Mittwoch, 24. April 2024

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Rassismus im Sport
Diversity-Trainer: "Alle sollten im Vereinsheim Platz haben"

Sowohl im Breitensport als auch im Spitzensport gebe es Rassismus, sagt der Sozialwissenschaftler Lorenz Narku Laing im Dlf. Um dem entgegenzuwirken hat er einen Fünf-Punkte-Plan entwickelt. Eine Stellschraube sei auch das Essen im Vereinsheim.

Lorenz Narku Laing im Gespräch mit Astrid Rawohl | 26.03.2023
Das Wort "Rassismus" steht durchgestrichen am Stadion des FC St. Pauli.
Das Wort "Rassismus" steht durchgestrichen am Stadion des FC St. Pauli. (IMAGO / Claus Bergmann / IMAGO / CB)
Seit 2016 koordiniert die Stiftung gegen Rassismus die "Internationalen Wochen gegen Rassismus", in diesem Jahr unter dem Motto "Misch Dich ein". Auch der deutsche Profifußball unterstützt die Aktionstage. Denn auch in Fußballstadien und Sportverbänden ist Rassismus und Diskriminierung nicht selten.
"Allerorten finden wir Rassismus, beispielsweise in diskriminierenden Aussagen auf den Platz zwischen Spielern. Wir finden Rassismus in der immer noch defizitären Repräsentation von Minderheiten in Vorständen, in Vereinsheimen, in der Klub-Ebene, aber auch im Trainer-Level. Und wir finden Rassismus leider auch in den ungleichen Bedingungen. Denken wir an den internationalen Sport zwischen denen, die mal Kolonie waren und denen, die es heute nicht mehr sind", sagte Lorenz Narku Laing, Professor für Sozialwissenschaften und Rassismusforschung in Bochum. Er ist zudem Diversity-Trainer und Geschäftsführer seines Sozialunternehmens "Vielfaltsprojekte".
Lorenz Narku Laing
Lorenz Narku Laing (Akkon Hochschule Thomas Kiero)
Laing habe jedoch auch schon Verbesserungen festgestellt: "Es wäre zum Beispiel im American Football undenkbar gewesen, dass ein Schwarzer Mann Quaterback spielt. Ganz lang galt der Schwarze Mann als zu dumm für diese Aufgabe. Und wir wissen, wie rassistisch das ist. Heute weiß man es besser, weil sie holen Super Bowls."
Zudem gebe es ein klareres Bekenntnis gegen Rassismus und in Extremsituationen werde schneller eingegriffen. "Aber besser ist bei Weitem noch nicht gut, weil wir wissen, Rassismus findet im Spitzensport und im Breitensport immer noch statt."

Kommmunikative Akzeptanzkultur wichtig

Um Rassismus im Sport entgegen zu wirken sei es wichtig, eine kommunikative Akzeptanzkultur zu schaffen. "Es ist wichtig, dass Leute Diversity im Sport unterstützen und sagen: Ja, ich finde es toll, wenn eine kopftuchtragende Frau Sport macht. Und: Ja, es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn wir mal ein Vereinsfest umlegen, weil die Kolleginnen und Kollegen fasten und deswegen später mit uns feiern wollen. Wichtig ist aber auch, in kritischen Situationen klare Kante zu zeigen und Rassismus anzusprechen. Nicht, um die, die es gesagt haben fertig zu machen. Sondern um aktiv in den Dialog einzusteigen, um das Problem aufzuarbeiten."
Laing hat selbst einen Fünf-Punkte-Plan entwickelt, um Rassismus im Sport entgegenzuwirken. "Einer der wichtigsten Aspekte ist, den Nachwuchs von rassismusbetroffenen Menschen in Führungspositionen zu stärken. Das heißt, zu sagen: hey, kann ein Mensch mit Migrationshintergrund mal im Vorstand oder als Trainer aktiv werden, um da mehr Diversität zu schaffen?"
Der zweite Punkt sie es, einen Antidiskriminierungsbeaugtragten zu schaffen, der auf Mitgliederversammlungen berichte und auch ansprechbar sei. "Dieser Mensch ist nicht nur für Rassismus zuständig, sondern auch für Frauendiskriminierung, um Menschen mit Behinderungen und ähnliches."
Der dritte Punkt sei, eine Veranstaltung zu organisieren, oder von "großen Tagen" wie den Internationalen Wochen gegen Rassismus zu erzählen, oder etwas zu dem Thema zu posten.

Anti-Rassismus in der Satzung festhalten

Der vierte Punkt sei für Laing wichtig: "Es muss aufgeschrieben werden, dass wir ein gemeinsames Commitment haben. Wir schreiben in die Satzung, oder den Code of Conduct, oder in unseren Handlungsleitfaden, was wir erwarten. Und es gibt auch eine klare Kommunikation an die Trainerinnen und Trainer, dass wenn so etwas passiert, sie handeln müssen."
Der fünfte Punkt sei Druck in Richtung Verband. "Die Verbände sind diejenigen, die Einfluss haben auch Sportgerichtsbarkeit, auf den Umgang mit dem Thema."
Ein Defizit gebe es laut Laing noch in der "Anerkennung und Wahrnehmung von Bedürfnissen und der verschiedenen interreligiösen und interkulturellen Realitäten der Menschen". Viele Vereine hätten sich zum Beispiel noch nicht auf den muslimischen Fastenmonat eingestellt. Auch das Essensangebot müsse an die verschiedenen Bedürfnisse angepasst werden. "Ich weiß noch, wie ich ein Vereinsheim besucht habe. Da gab es fünf Gerichte auf der Karte und alle hatten Schweinefleisch. Ich glaube, dass es in einer Welt, in der es so viele Menschen gibt, auch mehr Angebote geben sollte. Alle sollten im Vereinsheim Platz haben und deswegen braucht es ein Essensangebot, das das auch ermöglicht."
Vor allem für die Zukunft müssten sich die Vereine auf mehr Diversität einstellen, saggt Laing. "45 Prozent aller Grundschülerinnen und Grundschüler in Deutschland haben Migrationshintergrund. Das heißt, wenn ein Sportverein diese Diversität nicht an sich heranlässt, wird das Vereinsheim, der Platz, die Turnhalle in einigen Jahren leer sein. Der Nachwuchs ist vielfältig. Egal ob LQBTQI-Community oder mit Migrationshintergrund oder in irgendeiner Form diversitätsbewusst. Wenn wir diese Menschen verlieren, haben die Vereine ein Problem."