese ganzen Novemberhilfen noch nicht angekommen sind und so weiter und so fort. Das tut einem echt weh und man denkt sich auch, wie lange soll das noch gehen. Aber der Kopf sagt einem – und da komme ich noch mal an den Anfang unseres Gespräches -, wir wissen noch zu wenig, wie dieser Virus sich ausbreitet. Und dass die Mutante gerade so viel ansteckender ist, macht es so gefährlich, zu früh zu schnell zu öffnen. Man muss einfach mit einem ruhigen, klaren Kopf herangehen und daran appelliere ich auch. Ich glaube, wir brauchen in Deutschland einfach klarere Maßstäbe und nicht immer dieses von 14 Tage zu 14 Tage. Dann hat man mal die Medienlage und dann kann mal der Ministerpräsident mit dem gut, oder der andere kandidiert auf was weiß ich für ein Amt.

Ich glaube, wir brauchen klarere Richtlinien. Was ist bei einer Inzidenz von 50, bei 100, 150? Die Menschen brauchen eine klare Perspektive und die Verunsicherung der Debatten, die ist im Moment das schlimmste, finde ich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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