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StartseiteSportgespräch"Wer im Kopf zu langsam ist, kann kein Rennen gewinnen"14.04.2019

Sportgespräch zum 1000. Formel-1-Rennen "Wer im Kopf zu langsam ist, kann kein Rennen gewinnen"

1.000 Rennen in der Formel 1 wecken viele Erinnerungen - "an die Gesicher, die Triumphe, das Emotionale", sagte Motorsportexperte Anno Hecker im Dlf. Und natürlich an Rekordweltmeister Michael Schumacher. "Mit Michaels Erfolgen hat er eine riesige Welle losgetreten", sagte seine Managerin Sabine Kehm.

Sabine Kehm und Anno Hecker im Gespräch mit Matthias Friebe

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Michael Schumacher feiert seinen ersten WM-Sieg in der Formel1 mit seinem Team Benetton (picture-alliance / Panimages)
Mit Michael Schumacher als erstem deutschen Weltmeister der Formel 1 schwappte die Motorsportbegeisterung 1994 in die deutschen Wohnzimmer - damals fuhr er noch für Benetton (picture-alliance / Panimages)
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Am 13. Mai 1950 fand das erste Formel-1-Rennen der Geschichte statt, in Shanghai am 14.4.2019 das 1.000 Rennen in der Königsklasse. Im Dlf-Sportgespräch schauen Sabine Kehm, die Managerin des erfolgreichsten Fahrers aller Zeiten, des Rekordweltmeisters Michael Schumacher, und der Motorsportexperten der FAZ, Anno Hecker auf die Geschichte und die Zukunft der Formel 1. 

Als ehemalige Journalistin habe Kehm bei ihrem Wechsel in die Formel 1 vor allem "die gebündelte Anzahl an hochkomplexen und hochintelligenten Persönlichkeiten" sehr intertessiert. Die Formel 1 sei bis heute ein sehr komplexer und komplizierter Sport. Für Hecker macht die Geschwindigkeit den Reiz der Formel 1 aus – auf der Strecke aber auch im Kopf: "Wer im Kopf zu langsam ist, kann kein Rennen gewinnen."

Spiel mit dem Leben

69 Jahre nach dem ersten Rennen habe sich vor allem in Sachen Sicherheit einiges getan, sagte Hecker. "In den ersten Jahrzehnten bis Mitte der 70er-Jahre lebte die Formel 1 von dem Image, dass junge Männer ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und bei einem Fehler nicht an Punkt- oder Spielverlust auf der Rechnung stand, sondern das Leben." Es gab viele Tragödien bis zu dem Zeitpunkt, als Niki Lauda verunglückte – auf dem Nürburgring im August 1976. Danach habe es einen sicherheitrelevanten Aufstand gegeben.

Doch das sei eine trügerische Sicherheit, sagte Kehm. "Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit im Motorsport." Es sei aber ungleich sicherer geworden, nicht nur technisch, sondern auch durch Veränderung an den Rennstrecken. "Die Cockpits, die Fahrerzellen, die Autos, die Helme sind extrem viel sicherer." Früher sei im Schnitt ein Pilot pro Jahr ums Leben gekommen, erinnerte Hecker. Zuerst sei man mit Lederkappen gefahren, dann kam der Helm, dann die Gurte, dann die Sicherheitszelle. "Heute ist es eigentlich so, dass diese Tragödien abgelöst wurden durch die Serientriumphe." Die Fahrer hätten das Gefühl, sehr sicher zu sein.

Seit Imola 1994 "nur" noch ein toter Fahrer

"Wenn ein Auto mit 340 km/h außer Kontrolle gerät und irgendwo stumpf einschlägt, dann sind die Beschleunigungskräfte auf den Körper so groß, dass ein Mensch das eigentlich nicht überleben kann", erklärte Hecker, das wisse man. Es habe eine enorme Entwicklung gegeben seit dem schwarzen Wochenende der Formel 1 in Imola 1994, als erst Roland Ratzenberger im Qualifying und später der "Gottfahrer" Ayrton Senna tödlich verunglückt waren.

Formel-1-Fahrer Jules Bianchi wurde beim Rennen in Suzuka schwer verletzt. Beim verunglückten Wagen stehen zahlreiche Helfer und Ärzte und leisten erste Hilfe  (dpa / picture alliance / Hiroshi Yamamura)Formel-1-Fahrer Jules Bianchi wurde beim Rennen in Suzuka getötet (dpa / picture alliance / Hiroshi Yamamura)

Seitdem hat es zwar noch tödliche Unfälle gegeben – zwei Streckenposten wurden von Reifen erschlagen – aber nur einer eines Fahrers. Dieser letzte tödliche Fahrerunfall von Jules Bianchi 2014 sei aber sehr untypisch gewesen. Was zu diesem trügerischen Sicherheitsgefühl dazukomme, fügte Kehm an, sei die bessere Ausbildung der Formel-1-Neulinge. "Die sind so viel trainierter und haben das Gefühl, sie haben alles unter Kontrolle."

Heute muss man auch die Technik verstehen

Man könne die Formel 1 von früher, aus den 50er-Jahren, mit heute nicht vergleichen, sagte Hecker. Damals sei man auf "knallharten, dünnen Reifchen" gefahren, "die hatten nicht die Kurvengschwindigkeiten." Heute ginge es darum, ob die Fahrer ein bisschen mehr Luft im Reifen haben oder nicht - und schon entscheidet sich, ob sie Fünter oder Zehnter werden. "Früher war es eine Gefühlsgeschichte, heute ist der Intellekt sehr stark mit eingebunden. Wenn man keine Ahnung von der Technik hat, konnte man früher trotzdem ein Auto gut um die Kurve bringen, heute kann man damit kein Rennen mehr gewinnen."

Das hat Rekordweltmeister Michael Schumacher schon früh verstanden, bestätigte Kehm. Schumacher wollte den Sport so perfekt wie möglich ausüben. "Das hat für ihn alle Bereiche beinhaltet. Nicht nur das Fahren auf der Strecke, sondern auch die Kommunikation mit den Ingenieuren, das Feedback war für ihn wichtig, dann das Vervolkommnen seiner physischen Voraussetzungen, er war extrem fit. Das hat früher auch den Unterschied gemacht."

Sie könne sich an Rennen erinnern, wie etwa dem schweißtreibenen Rennen in Malaysia, als einige Fahrer wegen der Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit aus dem Auto ausgestiegen und in der Garage zusammengebrochen waren. Das sei Schumacher nie passiert. "Michael war ein Perfektionist, was die Daten usw. anbetraf, aber er ist sehr stark bekannt gewesen – damals nannte man es das Popometer –  dass er ein extrem gutes Gefühl dafür hatte, wie das Auto sich verhält, wie die Reifen sich verhalten."

"Schumacher brauchte den privaten Rückzugsort"

Michael Schumacher sei bis heute für viele untrennbar mit der Formel 1 verbunden. "Mit Michaels Erfolgen - er war nunmal der erste deutsche Formel-1-Weltmeister – mit dem Zusammenkommen des großen Titels und der Fernsehberichterstattung hat er eine ganz riesige Welle losgetreten. Damals ist die Formel 1 in die Wohnzimmer gekommen, wohingegen sie vorher etwas für Liebhaber, Spezialisten und Romantiker war."

Was viele nicht wissen: dass Schumacher die ersten beiden Titel mit Benetton gewonnen hat – alle verbinden Schumacher mit Ferrari. Dafür gibt es laut Hecker eine einfache Erklärung: "Benneton war ein Strickwarenhersteller, Ferrari ist der Inbegriff des Sportwagenherstellers." Als es Schumacher gelang, Ferrari aus der Krise zu führen, wurde er einer der Größten.

Einer, der überall, wo er auftauche, "einen wahnsinnigen Aufruhr verursacht hat – und zwar weltweit", erinnert sich Kehm, die ihn auf vielen Reisen in viele Länder begleitet hat. "Dann gab es den privaten Michael Schumacher, der akribisch darauf geachtet hat, dass sein Privatleben abgetrennt ist von dem öffentlichen Leben. Er brauchte diesen Rückzugsort." In dem Moment, als er sinnbildlich das Visier runtergeklappte und an die Rennstrecke trat, "war der Fokus 150 Prozent auf die Strecke vor sich gerichtet, dann wurde alles andere komplett ausgeblendet. Dadurch war er ein bisschen auch eine andere Persönlichkeit: weniger weich, weniger offen auch für äußere Einflüsse, weil er nur das eine Ziel vor Augen sah."

Ein Fan Michael Schumachers legt Ferrari-Fahnen vor der Uniklinik Grenoble in Frankreich aus, in der der verunglückte siebenmalige Formel-1-Weltmeister behandelt wird. (AFP / PHILIPPE DESMAZES)Nicht nur seine langjährigen Fans bangen um Michael Schumacher. (AFP / PHILIPPE DESMAZES)

Nach seinem tragischen Skiunfall 2013 wurde es sehr ruhig um Schumacher, die meisten Fans hätten dafür sehr großes Verständnis, so Kehm. "Die meisten Leute haben schon verstanden, warum die Familie sich mit diesem Geschehnis in den privaten Bereich zurückziehen musste." Die Familie bekomme immer noch viel Post, das sei herzerwärmend. "Das ist der Grund, warum die Familie versucht, den Fans viel zu geben – im Rahmen ihrer Möglichkeiten." Die Aktivitäten, die gestartet wurden, mit der Ausstellung, der App, den sozialen Medien seien ein Dankeschön der Familie an die Fans für die Anteilnahme.

"Mensch vor Maschine"  

Schumacher, Senna, Alain Prost oder Lewis Hamilton, wenn man in der Formel-1-Geschichte stöbert, stehen vor allem die Fahrer im Fokus, nicht die Autos. Hecker formuliert es so: "Der Mensch vor der Maschine." Natürlich versuchten die Hersteller, ihr Fahrzeug in den Mittelpunkt zu rücken. Aber woran erinnere man sich? "Die Leute erinnern sich an die Gesicher, die Triumphe, das Emotionale - wie Schumacher 1998 aus dem Cockpit sprang, weil er das Gefühl hatte, dass David Coulthard ihn hat auflaufen lassen. Wir sehen heute Hamilton und Vettel im Zweikampf mit Max Verstappen und die Wortgefechte, die da kommen. Die Formel 1 lebt davon, dass die Menschen die Autos steuern können auf einem unbegreiflichen Niveau."

Michael Schumacher wird 2003 in Japan mit Ferrari Weltmeister und jubelnd auf Händen getragen (picture alliance/HOCH ZWEI)An solche Bilder erinnert man sich: Michael Schumacher wird mit Ferrari Weltmeister (picture alliance/HOCH ZWEI)

Traditionelle Kurse hätten es heute schwer, das liege vor allem am Geld, so Hecker. Aus Ländern, in den Autokratien an der Tagesordnung seien, also einzelne Menschen über viel Geld entscheiden können, ohne Parlementarier zu fragen, fließe sehr viel Geld in die Formel 1. "Die Formel 1 braucht Geld, deshalb geht sie dahin, deshalb hat sie Schwierigkeiten, auf den traditionellen Kursen zu bleiben."

Mehr Zweikampf, weniger Technik

Nach 1.000 Rennen stellt sich auch die Frage nach der Zukunft – sind die Tage der Formel 1 gezählt? Sabine Kehm glaubt es nicht. Die Formel 1 habe das Problem, dass sie komplex und so schwer nach außen transportierbar sei, dass es für die Zuschauer nur noch sehr schwierig nachzuvollziehbar ist, was die Fahrer leisten. Das ist mittlerweile auf die Spitze getrieben. "Die Entwicklung ist so extrem, dass es sich vielleicht zu weit entfernt. Generell glaube ich trotzdem, dass die Formel 1, wenn sie es schafft, zu dem zurückzukommen, dass man den Zweikampf auf der Strecke wieder mehr sieht und die fahrerische und auch technologische Klasse sieht, dass sie durchaus lange ihre Berechtigung hat."

Hecker glaubt nicht, dass der Klimawandel ein Problem ist, solange sich die Formel 1 anpasse. "Wenn man irgendwann mit einer Batterie schneller fahren kann als mit einem Verbrennermotor, wird die Formel 1 mit der Batterie fahren. Ich glaube nicht, dass das Rennen an sich aufgegeben wird, das ist dem Menschen zu eigen." Die Abhängigkeit von den Konzernen sei ein Problem. Wenn man Autos bekomme, die automatisch fahren, dann ginge etwas verloren: "das Gefühl dafür, ein Auto zu fahren, was ja auch erhebend ist. Das wird möglicherweise die Formel 1 viel stärker bedrohen, als es ihr jetzt gegenwärtig ist."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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