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StartseiteKalenderblattIgnacio Zuloaga - Erschaffer der Spanien-Klischees26.07.2020

Spanischer Maler vor 150 Jahren geborenIgnacio Zuloaga - Erschaffer der Spanien-Klischees

Mit Stierkämpfer- und Frauenportraits und Impressionen der kargen, kastilischen Landschaft hat der Maler Ignacio Zuloaga das Spanienbild vieler geprägt. Seine Bilder zeugen von der Suche einer ganzen Generation nach ihren nationalen Wurzeln. Heute vor 150 Jahren wurde Zuloaga im baskischen Eibar geboren.

Von Julia Macher

Die Familie des Gipsy-Stierkämpfers" des spanischen Malers Ignacio Zuloaga bei einer Austellung im Prado, Madrid  (AP / Francisco Seco)
Spanische Intellektuelle und Künstler gingen infolge des Verlusts der spanischen Kolonien durch eine Identitätskrise. Im Bild: "Die Familie des Gipsy-Stierkämpfers" von Zuloaga (AP / Francisco Seco)
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Den New Yorker Kaufhäusern verhilft Ignacio Zuloaga 1924 zu einem ungeahnten Umsatzrekord. Als dort eine Ausstellung über den spanischen Maler eröffnet wird, sind plötzlich alle spanischen Einsteckkämme ausverkauft. Die US-Amerikanerinnen wollen so aussehen wie die Frauen auf Zuloagas Portraits: das dunkle Haar hochgesteckt, in der Hand einen Fächer – so, wie es das Klischee der "echten Spanierin" will.

Mit seinen romantischen, von Andalusien inspirierten Bildern feiert Ignacio Zuloaga seine größten kommerziellen Erfolge. Dabei ist das nur eine Facette seines Werks.

Freundschaft mit Impressionisten

Ignacio Zuloaga wird am 26. Juli 1870 als Sohn eines angesehenen Kunstschmieds im baskischen Eibar geboren. Er interessiert sich früh für Kunst und geht in Madrid bei einem Privatmaler in Lehre. Nach einer Bildungsreise nach Rom lässt er sich ab 1890 in Paris, dem damaligen Zentrum der Kunstwelt, nieder. Er befreundet sich mit Gauguin, Degas, Toulouse-Lautrec, der katalanischen Künstlerclique um Santiago Rusiñol. Während seine Kollegen ab der Jahrhundertwende mit neuen Formensprachen experimentieren, bleibt Zuloaga dem Gegenständlichen verhaftet. Seiner Wertschätzung tut das keinen Abbruch, sagt Mercedes Valdivieso, Kunsthistorikerin an der Universität Lleida. 

"Ich arbeite auch viel über den ‚Blauen Reiter‘ – sie haben Zuloaga sehr gemocht, sogar bewundert! Sie fanden ihn von seinem Malstil sehr interessant, genauso wie sie sich begeistert haben für diesen Expressionismus, der in seiner Malweise liegt."

Volkstümliche Motive

Die Kunstwelt faszinieren vor allem die Bilder von Kastilien, wo Ignacio Zuloaga ab 1898 jedes Jahr mehrere Monate bei seinem Onkel verbringt: trutzige Burgen und mittelalterliche Städte, karge Landschaften in Gelb- und Brauntönen, vor denen Bauern mit zerfurchten Gesichtern posieren. Einem irischen Freund schreibt er: 

"Ich bin aus dem Baskenland, fühle mich aber viel aktiver, wenn ich in Segovia lebe. Ich kann die große Weite des kastilischen Himmels und der Landschaft betrachten. Kastilien erschuf Spanien und unser Innerstes. Ob wir Basken, Galizier, Katalanen oder Andalusier sind: Wir müssen aus unserer Region heraustreten und Kastilier werden."

Ausgelöst durch den Verlust der letzten Kolonien 1898 sucht eine ganze Generation von spanischen Intellektuellen und Künstlern nach ihren Wurzeln: Auch Schriftsteller wie Pío Baroja, Miguel de Unamuno oder Azorín richten ihren Blick immer wieder auf das Kernland des einstigen Weltreichs. Mercedes Valdivieso:

"Sie überlegen ja, wann fing denn die Dekadenz Spaniens an: mit der Eroberung, Kolumbus, la Conquista de América. Sie sagen: Wir haben uns nach außen konzentriert und haben uns nicht weiterentwickelt. Wir sind da stehengeblieben. Und jetzt müssen wir uns zurückbesinnen: Was war die Größe von Spanien, was waren unsere Werte. Und wir müssen zurück zu unseren Anfängen. Die Anfänge, die waren reflektiert vom einfachen Volk und von der Landschaft: und zwar von Kastilien."

Rückbesinnung auf nationale Werte

Mit dem 1907 entstandenen Portrait des kleinwüchsigen Lederbeutelmachers Gregorio gelingt Zuloaga ein Schlüsselwerk der sogenannten Generation von 1898. Für den Philosophen José Ortega y Gasset zeigt es die Tragik eines Volkes, das sich der Moderne verweigert, um seine Ursprünglichkeit zu bewahren – und dem genau darum der Untergang droht. 

"Zuloaga hat den Zwerg Gregorio gemalt: eine unförmige Gestalt mit fürchterlichem Antlitz, breit und schielend, über seiner Schulter zwei aufgeblasene Tierhäute. Sie beschwören eine Art Verwandtschaft mit dem Menschenungeheuer, das sie umarmt, als seien sie seinesgleichen. Gregorio verkörpert gewissermaßen die Barbarei, das in der Vergangenheit verhaftete Spanien, die unvermeidbare Last der Jahrhunderte." 

Zuloaga träumt von einem Spanien, das sich gegen ausländische Einflüsse abschottet und schlägt sich im Laufe des spanischen Bürgerkrieges auf die Seite der Aufständischen. 1940 porträtiert er den Diktator Franco in Heldenpose, umspielt von einer riesigen Fahne. Das Regime sonnt sich in Zuloagas Weltruhm und verschenkt seine Stierkämpfer-, Frauen- und Bauernporträts gern an befreundete Staaten.

Am 31. Oktober 1945 stirbt Ignacio Zuloaga in Madrid. Wegen seiner klassischen Spanientopoi tat sich das zeitgenössische Publikum oft schwer mit Ignacio Zuloaga. Doch seit einigen Jahren wird er wieder als großer Meister der figurativen Malerei gewürdigt.

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