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StartseiteInterviewDas Denken in Schleifen04.07.2021

Ständiges Grübeln und DepressionenDas Denken in Schleifen

Ständiges Grübeln, das zu keiner Lösung führt, kann ein Baustein auf dem Weg in eine Depression sein. Der Psychologe Thomas Ehring erklärt im Dlf, wie Grübelschleifen entstehen, wie man sie erkennt und was man dagegen tun kann.

Thomas Ehring im Gespräch mit Manfred Götzke

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Die Plastik "Der Denker" ("Le Penseur") des Bildhauers Auguste Rodin ist vor einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. (dpa)
Nachdenken macht aus psychologischer Sicht vor allem dann Sinn, wenn dadurch ein konkretes Problem gelöst werden kann (dpa)
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Rumination, das ist der biologische Fachbegriff für Widerkäuen von Nahrung – wie es etwa Kühe oder Schafe betreiben. In der Psychologie steht es mittlerweile für das ständige Wiederholen und Widerkäuen von Gedanken und das Entstehen von sogenannten Grübelschleifen.

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Thomas Ehring ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni München und forscht schon seit einiger Zeit zum Thema "repetitives negatives Denken". Im Deutschlandfunk erklärt er, warum zu langes Nachdenken negative Auswirkungen haben kann.

Was sind Grübelschleifen?

Grübelschleifen sind Gedanken, die immer wieder auftauchen. Das kann bei alltäglichen Problemen, aber auch bei existentiellen Sorgen passieren. Die Gedanken und Sorgen sind meistens abstrakt und führen schlussendlich zu keiner Lösung. Thomas Ehring beschreibt es als "ein Nachdenken von dem ich mich schwer lösen kann und das nicht hilfreich ist".

Wann führt Nachdenken zu einer Lösung und wann nicht?

Um zu erkennen, ob das Grübeln über eine Sache gerade Sinn ergibt, rät Thomas Ehring, immer darauf zu achten, ob die Gedanken zu einer Lösung des Problems führen. Manche Dinge könne man selbst überprüfen oder bemerken, indem man sich folgende Fragen stellt:

  • Lenken mich die Gedanken von anderen Dingen ab?
  • Denke ich auch bei alltäglichen Kleinigkeiten sehr lange nach?
  • Hat das Nachdenken mir weitergeholfen?
  • Und: Wie fühle ich mich danach oder währenddessen?

Ein wichtiger Schritt sei, die Gedankenschleifen überhaupt zu bemerken. Es gibt aber auch Aspekte, die man selbst nicht mehr bemerkt. Zum Beispiel dann, wenn das Grübeln schon zu einer Gewohnheit geworden ist.

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Selbstbezogenheit und Abstraktheit

Das Grübeln an sich sei noch keine Krankheit, sagt der Psychotherapeut Ehring. Es könne aber zu schlechter Stimmung führen und sei ein Baustein auf dem Weg in die klinische Depression. Vor allem dann, wenn die Gedanken sehr abstrakt seien und sich nicht auf konkrete Ängste, Sorgen und Situationen beziehen, sondern allgemein und diffus bleiben. Normalerweise sei Nachdenken dazu da, Probleme zu lösen. Das passiere bei den Grübeleien aber nicht. Die Grübeleien hinterlassen negative Gefühle und führen nicht zu einer Lösung. 

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Was kann man dagegen tun?

Wichtig ist, dass einem überhaupt bewusst ist, dass man sich in einer Gedankenschleife befindet. Erkennt man das Problem, gibt es ein paar Strategien, die helfen können, so Ehring.  Man sollte sich fragen:

  • Wann gerate ich in die Grübelschleife?
  • Und was ist eigentlich der Anlass?

Wenn der Anlass ein ernsthaftes Problem ist, sollte man laut Ehring versuchen, möglichste konkret darüber nachzudenken, noch genauer hinsehen und überlegen, was man aktiv tun kann, um das Problem zu lösen.

Anders sieht es aus, wenn die Gedanken um eine unwichtige Sache kreisen. Dann sollte man versuchen, sich abzulenken. Mit Sport, Gesprächen oder etwas anderem, das einem selbst guttut. Auch ein Achtsamkeitstraining kann laut Thomas Ehring helfen. Allerdings eher als Präventionsmaßnahme oder nach einer überstandenen Depression, um einen Rückfall zu vermeiden.

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Wenn man aber merkt, dass man aus den Gedankenschleifen alleine nicht mehr herauskommt, sich niedergeschlagen und schlecht fühlt und vielleicht schon in einer Depression steckt, sollte man sich unbedingt Hilfe von außen holen.

Bei Depressionen und nicht enden wollenden Gedankenschleifen können Sie sich an die Telefonseelsorge oder an die Krisentelefone wenden. Außerdem gibt es den Sozialpsychiatrischen Dienst in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt. Der Sozialpsychiatrische Dienst berät und vermittelt weitere Hilfe. Auch die Wohlfahrtsverbände der Kirchen wie Caritas und Diakonie bieten psychosoziale Beratung an, ebenso die Studentenwerke. Im akuten Notfall, wenn schnelle Hilfe nötig ist, insbesondere bei konkreten Suizidgedanken, rufen Sie bitte den ärztlichen Notdienst oder die 112 an oder gehen in die nächstgelegene psychiatrische Klinik.

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