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StartseiteInterview"SPD muss es schaffen, die Leute von der Couch zu holen"23.06.2017

SPD-Mitglied Neumann zu Siegchancen von Martin Schulz"SPD muss es schaffen, die Leute von der Couch zu holen"

SPD-Mitglied, Gewerkschafterin, ehemalige Reinigungskraft: Susanne Neumann kennt ihre Partei und das, für was sie steht, genau. Die SPD packe die richtigen Themen an, sagte sie im Dlf, es gelinge ihr aber nicht, das den Wählern richtig rüberzubringen. Die Partei mache zurzeit zu viele "Dummheiten".

Susanne Neumann im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Susanne Neumann, Putzfrau und SPD-Mitglied zu Gast in der ARD Talkshow Maischberger am 25.01.2017 in Köln. (imago/Horst Galuschka)
SPD-Mitglied Susanne Neumann im Dlf: Mir fehlt die Gemeinsamkeit in der Partei. (imago/Horst Galuschka)
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Tobias Armbrüster: Sie ist jetzt am Telefon: Susanne Neumann, ehemalige Reinigungskraft, Gewerkschafterin und Autorin des Buches "Frau Neumann haut auf den Putz". Schönen guten Morgen!

Susanne Neumann: Einen wunderschönen guten Morgen.

Armbrüster: Frau Neumann, hat Ihre Partei, hat die SPD die Bundestagswahl schon verloren?

Neumann: Oh, ich bin jeden Tag hin und hergerissen. Alles was ich bei diesem Interview auf der Wertekonferenz vorgebracht habe, hat die SPD ja umgesetzt. Sie will die befristeten Arbeitsverträge abschaffen, die Rente packt sie an. Nur es kommt bei uns nicht richtig rüber.

Es sind so viele, ich sage mal, Dummheiten. Wenn Schulz sagt, keine Aussage zur Koalition, und Gabriel sagt abends, mit der Linken geht's nicht, wird das vermischt. Wenn man sagt, man will die gesetzliche Rente stärken, und Nahles bringt vor ein Stärkungsgesetz für die Betriebsrenten, ohne Garantie für uns, was wir rauskriegen, dann schüttelt man mit dem Kopf. Es ist einfach ganz, ganz viel Zweifel.

Andererseits: Er war gestern bei der IG-Bau, bei dieser Wohnungswirtschaftskonferenz, und hat sich mit unserem IG-Bau-Robert getroffen. Er geht die richtigen Wege. Er informiert sich und er steht auch dazu. Aber was er vorne sagt, das wird hinten rum irgendwie wieder abgewendet.

Armbrüster: Wenn Sie "er" sagen, dann meinen Sie Martin Schulz?

Neumann: Martin Schulz, genau.

Armbrüster: Kann es sein, dass er nicht genug verwurzelt ist in der Partei?

Neumann: Ich habe ganz am Anfang gesagt, Marin Schulz muss viele Bretter bohren, und das kann ich auch heute nur sagen. Und die SPD soll sich wirklich am Wochenende mal mit ihren Führungskräften einschließen und soll auch wirklich eine gemeinsame Richtung vorgeben.

Armbrüster: Nämlich welche?

Neumann: Gemeinsamkeit. – Ich kann nicht als Martin Schulz sagen, wir stärken die gesetzliche Rente, und Nahles gibt vor, Betriebsrenten zu stärken, was die gesetzliche Rente wieder schwächt, und dass wir noch nicht mal eine Garantie haben, unsere Einzahlungen wiederzukriegen. Das ist alles gehirnrissig.

"Die Linke macht es der SPD sehr, sehr schwer"

Armbrüster: Frau Neumann, Sie haben jetzt auch gerade schon angesprochen die Koalitionsmöglichkeiten für die SPD. Was würden Sie denn sagen, ich sage mal, als Kennerin der Basis an der Partei? Was ist denn gewünscht, welche Art von Koalitionsaussage, die die SPD treffen sollte?

Neumann: Die Linke macht es der SPD sehr, sehr schwer, ganz schwer, muss ich einfach so sagen. Wagenknecht ist ja nur am dagegen wettern und da hat man schon große Probleme. Aber ich frage mich mittlerweile, wenn die SPD weiterhin so absinkt, kommen wir überhaupt noch an die Regierung, sucht sich die CDU nicht einen anderen Koalitionspartner?

Ich habe da ganz, ganz riesen Bedenken, habe aber auch keine Lösung. Das was die SPD jetzt angepackt hat, das ist gut, das hat mich auch unheimlich erfreut, da ist sie auch auf dem richtigen Weg. Aber sie muss es auch schaffen, die Leute von der Couch zu holen, und da sehe ich noch meine Probleme, weil die Aussagen so unterschiedlich sind.

Armbrüster: ist das zum Beispiel genug, was die SPD da vorhat bei ihrem Steuerkonzept, bei den Entlastungen von niedrigen und mittleren Einkommen? Reicht Ihnen das aus?

Neumann: Genug wird es nicht sein. Auch das Rentenkonzept ist nicht genug, diese paar Prozent, die wir dann noch kriegen, festzuhalten und nicht noch weiter abzusenken.

Man kann nicht eine Misswirtschaft von der CDU, die man jahrelang praktiziert hat, um 100 Grad wenden. Es muss ja auch finanzierbar sein. Da wünsche ich mir schon ein bisschen mehr Mut. Und wenn ich als Mensch ein Leben lang gearbeitet habe und eingezahlt habe und ich bekomme nur die Grundsicherung, dann fragt sich der Bürger, der ganz normale Bürger, warum, ich werde beschissen.

Die CDU verfolgt das ja noch weiter, die wollen ja noch mehr mit der Rentensicherung runter. Ich verstehe die Wähler auch nicht, dass die CDU überhaupt noch so einen Höhenflug hat, denn so viele Reiche in Deutschland haben wir ja nicht mehr. Auch der Mittelstand ist damit ja von Armut mittlerweile bedroht.

"Der Arbeiter spielt überhaupt keine Rolle mehr, der hat zu funktionieren"

Armbrüster: Aber kann es denn sein, dass die CDU genau aus diesem Fehler gelernt hat, dass sie konsequent auftritt in ihrer Politik, nicht halbherzig?

Neumann: Konsequent ist sie eins: im Sozialabbau. Das stimmt, da ist sie sehr konsequent. Nur es leiden immer mehr Menschen darunter. Es ist eine Politik für die Wirtschaft und wir Menschen spielen da überhaupt keine Rolle mehr. Der Arbeiter spielt überhaupt keine Rolle mehr, der hat zu funktionieren.

Armbrüster: Und spielt er denn in der SPD tatsächlich noch eine Rolle, der Arbeiter?

Neumann: Das denke ich schon. Das hat Schulz auch eindeutig rübergebracht.

Armbrüster: Frau Neumann, Sie haben jahrzehntelang als Reinigungskraft gearbeitet. Was sagen denn Ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in dieser Branche darüber, was für ein Bild die SPD in diesem Jahr 2017 abgibt?

Neumann: Es ist immer noch eine Unsicherheit. Aber dadurch, dass die SPD sich hier jetzt auch um Wohnungsbau kümmert, dass wir überhaupt noch bezahlten Mietraum haben, dass die SPD sich um Befristungen kümmern möchte, dass die SPD die Betriebsräte wieder stärken möchte und die Tarifautonomie, das sind natürlich Sachen, die sind bei uns oben auf und deswegen stehen wir auch noch zur SPD.

Armbrüster: ... sagt hier bei uns im Deutschlandfunk in den "Informationen am Morgen" die ehemalige Reinigungskraft und Buchautorin, außerdem SPD-Mitglied und Gewerkschafterin Susanne Neumann. Vielen Dank, Frau Neumann, für Ihre Zeit heute Morgen.

Neumann: Ich habe mich zu bedanken. Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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