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StartseiteInterview"Es betrifft wirklich quasi jetzt jeden"24.03.2021

Steigende Corona-Neuinfektionen"Es betrifft wirklich quasi jetzt jeden"

Aktuell infizierten sich vermehrt jüngere Menschen unter 30 Jahren mit dem Coronavirus, sagte der Direktor für Intensivmedizin am Klinikum Aachen, Gernot Marx, im Dlf. Die jüngsten Bund-Länder-Beschlüsse seien wichtig - auch, um Zeit zu gewinnen. Ob sie tatsächlich ausreichen, sei aber noch nicht abzusehen.

Gernot Marx im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Hinter Überwachungsmonitoren liegt ein Patient in einem Raum der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald für Corona-Patienten in seinem Krankenbett (dpa/Jens Büttner)
Die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen steigt wieder (dpa/Jens Büttner)
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Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt weiter. Die Gesundheitsämter meldeten dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages wieder 15.813 Corona-Neuinfektionen  - 2.387 mehr als vor einer Woche. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, stieg damit auf 108,1. 

Die Zahl der Neuinfektionen werde auch in den kommen Tagen weiter ansteigen, prognostizierte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, im Dlf. "Wir sehen jetzt, dass vermehrt jüngere Menschen unter 30 Jahren infiziert sind", sagte Marx, der auch Direktor für Intensivmedizin am Klinikum Aachen ist. Auch Ausbrüche in Kitas seien zu beobachten, was in der ersten und zweiten Welle kaum vorgekommen sei. "Es betrifft wirklich quasi jetzt jeden", machte der Intensivmediziner deutlich.

"Die Impfungen scheinen wirklich zu wirken"

Gleichzeitig kämen jetzt deutlich weniger über 80-Jährige in die Notfallaufnahmen. "Mit anderen Worten: Die Impfungen scheinen wirklich zu wirken. Das ist eine gute Nachricht." Allerdings seien auch in der ersten und zweiten Welle nicht nur über 80-Jährige behandelt worden, der Altersdurchschnitt bei den Covid-Patienten auf Intensivstationen habe bei etwa 68 Jahren gelegen. Und auch bei vielen Covid-Patienten darunter, im Alter ab 40 Jahren, habe es lange und schwere Verläufe gegeben, zum Teil auch tödliche – und das ohne Vorerkrankungen.

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Die jüngsten Bund-Länder-Beschlüsse begrüßte Marx. Sie seien wichtig und richtig, gerade auch die Ruhezeit über Ostern, und die einzige Möglichkeit, "die dritte Welle zu durchbrechen, Neuinfektionszahlen zu reduzieren und Zeit für Impferfolge zu ermöglichen". Ob die Maßnahmen ausreichen, um die Situation auf den Intensivstationen unter Kontrolle zu halten, müsse man abwarten.

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Große Sorgen bereitet dem Intensivmediziner, dass es – anders als vor der zweiten Welle – zu Beginn der dritten Welle schon einen große Anzahl von Covid-Pateinten auf Intensivstationen gegeben habe. "Wir haben begonnen bei unter 3.000, also in etwa dem Spitzenwert der ersten Welle", sagte Marx.


Das vollständige Interview im Wortlaut.

Stefan Heinlein: Herr Professor, wie ist aktuell die Situation bei Ihnen auf den Stationen?

Prof. Gernot Marx von der Uniklinik Aachen (www.imago-images.de)Prof. Gernot Marx von der Uniklinik Aachen (www.imago-images.de)Gernot Marx: Die Situation ist so, bezogen auf die Covid-19-Patienten, dass wir im ganzen Krankenhaus 25 Patienten im Moment hier in Aachen versorgen, davon elf auf den Intensivstationen. Das klingt jetzt erst mal primär nicht so viel, aber wir hatten in den letzten sieben Tagen jeden Tag Aufnahmen von Patienten mit Covid-19. Etwas salopp gesagt: Es geht wieder los.

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Und was man bei den ganzen Zahlen auch immer bedenken muss, ist die Anzahl der freien Kapazitäten, und die sind eigentlich seit Ende letzten Jahres bei den sogenannten High-Care-Betten immer knapp unter 3.000 Betten. Da denkt man erst, na ja, das ist ja ganz schön viel. Aber wir versorgen ja nicht nur Covid-19-Patienten, sondern auch viele andere Patienten, und das sind pro Krankenhaus weniger als drei Betten. So richtig hohe Flexibilität ist da eigentlich nicht mehr vorhanden.

"Die Impfungen scheinen wirklich zu wirken"

Heinlein: Lassen Sie uns, Herr Marx, noch ein wenig an Ihrem Klinikalltag in Aachen teilhaben. Die Generation 80-plus ist ja weitgehend mittlerweile geimpft. Ist das Alter Ihrer Patienten entsprechend gesunken mittlerweile?

Marx: Man muss sagen, der Eindruck ist doch gegeben, dass wir in der zweiten und ersten Welle hauptsächlich über 80-jährige behandelt haben. Mit Sicherheit haben wir auch über 80-jährige behandelt, aber längst nicht nur. Der Altersdurchschnitt war ja bei etwa 68. Das heißt, wir hatten sehr viele über 70-, über 60-, aber auch über 40- und über 50-jährige. Bezogen auf Ihre Frage vielleicht noch mal: Was wir wirklich deutlich sehen, dass wir jetzt sehr wenig Patienten über 80 in unseren Notfallaufnahmen sehen. Mit anderen Worten: Die Impfungen scheinen wirklich zu wirken, was ja eine sehr gute Nachricht ist.

Heinlein: Lassen sich denn bei Ihren Intensiv-Covid-Patienten Gemeinsamkeiten erkennen, Raucher, Übergewicht, Vorerkrankungen? Oder kann es gerade mit diesen neuen Virus-Mutationen inzwischen jeden Mann, jede Frau treffen, auch Kinder und Jugendliche?

Marx: Ja, auf jeden Fall. Wir sehen jetzt ja auch, dass vermehrt jüngere Menschen unter 30 infiziert sind. Wir sehen ja sogar auch Ausbrüche in Kitas. Das haben wir eigentlich in der ersten und zweiten Welle fast gar nicht gesehen. Das heißt, es betrifft wirklich quasi jetzt jeden. Allerdings, muss man sagen, sind Gott sei Dank bei den jüngeren Menschen selten schwere Verläufe zu verzeichnen, bisher zumindest. Wie sich das jetzt in den nächsten Tagen und Wochen entwickelt, das muss man abwarten. Wenn man ehrlich ist, gibt es da keine guten Daten auch aus anderen Ländern, was jetzt die Mutante B 1.1.7 betrifft.

Schwere langwierige Verläufe auch bei unter 60-Jährigen

Heinlein: Insgesamt nach Ihren Erfahrungen der letzten Wochen und Monate haben denn die jüngeren Patienten andere Verläufe einer Covid-Erkrankung? Haben sie bessere Überlebenschancen als die ältere Generation 80plus?

Marx Auf jeden Fall. Alter ist allgemein in der Intensivmedizin immer ein hoher Risikofaktor. Das ist so. Das hat man auch bei den Daten gesehen. Am besten haben wir die erste Welle ausgewertet. Da hat man gesehen, dass die unter 60-jährigen die beste Überlebenschance hatten. Das lag etwa bei 70 Prozent. Das war bei den über 80-jährigen genau umgekehrt. Aber dennoch sehen wir auch bei über 40-jährigen und über 50-jährigen sehr schwere langwierige Verläufe mit Organausfall, dass die Niere und neben der Lunge auch andere Organe ausfallen, und leider konnten wir auch nicht alle Patienten zurück ins Leben bringen. Es sind auch etliche verstorben, offen gestanden auch ohne Vorerkrankung.

"Die einzige Möglichkeit, die dritte Welle zu durchbrechen"

Heinlein: Herr Professor Marx, vor den Bund-Länder-Beratungen waren Sie sehr präsent in der Öffentlichkeit. Sie haben vor weiteren Lockerungen gewarnt und ein hartes Gegenlenken gefordert. Jetzt haben Sie nach dem Gipfel am Montag die Politik gelobt. Das ist ja eher selten in diesen Tagen. Haben die Kanzlerin und die Landesmütter und Väter jetzt aus Ihrer Sicht das richtige Rezept gegen den weiteren Anstieg der Infektionen gefunden?

Marx: Nun, es ist so: Wir hatten ja vor einigen Wochen unser DIVI-Prognosemodell vorgestellt, das wirklich wissenschaftlich sehr fundiert und robust ist, und konnten ja vorhersehen, wie sich die Zahlen entwickeln, und so ist es auch leider eingetreten. Von daher begrüßt die DIVI wirklich die Beschlüsse. Meines Erachtens oder unseres Erachtens hat die Politik, die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten-Konferenz auf die dritte Welle reagiert und aus unserer Sicht sind die Beschlüsse richtig und wichtig, weil das dazu führt, dass wir die Zahl der Infektionen – Sie haben die neuen Infektionszahlen ja heute Morgen gerade schon vermeldet, fast 16.000, eine Inzidenz von 108.

Das wird jetzt die nächsten Tage auch voranschreiten, weil es ist ja immer ein gewisser Verzug, bis die Maßnahmen greifen können. Meines Erachtens sind die beschlossenen Maßnahmen, auch gerade diese Ruhezeit über Ostern – und ich weiß, offen gestanden, auch persönlich; es ist ja nicht so, dass man nur Intensivmedizin macht -, alle sind wir ja sehr angestrengt und es ist schwierig, diese Ausdauer zu fordern. Das ist uns wohl bewusst. Aber ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, die dritte Welle zu durchbrechen, Neuinfektionszahlen zu reduzieren und auch Zeit für Impferfolge zu ermöglichen.

"Wir starten auf einem sehr hohen Niveau"

Heinlein: Die dritte Welle zu durchbrechen, Herr Professor Marx. Ich versuche es noch mal ganz konkret. Reicht der harte Lockdown über Ostern und die Beschränkungen, die wir schon kennen, bis Mitte April aus, um die Situation bei Ihnen auf den Intensivstationen dauerhaft unter Kontrolle zu behalten?

Marx: Das muss man am Ende abwarten, wie sich die Zahlen entwickeln. Haben wir eine Inzidenz-Zahl von 200 irgendwann, dann haben wir auch wieder Intensivpatienten zwischen fünf und 6000 mindestens. Sie müssen ja bedenken, wir starten auf einem sehr hohen Niveau. Wir haben die zweite Welle von einem Niveau von unter 200 Covid-19-Patienten begonnen und waren bei fast 6000. Jetzt sind wir begonnen bei unter 3000, etwa der Spitzenwert der ersten Welle, und das macht uns schon sehr große Sorge, muss ich sagen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wir hoffen, dass diese Maßnahmen ausreichen, und wir hoffen auch, dass wir Zeit gewinnen, um mehr Menschen zu impfen, und dass wir dann prospektiv mit einem Konzept jetzt nicht nur für die Intensivmedizin, sondern auch insgesamt mit Testen und mehr Impfungen dann letztendlich auch das Gesundheitssystem nicht zu Überforderung und Überlastung führen.

Herdenimmunität bis September

Heinlein: Hoffnung ist ja immer schlecht in der Wissenschaft. Sie wissen es nicht ganz genau. Hätten Sie sich denn mehr gewünscht? War es ein Fehler, die Schulen und Kindergärten zu öffnen? Als Sie das damals gehört haben, haben Sie als Intensivmediziner da die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen?

Marx: Offen gestanden, ich schaue immer nicht so nach hinten. Wir hatten eine klare Position. Die ist ja auch bekannt. Aber politisch Verantwortliche müssen ja auch alle möglichen Dinge bedenken. Wir gucken ja nur aus der Sicht der Intensivmedizin auf die Lage und machen unsere Schlüsse auf dieser Basis. Ich denke, wir müssen jetzt nach vorne schauen. Die Beschlüsse sind nach unserer Einschätzung die richtigen. Ob sie ausreichen, ob der 18. April ausreicht, müssen wir dann anhand der Zahlen, Infektionszahlen, Inzidenz, R-Wert, Belastung der Intensivstationen, entscheiden. Und wir werden auch natürlich wieder unsere Analyse der Politik zur Verfügung stellen und wir hoffen einfach gemeinsam, dass wir mit möglichst wenig harten oder noch lange fortdauernden Lockdown-Maßnahmen hier durch die Krise kommen.

Insgesamt muss man ja betrachten, es wird bis Ende des Sommers, irgendwann in den September gehen. Dann gehe ich davon aus, dass wir genug Impfdosen verimpfen konnten, dass die Bevölkerung letztendlich die Herdenimmunität erreicht hat und wir gemeinsam die Pandemie bewältigt haben. Aber diese Zeit bis dahin wird noch eine schwierige Zeit bleiben.

Verständnis auch für die Kritik an den Maßnahmen

Heinlein: Eine schwierige Zeit bis Ende September, Herr Professor Marx. Machen Sie uns noch ein wenig Hoffnung. Wann wird sich das Impfen bei Ihnen auf den Intensivstationen positiv bemerkbar machen?

Marx: Ich gehe davon aus, dass das sich positiv bemerkbar macht, wenn wir die bis 65 und älter geimpft haben. Ich glaube, dann werden wir einen Effekt deutlich merken.

Heinlein: Eine Frage zum Schluss. Wenn Sie jetzt die Kritik hören – und sie ist ja sehr massiv – an diesen harten Maßnahmen und vielleicht auch die Bilder sehen von Anti-Corona-Kundgebungen, haben Sie Verständnis für die Ungeduld mancher Menschen, oder würden Sie diese gerne zu einem Schnuppertag bei Ihnen auf Ihren Intensivstationen einladen?

Marx: Sowohl als auch. Ich habe großes Verständnis. Wir sind wie gesagt auch nicht nur Intensivmediziner, sondern jeder von uns hat auch Privatleben, Familien, Kinder viele auch, und das ist für alle von uns extrem schwierig und extrem fordernd. Es ist nicht nur auf der Intensivstation ein Dauer-Marathon, sondern für uns alle. Aber tatsächlich muss ich sagen, dass ein Schnuppertag auf der Intensivstation vielleicht die eine oder andere Kritik etwas leiser und relativieren würde.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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