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StartseiteInformationen am MorgenEin Unternehmen kämpft mit den Folgen der Klimapolitik16.08.2019

Südharz in Sachsen-AnhaltEin Unternehmen kämpft mit den Folgen der Klimapolitik

Das Unternehmen Romonta hat das Ende der DDR nur durch Subventionen überlebt. Von früher 2.200 Mitarbeitern fertigen heute noch 400 Wachs aus Braunkohle. Doch ihre Arbeitsplätze im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt sind abermals bedroht - durch den Kohleausstieg und steigende CO2-Preise.

Von Sabine Adler

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Romonta-Tagebau in Amsdorf (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Romonta-Tagebau in Amsdorf (Deutschlandradio / Sabine Adler)
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Das Erste, was man von Romonta sieht, ist der Schornstein. Daneben ein Kühlturm, ein überdachtes Förderband zu einem Kraftwerk und ein hochhaushohes Gebilde aus  verschlungenen Röhren. Dort auf einem Treppchen die Geschäftsführer Rena Eichhardt und Uwe Stieberitz.

Eichhardt: "Jetzt gehen wir runter, wir kommen runter. Das ist die Extraktionsanlage. Das ist das Herzstück von Romonta. Mein Kollege wird ihnen das ein bisschen erklären."

Stieberitz: "Das ist das Herzstück, der Extraktor. Der ist 20 Meter lang, steht da so da. Die Kohle geht ins Kraftwerk und die Wachslösung geht in die Wachsfabrik zur Weiterverarbeitung."

Von früher 2.200 Mitarbeitern produzieren heute noch 400 vor allem Wachs aus Braunkohle, exakt Montanwachs. Für Schuhcreme, Kosmetik oder Tablettenbeschichtungen. Man kann auch Präzisionsplastikteile aus dem Braunkohlewachs gießen, erklären der Bauingenieur und die Diplomökonomin.

Die Romonta-Geschäftsführer Rena Eichhardt und Uwe Stieberitz (Deutschlandradio / Sabine Adler)Die Romonta-Geschäftsführer Rena Eichhardt und Uwe Stieberitz (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Eichhardt: "Sie sehen da die alten Klinkerbauten, das ist noch alte deutsche Industriekultur. Hier oben ist unsere eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung.

Stieberitz: "Das weiße Silo ist unsere neueste Errungenschaft für die Reduzierung der Quecksilber-Emissionen. Rechts ist unser Kesselhaus. Da stehen vier Kohlekessel und zwei Müllkessel. Und geradezu ist unser Turbinenhaus, da wird unser Strom produziert."

"Knapp 100 Arbeitsplätze geschaffen"

Hinter dem Fabrikgelände erhebt sich ein Hügel, der die Sicht in die Landschaft versperrt. Oben angekommen - die Überraschung.

Autorin: "Ahhh"

Stieberitz: "Das war der sogenannte Ahh-Effekt."

Autorin: "Ja, unglaublich!"

Eichhardt: "Das ist unser Tagebau, ein bisschen kleiner als die anderen."

Stieberitz: "Die Kohle ist da unten, wo der gelbe Dumper fährt. Der Bagger steht dort am Kohleflöz."

Autorin: "Und musste für diesen Tagebau ein Ort weichen?"

Stieberitz: "Nein, keiner. "Da wo die Windmühlen stehen, die gehören dazu und wir haben noch ein großes Solarfeld. Also wir kümmern uns schon."

Autorin: "Wie viele Mühlen stehen da?"

Stieberitz: "13."

Eichhardt: "Wir haben jetzt knapp 100 Arbeitsplätze geschaffen, das muss alles auch wirtschaftlich funktionieren"

Stieberitz: "Wir haben in Sachsen-Anhalt ja in anderthalb Jahren 2021 Landtags- und Bundestagswahlen. Wenn die dafür sorgen wollen, dass das nicht dunkelblau, noch blauer wird, dann müssen sie was tun. Wir reden hier über Industriearbeitsplätze."

Die sind wieder einmal gefährdet. Mit den Dunkelblauen ist die AfD gemeint, stärkste Kraft im Landkreis Mansfeld Südharz bei der Kommunal- und Europawahl im Mai. 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft ziehen neue Wolken auf.

Stieberitz: "Nach der Wende, 1990, war das, was sie hier sehen, ein Schrotthaufen. Das war ja in vielen Betrieben so. Und da musste man viel Fantasie haben, zu sagen: Okay, da kann ich wieder ein blühendes Unternehmen draus machen.

Eichhardt: "Man darf auch nicht vergessen, es gab 1989/90 einen Strukturbruch in der kompletten Industrie der alten DDR. Und ich glaube, es gibt einige Unternehmen, die sich sehr positiv entwickelt haben, auch dank der Treuhand-Anstalt. Also man darf nicht immer nur die negativen Dinge hervorkehren. Also wir haben damals 100 Millionen damals noch für Investitionen auf den Weg bekommen. Das war der Grundstein, dass es hier überhaupt mit Romonta weiterging."

Große Verluste durch Flowtex-Übernahme nach Wende

Doch erstmal verkaufte die Treuhand-Anstalt Romonta an den badischen Flowtex-Konzern, Betrüger. Dessen beiden Gründer, Manfred Schmider und Klaus Kleiser, wurden verurteilt. Sie hatten sich mit Geld und Krediten im Namen des ostdeutschen Unternehmens aus dem Staub gemacht.

Stieberitz: "Dass natürlich diese Misere mit dem Verkauf der Treuhand an die kleinen Ganoven da, dass das passiert ist, das konnte ja keiner ahnen."

Eichhardt: "Wir reden da schon von einem Schaden, das sind um die 60 Millionen Euro, die aus dem Unternehmen einfach abgeflossen sind, ohne das davon überhaupt ein Euro in das Unternehmen investiert worden ist."

Mitabeiter von Romonta  (Deutschlandradio / Sabine Adler)Mitabeiter von Romonta im Landkreis Mansfeld-Südharz (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Schließlich kauften Mitglieder der alten Geschäftsführung Romonta, die Schulden übernahmen sie mit. Und zahlten sie, wie versprochen, bis 2012 zurück. Doch dann schlug das Schicksal wieder zu. 2014 mit einem Bergrutsch im Tagebau, der neu erschlossen werden musste.

Eichhard: "Das war noch mal ein Schaden von 16 bis 18 Millionen Euro. Da haben wir uns jetzt gerade wieder rausgerappelt. Und jetzt kommt das CO2-Thema."

2018 kostete die Tonne CO2 20 Euro. Schon jetzt eine große Belastung für das Unternehmen: pro Jahr neun Millionen Euro. Das sind 15 Prozent des Umsatzes, der rund 60 Millionen Euro beträgt. Die fällige Tariferhöhung konnte nicht gewährt werden. Steigt der CO2-Preis weiter, sieht die Finanzchefin Rena Eichhardt schwarz.

Eichhardt: "Wir haben ja heute schon in den letzten zwei Jahren die Preise steigern müssen, weil der CO2-Preis sich fast verdreifacht hat. Und mit den Aussagen unserer Politik, dass es ja bis 60 oder gar 180 Euro steigen kann, werden wir das nicht mehr auf das Produkt aufschlagen können.

Montanwachsproduktion vor dem Aus

Bisher wird die Kohle, die nach dem Entzug des Wachses übrigbleibt, verstromt. Energie, die der Betrieb selbst nicht verbraucht, wird ins Netz eingespeist. Damit ist Schluss, wenn die CO2-Zertifikate dafür immer teurer werden. Dann muss die Restkohle zurück, sagt Uwe Stieberitz und blickt in Richtung Tagebau.

Stieberitz: "Worst case heißt, dass wir die extrahierte Trockenkohle wieder zurück in den Tagebau schaffen, unverbrannt. Da steckt schon so viel Energie und Geld drin! Das heißt, wir vernichten Werte und schaffen das wieder in den Tagebau. So weit geht das."

Das Nischenprodukt, das die ostdeutsche Firma in alle Welt liefert, wäre futsch.

Eichhardt: "Wir werden uns jetzt hier nicht beide hinsetzen und sagen: Damit geht das Unternehmen in die Grütze. Aber die Montanwachsproduktion hat damit keine Zukunft."

Klimapolitik darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, sagen sie, denen der Treibhauseffekt keineswegs gleichgültig ist, wie ihre Solarfelder und der Windpark beweisen. Ihre besonders wachshaltige Braunkohle reicht bis 2030, dann würden viele hier ohnehin in Rente gehen. Deswegen kämpfen sie für einen Aufschub, für mehr kostenlose Zertifikate.

Dem Klima wäre mit dem Aus bei Romonta vermutlich kaum gedient, die Produktion müsste ins Ausland verlagert werden oder aber man greift auf Ersatzstoffe aus Reispflanzen oder Palmen zurück, für die Monokulturen entstehen bzw. Regenwald abgeholzt wird.

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