Sportjournalismus unter Debatten über Corona und Menschenrechte„Gerade auch über Missstände berichten“

Ob Corona und seine Folgen für die Australien Open oder Menschenrechtsfragen bei Olympia in Peking und der Fußball-WM in Katar - zur Berichterstattung über sportliche Großereignisse gehört längst mehr, als den alleine den Wettkampf abzubilden. Eine Herausforderung für den Sportjournalismus.

Text: Michael Borgers | Peter Ahrens im Gespräch mit Bettina Schmieding | 10.01.2022

Das Bild zeigt den Tennis-Profi Novak Djokovic. Er schlägt eine Rückhand
Das ist der Tennis-Profi Novak Djokovic. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)
Box-Legende Muhammad Ali, der einen anderen k.o. geschlagen hat, daneben die vollbesetzten Ränge eines Fußballstadions. Die Bilder, die Peter Ahrens für sein Twitter-Profil ausgewählt hat, zeigen das, was Sport eigentlich ausmacht: Die Auseinandersetzung, das sportliche Duell, bei dem andere mitfiebern, im besten Fall Zehntausende live als Fans - oder eben als Sportjournalisten.
Ahrens schreibt für den „Spiegel“. Eine Arbeit zwischen (meist) Fußball und anderen Sportarten. Aktuell etwa Tennis: Ein Sport, für den sich in Deutschland lange Zeit nur noch wenige interessiert haben, doch der es auf einmal wieder auf die vorderen Nachrichtenränge schafft. Auch beim „Spiegel“, wo Peter Ahrens den „Scheinsieg des Egoisten“ kommentiert.

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Gemeint ist damit Novak Djokovic, die Nummer eins der Weltrangliste. Und eigentlich geht es nicht wirklich um Tennis, sondern die Frage, ob Djokovic überhaupt spielen darf, er, der offenbar gegen Corona nicht Geimpfte. Beim ersten „Grand Slam“ des Jahres, einem der wichtigsten Turniere im Welttennis, in Australien, wo Ungeimpfte eigentlich nicht einreisen dürfen.   

„Spiegel“-Redakteur Ahrens: Sportjournalismus hat sich „sehr verändert“

Der Fall von Novak Djokovic, aber die Debatten um Menschenrechte in Peking und Katar zeigten, „dass der Sport überschattet ist von politischen und gesellschaftlichen Themen“, beobachtet Peter Ahrens. Entsprechend habe sich auch der Sportjournalismus inzwischen „sehr verändert“. Es müsse darum gehen, "gerade auch über die Missstände im Sport zu berichten".
Eine solche Form kritischer Berichterstattung mache den Sport „nicht kaputt, sondern es heilt ihn“, sagte Ahrens im Deutschlandfunk. In der Vergangenheit hätten Medien oftmals auch über Fehlentwicklungen geschwiegen, das habe dem Sport „nicht gut getan“. Heute würde er davon sprechen, „dass die Sportberichterstattung in die richtige Richtung lenkt“.

Verband der Sportjournalisten: Ambivalenzen abbilden

Sportberichterstattung bedeute, sich mit der Rolle des Sports in der Gesellschaft auseinandersetzen zu müssen, sagt auch André Keil, NDR-Redakteur und Präsident des Verbands Deutscher Sportjournalisten (VDS). Und dazu gehörten eben auch die „Ambivalenzen des Sports“, die sich auch im Fall von Novak Djokovic zeigten, so Keil gegenüber dem Deutschlandfunk: Auf der einen Seite sei da ein Sport im Fokus der Öffentlichkeit – und auf der anderen eine Öffentlichkeit, für die unter Corona eben neue Spielregeln gelten würden.
„Dass es da eine Konfrontation gibt, wissen wir ja spätestens seit der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr mit ihren vollen Stadien in Großbritannien oder Ungarn. Diese Ambivalenz erleben wir also schon ein bisschen länger.“

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Doch das Publikum erwarte eine kritische Auseinandersetzung damit, so Keil. In den späten Neunziger Jahren sei das noch anders gewesen. Damals seien Sportjournalisten zum Teil „noch angefeindet“ worden, als sie über Doping berichtet hätten. „Nach dem Motto: Wir lassen uns doch unseren schönen Sport nicht kaputtmachen.“
Dass sich sein Berufsstand dennoch bis heute kritisch mit diesen Seiten des Sports befasse, sei „eine richtige und wichtige Entwicklung“ - und eine Entwicklung mit immer neuen Herausforderungen: Richtete sich früher der kritische Blick noch vor allem auf Doping, wird seit Jahren die Frage der Menschenrechte immer wichtiger, wenn Großereignisse in autoritären Regimen stattfinden. So wie in diesem Jahr mit den Olympischen Winterspielen in China und der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren in Katar.

VDS-Präsident Keil: „Ein Boykott wäre der falsche Weg“

Entscheidungen der wichtigsten Weltverbände IOC und Fifa, die auch André Keil kritisiert. Der VDS-Präsident verweist darauf, dass zu den Spielen in Peking wohl nur ein Mitglied aus dem Team des ARD-Hörfunks reisen werde. Und zwar vor allem vor einem Hintergrund, unterstreicht Keil: „In China können Sie ja noch nicht mal sicherstellen, dass die Leute frei und ordentlich berichten können.“ Positiv sei dabei nur: In deutsche Medien werde das „ausreichend thematisiert“.
André Keil, Sportjournalist, spricht während einer Veranstaltung zur Verleihung des Medienpreises 2018 des Vereins Doping-Opfer-Hilfe an ihn
André Keil, NDR-Redakteur und Vorsitzender des Verbands Deutscher Sportjournalisten (picture alliance/dpa)
Aber wäre es nicht konsequenter, ganz auf eine Berichterstattung zu verzichten? Ein Boykott? Nein, finden beide Journalisten. Peter Ahrens spricht von einer "Berichtspflicht". „Medial zu boykottieren, hat noch nie etwas gebracht“, findet André Keil. Stattdessen müsse der Weg sein, „die Augen nicht zu verschließen“. Die „1:0-Berichterstattung“ über den Wettkampf werde „möglicherweise eines Tages nur noch 50 Prozent der Sportberichterstattung ausmachen“, kann sich der Sportjournalist vorstellen.
„Sport ist ja ein unglaublich wichtiges gesellschaftliches Thema.“ Das zeige auch die Corona-Pandemie, so Keil: „Und das muss man nicht unbedingt negativ sehen. Da kann man durchaus auch den positiven Aspekt sehen, dass eine weltweite Krise auf einmal alle Schwachpunkte aufzeigt und dass da die Chancen für die Gesellschaft sind. Und wenn da der Journalismus reingreift, weiß ich auch nicht, wo er noch eine Rolle spielen sollen. Ein Boykott wäre aber aus meiner Sicht der falsche Weg.“