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StartseiteSprechstundeFremde Stimmen im Kopf14.04.2015

StudieFremde Stimmen im Kopf

Besonders in Krimis oder Thrillern trifft man auf sie: Menschen, die Böses tun, weil eine eingebildete Stimme es ihnen befiehlt. Ein Klischee, das nichts mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hat, die es mittlerweile zum Phänomen des Stimmenhörens gibt.

Von Christina Sartori

Eine Frau hält den Kopf in den Händen. (imago / Science Photo Library)
Stimmen im Kopf - nicht jeder muss darunter leiden. (imago / Science Photo Library)
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Mehr als 20 Jahre lang hörte Ulf Kindler Stimmen. Mehrere Stimmen, da konnte er nichts gegen tun. Fast nichts: Gingen seine Stimmen zu weit, hat Kindler durchgegriffen.

"Aber ich kann sagen, dass ich meine Stimmen immer im Griff hatte. Und wenn die –wie soll ich sagen – zu übergriffig wurden, hab ich sie rausgeschmissen. Das hab ich ganz intuitiv gemacht. Ich hab die ganz einfach innerlich rausgeschmissen, angeschrien, einfach gesagt: jetzt ist Sense."

Seit zwei Jahren hört Ulf Kindler seine Stimmen gar nicht mehr. Und ist froh darüber - mittlerweile.

"Ich fühl mich wesentlich besser.  Am Anfang hat mir was gefehlt, irgendwo. Weil ich gehörte nicht zu den Stimmenhörern die ständig so eine Kakophonie hatten von Stimmen. Meine Stimmen waren auch nicht so negativ, nicht immer, also konnten sie auch, aber dann habe ich ihnen Grenzen aufgewiesen und dann waren sie dann auch für eine Weile ruhig und dann weg."

Mindestens einmal pro Woche arbeitet der Berliner ehrenamtlich für das Netzwerk „Stimmen hören“. Zum Beispiel in der Telefonberatung. Daher weiß Kindler: Nicht jeder hat seine Stimmen so im Griff, wie ihm das gelang.

"Viele Stimmenhörer, die hören permanent Stimmen,  das ist teilweise unglaublich. Leute die ständig beleidigt werden, von den Stimmen gesagt kriegen 'Du bist nix wert', 'Du musst dich umbringen'."

Stimmenhören muss nicht unangenehm sein

Die Bandbreite des Phänomens "Stimmen hören" ist groß. Das ergibt auch eine aktuelle Studie der Fachzeitschrift Lancet Psychiatry, in der die Erfahrungen von mehr als 150 Betroffenen ausgewertet wurden. Professorin Dorothea von Haebler von der International Psychoanalytic University in Berlin, und Oberärztin an der Charite sieht in der Studie eine Bestätigung:

"Das ist eigentlich sehr bekannt. Gerade wenn sie zu den Selbsthilfegruppen gehen werden sie merken, da sind viele, die bestehen auf ihren Stimmen, die wollen ihre Stimmen behalten, die empfinden das als einen Teil ihrer selbst und als einen Teil ihres Alltags. Und es gibt eben die Menschen, die es als störend oder beängstigend empfinden, für die das quälend ist, Stimmen zu hören."

Dabei gibt es nicht nur die beiden Extreme: Böse, destruktive Stimmen und Stimmen, die zum Alltag gehören. Und auch die Form der gehörten Stimmen variiert, erläutert Professorin von Haebler:

"Nicht alle die Stimmen hören, haben eine Schizophrenie, das wird in der Umgangssprache häufig so verstanden, aber viele von denen hören Stimmen wie wir es fast auch kennen. Es gibt ein Kontinuum von Stimmen hören, von den inneren Stimmen wie zum Beispiel 'meine innere Stimme sagt mir das und das', das kennen wir alle. Wenn man das jetzt ein bisschen verändert zu 'eine Stimme sagt mir das und das', dann wird es schon nicht mehr ganz der eigene Anteil und je mehr man da von außen hinzugibt, desto mehr wird es dann zur Halluzination und nicht mehr als selbstgesteuert oder eigen erlebt."

Behandlung mit Medikamenten

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Behandlung, sagt die Leiterin des Dachverbandes für deutschsprachige Psychosentherapie.

"Erstmal der Versuch, mit den Stimmen klarzukommen. Das kann man in Selbsthilfegruppen sehr gut machen, da gibt es das, was in letzter Zeit auch wirklich therapeutisch immer mehr angewandt wird in der Psychatrie, die 'peers', also die Erfahrenen, die ganz viel helfen können, weil sie auf Augenhöhe sind. Und dann gibt es Psychotherapie und Medikation."

Das Problem der Medikamente: "Die Medikamente haben erhebliche Nebenwirkungen, so dass da auch die Bereitschaft diese Medikamente wegen des Stimmenhörens einzunehmen wirklich nur da ist, wenn die Stimmen ganz besonders schlimm sind."

Vor allem zwei Nebenwirkungen führen häufig dazu, dass Patienten ihre Medikamente nach einer Weile wieder absetzen: Zum einen dämpfen die Medikamente Empfindungen: Die Lust, der Antrieb, das Erleben – alles wird gedämpft. Zum anderen kommt es in der Regel zu einer Gewichtszunahme. Damit ein Patient trotzdem die Medikamente einnimmt, muss er daher davon überzeugt sein, dass sie ihm helfen, betont von Haebler.

"Und dann kann man das parallel zur Psychotherapie machen und sollte man häufig auch. Also meistens spielt das dann zusammen eben sehr viel besser als eines alleine."

Auch Ulf Kindler hat beides genutzt: Medikamente und Psychotherapie.

"Die kamen dann eigentlich immer seltener, die wurden dann leiser, leiser, leiser mit den Jahren und dann waren sie weg."

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