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StartseiteWissenschaft im BrennpunktGanz natürlich - oder anders?21.04.2019

Streit um den richtigen BiolandbauGanz natürlich - oder anders?

Der alte Gegensatz von Natur und Chemie, von Tradition und Technologie, von Gut und Böse wird in der ökologischen Landwirtschaft zunehmend infrage gestellt. Kann man sich die Ablehnung neuer Technologien angesichts einer schnell wachsenden Weltbevölkerung überhaupt noch leisten?

Von Tomma Schröder

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Ein Mädchen steht mit einer großen Weltkugel als Ball in einem Kornfeld. (imago )
Die Weltbevölkerung wächst - was bedeutet das für die Biolandwirtschaft? (imago )
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"Die kommen vom Feld mit dem Trecker hierher gefahren und dann fahren wir die mit dem Trecker da rein und kippen die mit dem Frontlader auf diesen kleinen Anhänger, der da so geparkt ist, quer."

Boy Gondesen ist Bio-Landwirt: Schwielen an den Händen, Wollmütze auf dem Kopf, krause, graue Locken. Es ist November, ein paar Grad über Null, sehr sonnig und der Bauer schaut zufrieden auf seine Ernte: Kräftige helle Rüben liegen auf einem großen Haufen vor ihm. Sie haben ihn in den vergangenen Monaten viele Mühen und Sorgen gekostet. Immer wieder musste er zum Jäten aufs Feld.

"Das heißt wirklich auf die Knie und auf der Reihe langkrabbeln und das Unkraut rausziehen und den Chicorée stehen lassen. Und wir haben dann noch einen zweiten Jäte-Gang gemacht, weil dieser Sommer einfach so extrem war mit der Trockenheit, dass der Chicorée nicht gleichmäßig aufgelaufen war. Und das war eigentlich das Hauptproblem dieses Jahr, dieser unregelmäßige Bestand nach dem Säen. Das war echt schwierig."

Am Ende aber ging die Ernte auf. Die Bio-Ernte - ohne Pflanzenschutzmittel, ohne Gentechnik, ohne mineralischen Dünger. Aber warum eigentlich machen sich Biobauern das Leben so schwer? Der Ertrag mit Dünger wäre vielleicht doppelt so hoch gewesen. Und wo zwei Menschen tagelang über den Acker krabbelten, hätte auch ein Trecker mit Pflanzenschutzmitteln drüber fahren können.

Auch Öko-Mais ist nicht mehr "natürlich"

Artensterben, Nitratbelastung, multiresistente Keime, ausgelaugte Böden - den Schattenseiten des Fortschritts hat der Biolandbau schon früh ein "Zurück zur Natur" entgegengesetzt. Aber mit der Natur ist das so eine Sache. Für eine genaue Definition, was der Ökolandbau ist oder sein sollte, taugt sie nicht. Urs Niggli, Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau, FiBL:

"Die moderne Landwirtschaft jeglicher Art hat natürlich eine enorme Entwicklung gemacht und hat sich total entfremdet von der Natur. Wir sprechen ja auch von Agri-Kultur. Das heißt, es hat etwas mit Agri, mit Landwirtschaft, und es hat etwas mit Kultur - es ist eine enorme Leistung der Menschheit. Eine heutige Maispflanzen, der riesige Kolben, 20 Zentimeter lang, mit zwölf bis 18 Reihen Körner - richtig ertragreich, wenn Sie das mit dem Wildmais vergleichen, das war ein zwei Zentimeter langer Fruchtstand mit einer Reihe weniger Körner. Das heißt, der heutige Mais, der auch im Ökolandbau genutzt wird, ist, könnte man sagen, völlig unnatürlich."

Das gute natürliche Bio-Produkt hier, das böse Chemie-Produkt dort - so einfach ist es nicht. Besser als der schwammige Begriff der "Natürlichkeit" sei ein anderer, meint Urs Niggli: 

"Die Aufgabe der Forschung ist natürlich, gewisse Ideen zu verifizieren oder zu falsifizieren. Mit diesem wissenschaftlichen Background hat sich der Ökolandbau sehr stark verändert. Ich probiere natürlich diesen Begriff zu ersetzen mit dem Begriff der 'Nachhaltigkeit'."

Nachhaltigkeit kontra Effizienz

Im Ökolandbau werden deutlich weniger Düngemittel und Pestizide eingesetzt mit entsprechenden Vorteilen für die Biodiversität, für die Böden, für das Grundwasser. In diesem Sinne ist der Ökolandbau nachhaltig. Doch auch diese Definition birgt Tücken. Denn auf ökologisch bewirtschafteten Flächen sind die Erträge deutlich niedriger. Würde weltweit auf Ökolandbau umgestellt, dann müssten deutlich mehr Wälder abgeholzt werden und auch die Bodenerosion wäre stärker.

Niggli: "Es gibt natürlich viele Widersprüche im Ökolandbau. Und die Nachhaltigkeit, so wie sie von der Industrie, aber auch von vielen Wissenschaftlern etwas einseitig gesehen wird, nämlich auf Effizienz getrimmt, die kann eben nicht alle Aspekte abdecken."
 
Gut 42 Kilogramm Fleisch pro Jahr und Kopf werden weltweit verzehrt, insgesamt 300 Millionen Tonnen. Das Futter, das für die enorme Menge an Schlachttieren angebaut werden muss, nimmt große Agrarflächen in Anspruch. Hinzu kommt, dass nach Hochrechnungen der Welternährungsorganisation rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel verschwendet werden.

Niggli: "Wenn die effiziente Produktion zu noch billigeren Lebensmittelpreisen führt, dann wird die Lebensmittelverschwendung oder auch der Fleischkonsum bei sehr viel, sehr billigen Futtermitteln zum Beispiel durch eine sehr effiziente Soja-Produktion in Brasilien, wird dann beides noch gesteigert, und dann ist der Effizienzgewinn weg."

Bio könnte die Welt ernähren

Im Fachmagazin Nature Communications hat Niggli die Zusammenhänge mit seinen Kollegen für das Jahr 2050 simuliert: Wenn weniger tierische Lebensmittel produziert und die vorhandenen Lebensmittel nicht verschwendet würden, würde eine Umstellung auf 100 Prozent Ökolandbau besser abschneiden als die Weiterführung der bisherigen konventionellen Landwirtschaft - und zwar in allen untersuchten Punkten: Flächenverbrauch, Abholzung, Treibhausgasausstoß, Stickstoff- und Phosphatüberschuss, Erosion, Energie- und Wasserverbrauch, sowie Pestizide. Bio könnte die Welt ernähren.

Zurück auf dem Hof von Boy Gondesen im nördlichen Schleswig-Holstein. Hier steht eine aus Besen, Laufbändern, Sägen, Reifen und Gewichten wild zusammengebastelte Maschine, mit der die Rüben auf die richtige Größe gekürzt werden können.

"Wir machen diese abenteuerliche Petterson und Findus-Maschine an. Da laufen zwei Kreissägeblätter und ein alter Mopedreifen."
 
Die Rüben sind nur ein Zwischenerfolg. Sie werden in Kästen gesetzt und kommen in die Treiberei, in vollkommen dunkle und feuchte Räume, in denen aus den Rüben oben der Chicorée herauswachsen soll. Ein vitaminreiches, frisches Wintergemüse. Menschen haben es eher durch Zufall entdeckt, denn in freier Natur ohne Abdunkelung und feucht-warmes Klima wächst es nicht. Doch auch in der Treiberei klappt es mit dem Wachsen und Gedeihen nicht immer wie geplant, zeigt Gondesen:  

"So kann man sehen, ah, sehen alle super toll aus. Aber man hat manchmal so Sachen dabei. Das hier ist nix, die haben nicht getrieben, die Rüben. Das ist Komplettausfall. Da gibt es doch einige, die nicht so toll sind. Da oben, kannst du sehen, das Braune? Das ist so ein Bakterienschrott, das breitet sich rasant schnell aus. Das musst du dann wegputzen. Und je mehr du wegputzt - ist halt schlecht!"

Was ist besser für die Klimabilanz?

Definiert sich der Ökolandbau allein über Nachhaltigkeit, gerät er schnell unter Druck - gerade, wenn nicht auf das große Ganze, sondern auf einzelne Aspekte geschaut wird, erklärt Ralf Loges, Agrarwissenschaftler an der Uni Kiel:

"Im Regelfall ist es so, dass der Energieaufwand je Hektar im Ökolandbau deutlich geringer ist. Da die Erträge aber im Durchschnitt über alles nur halb so groß sind, stellt sich natürlich die Frage nach der Produkt-Einheit. Und dort können sehr effiziente, konventionelle Getreide-Erzeugung geringere CO2-Emissionen aufweisen im Vergleich zum ökologischen Landbau."

Die Frage, ob man etwas pro Hektar misst oder pro Kilogramm Ertrag, kann das Ergebnis beim Vergleich von öko und konventionell stark verändern. Auch bei der Artenvielfalt oder beim Eintrag von Stickstoff schneidet der Ökolandbau nicht immer besser ab als der konventionelle, wenn pro Kilogramm Ertrag gerechnet wird.

Loges: "Und da sind wir dann in einem Dilemma, und können sagen: Na gut, dann machen wir doch weniger konventionell und setzen eine Menge Fläche frei, wo wir Naturschutz betreiben können, und dann wäre so eine konventionelle Kombination eben dann die bessere."

Wenn man weniger Flächen braucht, um konventionell zu wirtschaften und den Rest dann wirklich der Natur überlässt, ist die konventionelle Landwirtschaft dann doch die nachhaltigere, die bessere?

Nein, meint Ralf Loges: Denn der Ökolandbau hat Vorteile, die jenseits der Diskussion um Effizienz liegen: Er trägt etwa keine risikoreichen Stoffe wie etwa Glyphosat in die Umwelt ein. Und auch das Wasser wird weit weniger durch den Ökolandbau als durch die intensive konventionelle Landwirtschaft belastet.

"Landwirtschaft ist kein Ponyhof"

"Aber was für mich immer schwierig ist, ist die Scheinheiligkeit dann eben zu sagen: Wir sind überall besser."

Wenn Loges ins Reden kommt, wird schnell klar: Was gut und was böse ist, lässt sich pauschal nicht sagen:

"Soll ich jetzt solche Ökoeier nehmen aus Ställen, die auch durchweg 6000 Hühner haben können. Oder soll ich es nicht doch vom konventionellen Nachbarhof nehmen, wo Großmutter 100 Hühner hat, Direktvermarktung macht, die sind auf der grünen Wiese, aber kriegen vielleicht dann doch das Fertigfutter von der konventionellen Genossenschaft."

Ist es für die Rinder etwa angenehmer und stressfreier, wenn die Hörner abgeschnitten werden? Oder lässt man der Natur ihren Lauf und akzeptiert, dass auch mal ein Rind verletzt wird? Oder wie ist es mit der Kornrade? Das hübsche violette Gewächs steht in Deutschland auf der Roten Liste. Doch wünschen wir uns das im Ökolandbau wirklich zurück, wo doch unsere Vorväter mit den langen Pfahlwurzeln der Pflanze ganz fürchterlich zu kämpfen hatten?

Und last but not least: Ist die Regelung im Ökolandbau eigentlich gut, dass Tiere in ökologischen Betrieben nur einmal Antibiotika bekommen dürfen? Lassen einige Bauern kranke Tiere womöglich leiden, weil sie bei einer zweiten Gabe von Antibiotika das Fleisch nicht mehr als Bioware vermarkten dürften? Landwirtschaft, sagt Loges, ist kein Ponyhof. Auch nicht in der Ökobranche.

"Ökolandbau ist eigentlich ein Zehnkampf, wo man auch vorne liegen kann, selbst wenn man keine Einzeldisziplin gewonnen hat. Die Ertragssituation ist eine Sache, aber Biodiversität ist eine andere Sache."

Sehr nah ans Ideal, meint Loges, komme der Mischbetrieb. Das ist eigentlich das, was man sich unter einem klassischen Bauernhof mal vorstellte: Ein paar Hühner und Kühe hier, ein bisschen Getreide oder Gemüse dort, sodass Futtermittel, Düngung und Pflanzenanbau einen Kreislauf bilden könnten.

Win-Win-Kreislauf zwischen Ackerbau und Viehwirtschaft

Ganz wichtig ist dabei der Anbau sogenannter Leguminosen. Das sind Pflanzen, die den Stickstoff nicht dem Boden entziehen, sondern ihn aus der Luft nehmen und ihn mit Hilfe von Bakterien in kleinen weißen Knöllchen an ihren Wurzeln ablagern.

"Mal gucken, ob er irgendwo Knöllchenbakterien dran hat. Nein."

Ralf Loges hat sich einen Spaten geschnappt und ist von seinem heimischen Büro in den Garten gelaufen. Natürlich wird auch dort ein bisschen Biolandbau betrieben - mit Leguminosen auf dem Acker.

"Na doch, hier sind sie dann! Das ist ein Phänomen, so ein Klee, so ein ganzer Hektar davon, der kann 300 Kilo Stickstoff sammeln und ein hochertragskonventioneller Weizen braucht 220. Nur der Transfer ist das Problem. Wie man dieses jetzt wieder über die Tiere über die Biogasanlage dann in die Düngung der anderen Kulturen bringt."

Leguminosen wie den Klee könnte ein Viehbetrieb als Futtermittel verwenden und dem Ackerbau-Betrieb anschließend die Gülle der Tiere zurückgeben, damit dieser damit die Felder düngen kann. Eine Win-Win-Situation für beide. In der Realität gibt es diese Kreisläufe aber kaum noch. Dafür bräuchte es kleinräumige Strukturen.

Loges: "Die Grundwurzeln des Ökolandbaus war auch ein agrarpolitischer Hintergrund. Eben von einem Herrn Dr. Müller, der gesagt hat: Regionalität, mit dem wirtschaften, was die Natur uns gibt, und der Bauer soll frei bleiben, um nicht in die Fänge größerer Konzerne zu kommen und die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe mit ihren Traditionen zu erhalten. Und das wird schwerer und schwerer, weil jedes Jahr wird der Anteil größer, der im Lebensmitteleinzelhandel umgesetzt wird. Das sind einheitliche Waren und Chargen, die sich dann eben auch nicht mehr ganz so stark vom konventionellen Produkt unterscheiden."

Bio-Produkte für den Massengeschmack

Der Ökolandbau, wie ihn das Schweizer Ehepaar Hans und Maria Müller in den 1950er Jahren entwickelt und gefordert hat, ist heute mengenmäßig unbedeutend. Er könnte auch nicht die großen Supermarktketten beliefern, in denen mit jedem Jahr mehr Bioprodukte umgesetzt werden. Produkte, die im Supermarkt gekauft werden, müssen einheitlich sein und den Wünschen der Kunden möglichst genau entsprechen.

Loges: "Das magere Ökoschnitzel, was dann natürlich mit Auslauf erzeugt worden ist, stammt dann auch von einer Dreirassenkreuzung, die optimiert ist auf den Magerfleischanteil. Natürlich deutlich weniger Stress ausgesetzt ist, länger bei der Muttersau bleibt, 42 Tage statt 21 Tage. Aber dieses Grundprinzip, eine alte Nutztierrasse zu halten, wird es schwerer und schwerer haben. Das Angelner Sattelschwein zum Beispiel, es würde bei der Klassifizierung der Supermärkte auch für Ökofleisch durchfallen, weil es viel zu viel Fett hat."

Die Zeit der krummen Möhren im Naturkostladen ist vorbei. Der Verbraucher möchte Bio-Produkte in gleichbleibender Qualität. Sie sollen gut aussehen, dem Massengeschmack entsprechen, leicht zu besorgen, möglichst günstig sein - und vor allem: sie sollen ein gutes Gefühl geben, das Gefühl, etwas Richtiges zu tun, etwas Gesundes und Natürliches zu kaufen. Die Natürlichkeit ist das Verkaufsargument - dabei sind Bio-Produkte äußerlich oft nur noch durch das Label und den Preis von konventionellen zu unterscheiden.

Der Verbraucher verlangt nach "natürlichen" Bioprodukten, stellt aber oft unnatürliche Forderungen, so sieht es auch Wolfgang Haber. Haber ist 93 Jahre alt, gilt als erster Ökologie-Ordinarius in Deutschland und hat sein ganzes Leben dem Naturschutz gewidmet. Den Hype um Natur und Natürlichkeit sieht er dennoch kritisch: 

"Es gehört eine gewisse Entfremdung von der Natur dazu, um - nicht bei allen Menschen, aber bei vielen Menschen - eine Sehnsucht hervorzurufen nach der ursprünglichen gewachsenen Natur, nicht? Irgendwie ein Gefühl der Geborgenheit, des gut aufgehoben Seins, erzeugt. Und dabei werden natürlich, die Widrigkeiten, die die Natur nun auch in sich trägt, die werden dabei ausgeblendet. Es ist dafür bezeichnend, dass die Bewegung des Naturschutzes nicht dort entstanden ist, wo die Natur sozusagen stattfindet und wächst, nämlich auf dem Lande, sondern sie ist in der Stadtbevölkerung entstanden."

Das Problem dabei sei, meint Haber, dass die Menschen, die mehr Naturschutz in der Landwirtschaft fordern, zwar immer zahlreicher werden. Das hat nicht zuletzt auch das bayerische Referendum zur Artenvielfalt gezeigt. Aber diese Mehrheit sitzt weitab der Natur - in den Städten. Und die Menschen, die Nahrungsmittel produzieren, werden immer weniger, bewirtschaften immer größere Flächen oder gigantische Ställe:
 
"Wir haben schon seit 200 Jahren die Tendenz der Landflucht. Das heißt, dass immer mehr Bauern in die Städte wandern, weil sie dort ein bequemeres leichteres Leben von höherem Standard erwarten. Und das hat zur Folge, dass die Landbevölkerung die ihr Land bewirtschaftet, Nahrung erzeugt, dass die immer mehr abnimmt."

Verbraucherverhalten fördert Großbetriebe

Die Anforderungen an die Landwirtschaft im Allgemeinen und den Ökolandbau im Besonderen sind enorm gestiegen. Die Produkte sollen gesund sein, natürlich sein, ein gutes Gefühl geben, die Natur und die Artenvielfalt bewahren, den Boden schützen und die Welt ernähren. Und natürlich: billig sein. Was der durchschnittliche Verbraucher sagt und denkt, steht allzu oft in krassem Widerspruch zum Verhalten: Wer das magere günstigere Biofleisch aus dem Discounter haben kann, wählt selten das fetthaltigere teurere vom Direktvermarkter. Dadurch fördern die Verbraucher mit ihrem Verhalten oft genau das, was anschließend kritisiert wird: die auf Effizienz getrimmten Großbetriebe. Haber:

"Damit wird dann der Begriff der industriellen Landwirtschaft verbunden und wird entsprechend entweder abgewertet, verachtet, oder auch bekämpft. Die industrielle Landwirtschaft, die zweifellos schwere Belastungen verursacht, aber nicht verursachen müsste."

Haber sieht nicht im Ausbau des Ökolandbaus die Lösung für die aktuellen Probleme, sondern in einer besseren Agrarpolitik. Der Ökolandbau sei vielmehr dafür da, umweltverträglichere Bewirtschaftungsweisen auszuprobieren. Für die Massenproduktion sei eine pragmatisch ausgerichtete Integration von Öko- und konventionellem Landbau sinnvoller.

Ralf Loges: "Wir gewinnen durch die Offensive der Supermärkte neue Ökokunden hinzu, Öko für jedermann, Öko für 365 Tage im Jahr, aber trotzdem besteht die Gefahr, dass wir den Ökopionieren ein wenig das Wasser abgraben."

Auch Loges und viele seiner Kollegen vom Kieler Forschungsschwerpunkt Ökolandbau sprechen sich gegen ein einseitiges Wachstum aus und betonen stattdessen die "Werkstattfunktion" des Ökolandbaus, gleichsam als Brutstätte für Lösungen und als Korrektiv für den konventionellen Landbau. Denn hier liegt Manches im Argen. Der Nitratüberschuss der Landwirtschaft in Deutschland etwa liegt seit Jahren weit über dem angestrebten Wert - mit immensen ökonomischen und ökologischen Folgen. Die Förderung des Ökolandbaus und das Ziel, seinen Anteil in Deutschland auf 20 Prozent auszubauen, könnten die Aufmerksamkeit von diesem Scheitern abwenden.

Loges: "Der konventionelle Landbau ist enorm unter Beschuss und muss sich auch anpassen. Das heißt, er rückt näher an den Ökolandbau ran. Und wenn der Ökolandbau effektiver werden will, rückt er genau in die andere Richtung, und es entsteht auf einmal eine Schnittmenge, wo andere Fachleute im Ökolandbau, sie reden auch von einer Konventionalisierungsfalle, oder sagen: keep the distance!"

Tabuthema Gentechnik

Der Druck, mit der konventionellen Landwirtschaft mitzuhalten und effizienter zu werden, lässt auch ein anderes eisernes Prinzip des Ökolandbaus wackeln: Gentechnisch veränderte Pflanzen sind laut EU-Bioverordnung und auch bei allen deutschen Bioverbänden tabu. Urs Niggli hatte mal kurz an diesem Tabu gekratzt, und heftige Reaktionen geerntet:

"Ja, das war diese CRISPR/Cas-Geschichte. Aber da möchte ich jetzt eigentlich gar nicht drüber reden."

CRISPR/Cas, das neue Genskalpell, das dafür sorgen könnte, dass Pflanzen auch ohne Gift Schädlinge abwehren. Dass sie Vitamine dort liefern, wo sie fehlen. Oder dank veränderter Wurzeln mit kargen Bedingungen zurechtkommen. Urs Niggli, von den Medien gern als "Bio-Papst" bezeichnet, hatte vor drei Jahren zu dem Thema ein viel diskutiertes Interview in der taz gegeben. Er warnte darin vor den Risiken, forderte aber auch, dass der Ökolandbau offen gegenüber dem neuen Gentechnik-Verfahren sein solle. Ein Tabubruch in der Ökoszene.

Doch: Warum eigentlich? Was ist der Unterschied zwischen klassischer Züchtung, die auch im Ökolandbau selbstverständlich genutzt wird, und modernen gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas? Bei dem sogenannten Genome Editing können sehr zielgenau Gene verändert werden, und zwar mit Resultaten, die von natürlichen Mutationen kaum mehr unterscheidbar sind. Sind solche Organismen also letztlich dann nicht auch "natürlich"? Die Debatte ist längst nicht entschieden.

Wolfgang Haber: "Auf die Dauer wird sich der ökologische Landbau gegen diese - ich sag mal - Eindringlinge nicht wehren können, weil einfach die so behandelten Nutzpflanzen und Nutztiere sich ausbreiten. Und in dem Maße, wie erkannt wird, dass dieses CRISPR/Cas-Verfahren verträglicher, umweltverträglicher ist, wird es irgendwann auch den ökologischen Landbau unterwandern."

"Die perfekte Pflanze gibt es nicht"

CRISPR-Pflanzen könnten Vorteile bieten. Aber Ökologie-Pionier Haber sieht keine Notwendigkeit dafür, dass ausgerechnet der Ökolandbau nun auf diesem umstrittenen Gebiet voranschreiten sollte. Auch Jan Plagge, Präsident des Ökoverbandes "Bioland", wird das so lange wie möglich zu verhindern suchen:

"Die perfekte Pflanze gibt es nicht. Diese reine Reduzierung von Problemlösungen auf das Genom ist ein Problem an sich. Die Haupteffekte für Stabilität und auch für Ertragsstabilität, die Pflanzengesundheit und Tiergesundheit, entstehen im Anbausystem auf dem Betrieb. Und wenn ich sage, ich kann mit einem Faktor, also mit dem Faktor Umprogrammieren der Gene, alle anderen Probleme lösen, der täuscht die Landwirte und auch die Bürger."

Plagge befürchtet, dass sich wenige kurzfristig ertragreiche Pflanzen durchsetzen könnten, die zu mehr Artenarmut, Resistenzen und anderen Problemen von Monokulturen führen könnten:

"Das Dramatische auch in den Agrarwissenschaften in der ganzen molekularbiologischen Forschung ist, dass sie die landwirtschaftliche Praxis weltweit vergessen. Wir können das Ernährungsproblem nur dann lösen, wenn wir gemeinsam mit den Landwirten, auch mit den vielen Kleinbauern in Südostasien, in Afrika, wenn wir die mit einbeziehen in die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Systeme. Und dafür ist diese Fokussierung jetzt auf das Genome Editing eine Nebelkerze, ein Ablenkungsmanöver von dem eigentlichen Kernproblem, nämlich dass die Landwirte keinen Zugang zu Kapital, zu Bildung haben. Und wir Menschen, gerade wir westlichen Menschen, wir stürzen uns immer auf einfache technologische Lösungen ohne aus der Geschichte zu lernen, dass auch diese einfachen technischen Lösungen Probleme mit sich gebracht haben, die wir vorher gar nicht hatten. Und die eigentlichen Probleme, die wir haben, die sehr gut beschrieben sind auch in dem Weltagrarbericht, nicht angehen."

In großen dunklen und feuchten Räumen stehen bestimmt zwanzig Lagen Gewächskästen übereinander. Überall gucken grüne Köpfe hervor. Sieht eigentlich perfekt aus, aber Boy Gondesen hat bei der Ernte des ersten Chicorées schon den ein oder anderen Pilzbefall entdeckt.

Tomma Schröder: "Und was machst du, wenn sich so ein Bakterium ausbreitet?" Gondesen: "Die einzige Möglichkeit, die du hast, ist, das über das Klima zu ändern. Oder Radikalkur. Die sind eigentlich fertig. Da haben wir gesagt: Gut, uns langt das Gewicht der Köpfe, wir stellen die in die Kühlung und somit dämmen wir auch das Wachstum von Bakterien und Pilzen ein."

Wenn sich die Bakterien erst einmal ausgebreitet haben, besteht schnell die Gefahr, dass ein großer Teil des mühevollen Rübenanbaus vergebens war. Die Arbeit mehrerer Monate wäre dahin - die grausame Seite der Natur.

"Man zweifelt manchmal an sich selber, warum man das so macht und so macht. Aber die Art und Weise, das so anzubauen, steht nicht zur Frage. Ich gucke nicht neidisch auf den konventionellen Bauern. Wir haben ja gerade wieder die Glyphosat-Problematik. Ich meine, es gab eine Landwirtschaft vor Glyphosat. Viele Sachen sind auch mit ganz normalen ackerbaulichen Methoden in den Griff zu kriegen. Also es geht. Vielleicht nicht so billig, aber es geht!"

Digitalisierung kann langjährige Erfahrung nicht ersetzen

Die Frage, wie sehr man auf neue Technologien setzt, und wie nah man an der Natur bleibt, wird den Ökolandbau weiter begleiten. Es ist ja nicht nur die Gentechnik, die die Landwirtschaft massiv verändert.

Urs Niggli: "Wenn wir sehen, was jetzt auf uns zukommt mit der Digitalisierung, da werden wir uns nochmals ein großes Stück von der Natürlichkeit entfernen, weil im Prinzip besteht da die echte Gefahr, dass nachher Computerprogramme mit Algorithmen die Geräte steuern und den Landwirten teilweise die Entscheidungen abnehmen."

Urs Niggli sieht in der Digitalisierung ähnlich wie in den neuen gentechnischen Verfahren Chancen und Gefahren gleichermaßen:

"Das geht hin bis zu selbst arbeitenden, selbstfahrenden Computern, die Arbeitsgänge selbstständig erledigen. Und so wie man dann eben die Maschinen schlussendlich programmiert, da spielen natürlich auch immer das Interesse der Technologieanbieter, ob das nun Landmaschinen-Hersteller sind, ob das Dünge-Fabriken sind oder ob das Pflanzenschutzmittel-Hersteller sind, eine große Rolle. Und ich glaube die Digitalisierung kann eine Hilfe sein für die Landwirte, aber das darf den Landwirt als Wissensträger nicht ersetzen. Ansonsten entfernen wir uns tatsächlich sehr stark von der Natur."

Boy Gondesen: "Im Frühjahr, da wird abends dann nicht spazieren gegangen, da krabbelt man dann über den Acker, nimmt einen Spaten mit, guckt mal hier mal da. Man weiß gar nicht genau, was man sucht, aber man bekommt ein Verständnis für den Boden, wo nun diese Kultur angebaut werden soll. Und irgendwie kommt man dann, oder komm ich einfacher zu einer Entscheidung, was ich jetzt mach. Das sieht bestimmt von außen manchmal bisschen skurril aus, aber gut, das ist dann so."  "Und was guckt man dann?" "Wie locker es ist, wie es sich drüber geht, ob es gerade zu trocken ist, zu nass, dann guckt man mal, ob man Regenwürmer findet, nach Flechten, nach Algen, nach Pilzen. Oder ob man auch Bearbeitungsfehler gemacht hat. Meistens findet man die wieder, wo man sich, wenn's dann doch zu nass war, festgefahren hat oder mal zu tief mit der Spatenmaschine gearbeitet hat. Das sind so Sachen, da wächst man über die Jahrzehnte mit seinen Feldern und kriegt ein Gefühl dafür."

Es ist April und Boy Gondesen wird in wenigen Wochen den nächsten Chicorée aussäen. Dann wird er mit seinen Mitarbeitern wieder über den Acker krabbeln und Unkraut jäten. Für andere mag das skurril aussehen, für den Biobauern gibt es dazu keine Alternative.

"Da kann man sich super mit konventionellen Kollegen drüber streiten. Aber die hören mittlerweile auch zu. Vor 20 Jahren wurde man gar nicht wahrgenommen, die Spinner. Aber jetzt wird auch wirklich mal gestritten. Ich find's gut!" 

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