Samstag, 24.10.2020
 
StartseiteInterview"Deutliche Zunahme der Sterbefälle schädigt Wirtschaft mehr als Lockdown"17.10.2020

SPD-Politiker und Epidemiologe"Deutliche Zunahme der Sterbefälle schädigt Wirtschaft mehr als Lockdown"

Wie sich die Infektionszahlen weiterentwickeln und ob es zu einem Lockdown kommt, sei weniger abhängig von Maßnahmen als vom Verhalten der einzelnen, sagte Karl Lauterbach (SPD) im Dlf. Je mehr Corona-Erkrankte es gebe, desto gefährlicher sei das gleiche Verhalten, das vor wenigen Wochen noch ungefährlich war.

Karl Lauterbach im Gespräch mit Silvia Engels

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26.05.2020, Berlin, Deutschland - Foto: Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, bei einem Pressestatement vor Beginn der Fraktionssitzung. *** 26 05 2020, Berlin, Germany Photo Karl Lauterbach, SPD health expert, during a press statement before the start of the parliamentary group meeting (imago images / Reiner Zensen)
Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, erklärte im Dlf, dass eine deutliche Zunahme der Sterbefälle und der Erkrankten die Wirtschaft stärker schädigt als ein Lockdown (imago images / Reiner Zensen)
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Am 17.10.2020 vermeldete das Robert Koch-Institut den dritten deutschen Rekordwert von Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Binnen 24 Stunden wurden 7.830 Neuinfektionen mit dem Coronavirus registriert. Das sind noch einmal knapp 500 mehr als tags zuvor. 33 weitere Todesfälle werden mit COVID-19 in Verbindung gebracht. Die Gesamtzahl der Gestorbenen steigt damit auf 9.767.

Die jetzigen Werte sind allerdings nur bedingt mit denen aus dem Frühjahr vergleichbar, weil mittlerweile wesentlich mehr getestet wird – und damit auch mehr Infektionen entdeckt werden. Zur Eindämmung der weiteren Ausbreitung des Virus wurden Maßnahmen wie Beherbungsverbote und Sperrstunden erlassen –  die jedoch in einigen Bundesländern gerichtlich wieder gekippt wurden.

Im Interview appellierte der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach an die Menschen sich an die Corona-Schutzmaßnahmen zu halten.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Es kommt sehr stark darauf an, wie die Menschen sich verhalten werden"

Silvia Engels: Nehmen wir an, es bleibt bei den derzeit geltenden behördlichen Maßnahmen – das ist ja im Wesentlichen mehr Maskenpflicht im öffentlichen Raum, Kontaktreduzierung, keine großen Feiern, zuweilen Sperrstunden, aber eben keine Geschäftsschließung, kein Lockdown –, welche Entwicklung erwarten Sie dann bei den Neuinfektionen in den nächsten Wochen?

Karl Lauterbach: Das ist sehr schwer zu sagen. Es kommt sehr stark darauf an, wie die Menschen sich verhalten werden. Das Verhalten der Zuhörer der Maßnahmen ist im Prinzip der Adressat, und das ist das Entscheidende, es sind nicht so sehr die Maßnahmen selbst. Sie haben gesehen, einige Länder haben sehr drastische Maßnahmen beschlossen in der Vergangenheit, andere Länder weniger drastische Maßnahmen, oft sind aber auch die nicht so drastischen Maßnahmen, die beschlossen wurden, genauso erfolgreich gewesen, wenn die Bevölkerung halt mehr mitgezogen hat. Das ist in der ersten Welle in Deutschland überdurchschnittlich gut der Fall gewesen, da haben die Menschen die Regeln sehr streng befolgt, mehr als in vielen anderen Ländern. Ob wir das wiederholen können, das steht offen, das weiß im Moment niemand.

Engels: Sie haben kürzlich auf Twitter mal hochgerechnet, ebenso wie einige andere, bei kontinuierlich rund 4.800 bis 5.000 täglichen Neuinfektionen und einer Reproduktionszahl von 1,3, die wir zuletzt, zumindest zeitweise, schon mal hatten, läge die Zahl der täglichen Neuinfektionen bis Weihnachten bei über 500.000. Ist dieses Szenario wahrscheinlich?

Lauterbach: Wahrscheinlich ist das Szenario nicht, weil dann würden wir viel schneller eingreifen. Das würde übrigens bedeuten, dass man bei 4.500 beginnt und dass dann die Zahl der Neuinfektionen pro Tag steigt. Was konstant ist, ist sozusagen der R-Wert, der war hier bei dieser Berechnung mit 1,3 angesetzt. Im Wesentlichen hat Frau Merkel eine Rechnung vorgelegt, die viel zu konservativ ist, weil der R-Wert von 1,3 bei einer Regenerationszeit von vier Tagen bedeutet, dass man dann bei 500.000 Fällen läge – übrigens bei mehr als 60.000 zusätzlichen Todesfällen bis dann. Das ist aber nicht zu erwarten, weil wenn wir tatsächlich den R-Wert mit den Maßnahmen, die wir jetzt beschlossen haben, nicht runterbekommen, dann werden wir drastisch eingreifen müssen, es bleibt dann gar nichts anderes übrig. Dann würde tatsächlich auch ein Lockdown kommen müssen. Wenn die Maßnahmen, die jetzt nicht ausreichend greifend, um den R-Wert dauerhaft wieder unter eins zu senken, dann müssen andere Maßnahmen kommen, es geht einfach nicht anders. Ich habe die Rechnung gebracht, um zu zeigen, in welcher Dimension das dann läge.

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"Wir haben in einigen Bereichen klar den Überblick verloren"

Engels: Nicht sehr wahrscheinlich – wir hoffen, diesen Weg vermeiden zu können. Ein begrenzender Faktor ist ja im Moment die personelle Kapazität bei den Gesundheitsämtern. Hier soll nun nachgesteuert werden, viele haben angekündigt, dass da die Nachverfolgenden verstärkt werden sollen, damit die Infektionsketten nachverfolgt werden können. Ist das noch realistisch, oder haben wir ohnehin aufgrund der Zahlen, die wir jetzt haben, da schon in zu vielen Bereichen den Überblick verloren?

Lauterbach: Wir haben in einigen Bereichen klar den Überblick verloren, das muss man ehrlicherweise zugeben. Die Nachverfolgung ist so viel schwerer geworden, weil wir haben das früher machen können im Lockdown. Im Lockdown hat aber jeder weniger Kontakte, die Leute sind zu Hause, Sie erreichen sie dann sehr leicht. Außerhalb des Lockdowns hab ich viel mehr Leute, die ich nachvollziehen muss pro Infizierten. Ich hab gestern erst wieder ein Beispiel gehört, wo selbst eine Klinik nicht in der Lage war, bei einem positiven Fall in der Klinik sauber aufzuarbeiten, wer die betroffenen Kontaktpersonen waren. Wir sind da jetzt schon an dem Punkt, wo es tatsächlich über die Schwelle gehen könnte, wo das noch möglich ist. Die zwei Engpässe, die wir haben, sind quasi die Gesundheitsämter und das Pflegepersonal auf den Intensivstationen – das wird sehr stark begrenzen, was wir uns leisten können.

"Je älter die Bürger in einem Land, desto höher ist die durchschnittliche Sterblichkeit"

Engels: Welche Folgen erwarten Sie denn für die Krankenhäuser, wenn die Infektionszahlen, die täglichen, auf dem Niveau bleiben, das wir gerade derzeit sehen, also 6.000, 7.000 bestätigte Neuinfektionsfälle?

Lauterbach: Die Sterblichkeit ist leider um die ein Prozent, ich höre das immer wieder, dass das strittig gestellt wird: Internationale Studien hätten gezeigt, dass die Sterblichkeit niedriger ist und so weiter. Das sind Studien, die haben für Deutschland keine Bedeutung. Ich sag’s mal ganz simpel: Was die Sterblichkeit in einem Land verursacht, ist die Altersverteilung. Je älter die Bürger in einem Land, desto höher ist die durchschnittliche Sterblichkeit. Daher ist ein Prozent für Deutschland eher eine Untertreibung. Wir hätten dann eine Lage, wo wir in sehr kurzer Zeit die Intensivmedizin nicht mehr darstellen könnten und wo wir dann tatsächlich, weil dann auch die planbaren anderen Eingriffe nicht mehr machbar wären, wieder zurück müssten in den Lockdown. Daher kommt jetzt alles darauf an, dass die Bürger sich freiwillig zurücknehmen in den nächsten Tagen, denn jetzt kommt es auf jeden Tag an. Je mehr Fälle ich habe, desto gefährlicher ist das gleiche Verhalten, was noch vor wenigen Wochen vollkommen ungefährlich war.

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"Wir haben in den letzten drei Wochen eine Zunahme der Fälle in allen Altersgruppen gesehen"

Engels: Die Gesundheitsämter und ihre personelle Begrenzung, lassen Sie uns darauf noch mal zurückkommen. Da kommen ja jetzt einige Experten mit der Empfehlung, aufgrund dieser möglicherweise aus dem Ruder geratenen Nachverfolgbarkeit einen anderen Weg zu gehen: stärker die Alten- und Pflegeheime zu schützen, um dort möglichst viele schwere Verläufe zu verhindern. Ist das der Weg, der noch gangbar ist, viel stärker hier diesen Bereich abzuschotten, auf so etwas muss man sich dann ja leider wiedereinstellen?

Lauterbach: Wir werden auf jeden Fall mit Antigentests insbesondere – und da ist die neue Teststrategie, die jetzt vorgestellt worden ist von Spahn, die ist gelungen, muss man sagen –, wir werden mit Antigentests bei den Pflegeeinrichtungen mehr erreichen. Aber tatsächlich hat sich gezeigt, dass in keinem Land die ältere Bevölkerung länger geschützt werden kann vor der Infektion. Das ist nicht möglich, dafür durchmischen die Generationen zu stark, und das ist auch jetzt schon zu beobachten. Wir haben in den letzten drei Wochen eine Zunahme der Fälle in allen Altersgruppen gesehen, aber die deutlichste Zunahme bei den über 60-Jährigen. Das heißt, bei den über 60-Jährigen haben wir im Moment einen stärkeren Zuwachs als bei anderen Altersgruppen, und das beobachtet man immer, wenn die zweiten Wellen sich durch die Bevölkerung fressen.

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Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft

Engels: Heute früh (17.10.2020) hat der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann bei uns im Deutschlandfunk darauf hingewiesen, und das tun viele andere auch, dass ein zweiter Lockdown für viele Wirtschaftszweige nicht mehr verkraftbar sei. Geraten wir hier, wenn sich nicht in den nächsten Tagen das Infektionsgeschehen wieder etwas beruhigt, in dieses moralische Dilemma, entweder ganze Branchen dauerhaft zu ruinieren, aber Menschenleben zu retten, oder aber wirtschaftliche Existenzen zu bewahren, aber mehr Tote zu riskieren?

Lauterbach: Nein, in dieses Dilemma geraten wir nicht. Der Hintergrund, weshalb wir in das Dilemma nicht hineingeraten, ist ein trauriger, ehrlich gesagt, denn die Alternative gibt es gar nicht. Wir wissen mittlerweile, dass eine deutliche Zunahme der Sterbefälle und auch der Erkrankten die Wirtschaft noch stärker schädigt als ein Lockdown tatsächlich. Stellen Sie sich Folgendes vor: Wenn das Infektionsrisiko wirklich hoch ist, dann wird natürlich jeder sich schützen, selbst dann, wenn es gar keine Regeln, das tun zu müssen, gäbe.

Zum Beispiel, wenn das Risiko sehr hoch ginge, gingen die Lehrer nicht mehr zu Schule, oder dann würden bestimmte … Sie können ja niemanden zwingen, sich zu gefährden. Die Menschen haben ja zunehmend verstanden, wir haben ja sehr viele in den mittleren Altersgruppen, die noch immer an den Folgen ihrer Erkrankung von vor sechs Monaten leiden. Also ist es ja nicht so, dass wir hier von Todesfällen und komplett Genesenen sprechen, sondern wir haben die Situation, sehr viele – es geht je nach Altersgruppe um eine Größenordnung von einem Drittel sogar – haben lange Schäden, chronische Schäden, brauchen eine Rehabilitation. Das kapiert natürlich die Bevölkerung, daher will das niemand. Somit würde selbst dann, wenn es keinen Lockdown gäbe, keine drakonischen Maßnahmen, die Wirtschaft zusammenbrechen, wenn wir hier sehr hohe Zahlen haben. Das wird zu verhindern sein, und wir werden nachregulieren, wenn wir es jetzt in den nächsten zwei, drei Wochen nicht schaffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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