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Startseite@mediasresIn der Brexit-Meinungsschlacht05.03.2019

Spaltung der britischen Medienlandschaft In der Brexit-Meinungsschlacht

Leave or Remain? Deal oder No Deal? Die Spaltung der Briten in der Brexit-Debatte spiegelt sich auch in der britischen Medienlandschaft wider. Während sich die auflagenstarken Boulevard-Blätter klar positionieren, ist es für andere Medien schwierig, in der aufgeladenen Stimmung mit Informationen durchzudringen.

Von Ada von der Decken

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21.09.2018, Großbritannien, London: Britische Zeitungen vom 21.09.2018 liegen auf einem Tisch. (zu dpa "Britische Zeitung zu Macron und Tusk: «Europäische dreckige Ratten»" am 21.09.2018) (dpa/ Silvia Kuslido)
Brexit-Titel in britischen Zeitungen (dpa/ Silvia Kuslido)
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Ein Riss geht durch die britische Gesellschaft. Die Frage ist: Leave or Remain? Die Europäische Union verlassen oder drin bleiben? Wie man zum Brexit steht, ist längst die wichtigere Frage geworden, als welcher Partei man nahe steht. Das haben jüngste Erhebungen ergeben.

Pro Brexit: The Sun, Daily Mail und Co.

Diese Spaltung spiegelt sich auch in der Medienlandschaft wider. Die auflagenstarken Boulevard-Zeitungen haben sich klar positioniert. "The Sun", "Daily Mail" und andere hatten schon vor dem Referendum die Empfehlung gegeben, die Leser sollten für den Brexit zu stimmen.

Europakritik habe es in diesen Blättern aber schon lange gegeben, sagt Simon Usherwood. Der Politikwissenschaftler von der University of Surrey forscht seit zwanzig Jahren zum Thema EU-Skepsis in Großbritannien.

"Da kommen ziemlich voreingenommene Ansichten durch. Seit vielen Jahren ist unsere Presse euroskeptisch: Es gab scharfe Kommentare gegen die europäische Intergration, gegenüber Europäern aller Art. Das hat das Geschehen hier stark beeinflusst."

Countdown zum Brexit (AFP / Tolga Akmen)Mehr Beiträge zum Brexit finden Sie in unserem Portal "Countdown zum Brexit" (AFP / Tolga Akmen)

Die Medien wären für die Einordung wichtig

Simon Usherwood arbeitet für den "Thinktank UK in a Changing Europe". Die Brexit-Verhandlungen, die Konsequenzen: Das sei ein komplexes Thema, mit dem die Menschen umgehen müssten.

Simon Usherwood arbeitet für den "Thinktank UK in a Changing Europe" (Deutschlandfunk / Ada von der Decken)Simon Usherwood arbeitet für den "Thinktank UK in a Changing Europe" (Deutschlandfunk / Ada von der Decken)

"They don't get strong clear consistent messages from politicians and other leaders. So the media becomes really important in helping people try to make sense of this."

Weil die Politiker keine klaren konsistenten Botschaften lieferten, seien die Medien für die Einordnung umso wichtiger, meint Usherwood.

Aber geschieht dies? Besonders verantwortungsvoll gehen die Boulevard-Zeitungen mit dieser Aufgabe nicht um. Dabei wäre es dringend nötig, eine Diskussion darüber anzustoßen, wie Großbritannien sich selbst sieht, und welchen Platz es in der Welt einnehmen möchte.

"Aber in einem Umfeld, in dem das Vertrauen in die Medien, in die Politiker und in die Experten schwindet, wird das schwieriger. Wem zuhören, mit wem reden? Ich denke, das wird ein schwieriger Prozess für Großbritannien, der nicht schnell von statten gehen wird."

Fernseh- und Radiosender: qua Gesetz überparteilich

Im Gegensatz zu den Printmedien ist die Fernseh- und Radiolandschaft in Großbritannien gemäßigter. Die Sender sind qua Gesetz zu Überparteilichkeit verpflichtet. Dort kommt das Publikum auch mal mit Argumenten in Berührung, die nicht den eigenen Ansichten entsprechen. Gegenüber der BBC wurde ein anderer Vorwurf laut: Der Sender habe den Grundsatz der Überparteilichkeit falsch umgesetzt.

"Die Anforderung fair und überparteilich zu sein, wird als gleichgewichtig verstanden. Es kommen immer beide Seiten zu Wort. Selbst wenn das eine Arguments viel stärker wiegt. Zum Beispiel, wenn es um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit geht; die Mehrheit der Ökonomen der Meinung ist, dass der Brexit negative wirtschaftliche Auswirkungen haben wird. Die BBC fühlt sich aber dazu verpflichtet, einem Gesprächspartner mit einer anderen Sichtweise die gleichen Sendezeit einzuräumen. Selbst wenn sich dieser Eindruck nicht mit dem Gesamtbild deckt."

Die BBC wollte diesen Vorwurf auf Anfrage von @mediasres nicht kommentieren.

Atmosphäre der Unsicherheit

Großbritannien ist von einer Atmosphäre der Unsicherheit geprägt. Niemand weiß, wie der anstehende Brexit aussehen wird, wann er kommen wird und welche Folgen er nach sich ziehen wird. Für Medien aller Art ist es schwierig in dieser aufgeladenen Stimmung mit Informationen durchzudringen. Simon Usherwood:

"Es ist eine spannungsgeladene Debatte: Auf der einen Seite die rationalen Argumente und Statistiken, die uns vermitteln, dass diese Entscheidung diesen Effekt haben wird und diese jenen. Auf der anderen Seite gibt es dieses starke Gefühl, dass es einfach darum geht, die Kontrolle über sein Land zurückzubekommen. Die Schwierigkeit besteht darin, diese rationalen und emotionalen Argumente zusammenzubringen, weil sie sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen. Wie das funktioniert, haben wir noch nicht klären können."

Selbst wenn der Brexit irgendwann vollzogen sein wird - diese Kluft in der Gesellschaft wird fortbestehen. Und es liegt auch an den Journalisten, die voneinander getrennten Lebens- und Medienwelten wieder zusammenzuführen.

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