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StartseiteTag für TagKirchengemeinde wird erneut zum Corona-Hotspot19.08.2020

SüdkoreaKirchengemeinde wird erneut zum Corona-Hotspot

Nachdem sich ein Pastor und mehrere Gemeindemitglieder Ende Februar im südkoreanischen Seoul mit dem Coronavirus infiziert hatten, wurde die Kirche abgesperrt, religiöse Zusammenkünfte untersagt. Jetzt ist erneut eine Kirchengemeinde zum Superspreader erklärt worden. Die Mitglieder wittern eine Verschwörung.

Von Kathrin Erdmann

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Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums stehen vor der Sarang-Jeil-Kirche in Seoul. (AFP/Jung Yeon-je / AFP)
Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums stehen vor der Sarang-Jeil-Kirche in Seoul. (AFP/Jung Yeon-je / AFP)
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Es beginnt langsam. Am 12. August wird zunächst bei einem Anhänger der Sarang-Jeil-Kirche das Coronavirus festgestellt. Die Kirche gehört zur presbyterianischen Gemeinde, liegt im Norden der südkoreanischen Hauptstadt Seoul und hat schätzungsweise 4.000 Mitglieder.

Gemeindemitglieder glauben an eine Verschwörung

Seit Anfang der Woche ist das Gotteshaus abgesperrt, Behördenmitarbeiter in Ganzkörperschutzanzügen desinfizieren jeden Winkel des Gebäudes. Die Infektionszahlen sind schnell angestiegen. Ein Anhänger wittert eine Verschwörung.

"Erst waren es vier, dann schnell 30. Und je näher der 15. August rückte, an dem wir auf die Straße gehen wollten, umso höher gingen die Infektionszahlen und waren plötzlich bei 300. Das zeigt doch, dass die Regierung dahintersteckt, die uns von unserem Protest abhalten wollte."

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Er wiederholt, was der erzkonservative Hauptpastor und erklärte Regierungsgegner des liberalen Präsidenten Moon, Jun Kwang-hoon, am Wochenende auf der Protestkundgebung im Herzen von Seoul verbreitet. Dass das Virus der Kirche quasi eingeflößt wurde. Mehrere tausend Menschen demonstrieren am vergangenen Sonnabend lautstark gegen die Regierungspolitik. Am Abend wird der Pastor positiv auf das Virus getestet. Für die koreanischen Behörden hat er sozusagen seine Aufsichtspflicht verletzt, weil er und seine Anhänger sich nicht direkt testen ließen, sondern stattdessen erst mal demonstrieren gingen. Seine Anwältin Kang weist das zurück:

"Die Kirche hat die Tests ihrer Mitglieder nicht absichtlich verschleppt. Im Gegenteil hat die Gemeinde vor den Behörden Quarantänemaßnahmen ergriffen. Direkt nach dem ersten Fall hat sie angekündigt, zwei Wochen den Zugang für die Mitglieder zu beschränken."

Doch die Behörden sehen das anders und werfen Jun vor, er habe ihre Arbeit bewusst behindert, indem er Mitgliederlisten zurückhielt. Auch sollen Anhänger in der Kirche gegessen und geschlafen haben. Pastor Jun ist indes kein unbeschriebenes Blatt. Im März saß er wegen Verstoßes gegen das Wahlgesetz kurzfristig in Haft.

"Wir fürchten, dass wir den Ausbruch nicht unter Kontrolle bekommen"

Die Sarang-Jeil-Kirche in Seoul ist im Vergleich zu vielen anderen religiösen Gruppen klein, doch die Behörden haben Angst, dass sich das Szenario vom Februar wiederholt. Damals hatte sich eine Sekte ähnlich verhalten und dem Land mehr als 5000 Coronainfektionen beschert.

Südkorea, Bucheon: Menschen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie mit Covid-19 infiziert sind, warten in einer Coronavirus-Screening-Station in einer Schlange darauf, vom dortigen Gesundheitspersonal in Schutzanzügen und Gesichtsvisieren getestet zu werden. (Yun Hyun-Tae/Yonhap/dpa)Ein unkontrollierter Ausbruch in Seoul könnte für Südkorea eine Katastrophe bedeuten (Yun Hyun-Tae/Yonhap/dpa)

Die Chefin des Koreanischen Seuchenschutzzentrums, Jeong Eun-Kyeong, tritt verständlicherweise mit ernstem Gesicht vor die Presse:

"Wir sehen diese Situation als den Anfang einer größeren Ausbreitung. Wir fürchten, dass wir den gegenwärtigen Ausbruch nicht unter Kontrolle bekommen, was zu einem Zusammenbruch unseres medizinischen Systems führen und einen enormen wirtschaftlichen Schaden nach sich ziehen könnte."

Denn während sich der Ausbruch im Februar auf eine kleinere Stadt bezog, geht es dieses Mal um die Hauptstadt Seoul mit knapp 10 Millionen Einwohnern.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Die Regierung sollte die Kirche abschaffen"

In Südkorea ist etwa jeder Dritte der insgesamt 50 Millionen Einwohner christlichen Glaubens. Das Spektrum reicht von liberal bis ultrakonservativ. Der Einfluss der Kirchen reicht weit, deshalb tut sich die Regierung in der Regel schwer mit Verboten. Dieser Anwohner Seouls wünschte, es wäre anders, wie er einem Reuters Reporter sagt. Er wohnt in der Nähe der geschlossenen Sarang-Jeil-Kirche und sorgt sich:

"Ich gehe nicht mal zu meinen Nachbarn, nicht zum Supermarkt. Die Regierung hat zu spät auf den Coronaausbruch reagiert. Sie sollte die Kirche abschaffen. Ihr Umgang ist zu soft, wir Anwohner haben das Nachsehen."

Immerhin: Demonstrationen sind jetzt erst mal wieder verboten und auch sämtliche Gottesdienste – zumindest jene, bei denen die Menschen direkt in Kontakt kommen.

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