Sumo-Ringen in Japan
Ehemalige Kämpfer finden Arbeit in der Seniorenpflege

Ehemalige Sumo-Ringer bekommen in Japan oft finanzielle Probleme, weil die Fertigkeiten für den Arbeitsmarkt fehlen. Ein ehemaliger Ringer will das ändern und engagiert Ex-Kämpfer in der Seniorenpflege - in Japans alternder Gesellschaft vielversprechend.

Von Felix Lill | 08.07.2023
April 29, 2015 - Tokyo, JAPAN - Sumo wrestlers training in Tokyo, April 29, 2015. Sumo is Japan s national and is one of the most popular spectator sports in Japan. Sumo Wrestlers Training In Tokyo PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAn230April 29 2015 Tokyo Japan Sumo Wrestlers Training in Tokyo April 29 2015 Sumo is Japan s National and is One of The Most popular spectator Sports in Japan Sumo Wrestlers Training in Tokyo PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAn230
Sumo-Ringen hat in Japan eine jahrtausendalte Tradition und gehört heute zum Nationalsport. (imago / ZUMA Press / imago sportfotodienst)
Wenn Hiromi Yamada von seinem typischen Tagesablauf erzählt, dürften viele Japanerinnen und Japaner ihren Ohren kaum trauen: "Die Schicht beginnt um neun Uhr morgens und geht bis 16 Uhr. Zuerst überprüfen wir immer die Gesundheit unserer Klienten. Dann machen wir Gymnastik, lösen Rätsel, singen im Chor…"
Das, was Hiromi Yamada da über seinen Job berichtet, verwundert deshalb, weil der kräftige Mann in Japan einst in anderer Rolle bekannt war. Bis 2007 war er Sumo-Ringer und gehörte damit zu einer gesellschaftlich hochrespektierten Gruppe von Athleten.
Der Sport hat eine jahrtausendealte Geschichte. Seine Ursprünge liegen in der japanischen Religion Shinto. Als Sumo-Ringer verdiente Yamada, damals bekannt unter seinem Kämpfernamen Wakatoba, seinen Lebensunterhalt.

Ehemaliger Kämpfer in der Seniorenpflege aktiv

Heute aber ist er in der Tagespflege für Seniorinnen und Senioren aktiv. "Das, was wir hier machen, ist gar nicht so schwierig. Um eine Personen richtig zu heben, braucht man eine Technik. Aber das kann man alles on-the-job trainieren. Auch, weil man die Fertigkeiten schnell lernen kann, können wir als Betrieb noch wachsen. Das wollen wir auch."
Hiromi Yamada spricht im Plural, weil er nicht allein ist. Yamada ist Angestellter beim Unternehmen Hanasaki, dessen Name in Japan mittlerweile viel Aufsehen erregt. Auch weil es mit Vorliebe auf Sumo-Ringer zurückgreift.

Unternehmen Hanasaki erhält viele Anfragen

Im Nordosten von Tokio pflegt eine Handvoll ehemaliger Ringer jeden Tag alte Frauen und Männer. Das Geschäft laufe gut, berichtet der Unternehmensgründer Keisuke Kamikawa: "Wir erhalten viele Anfragen. Im Moment können wir gar nicht alle berücksichtigen. Vier ehemalige Ringer arbeiten bei uns bisher in der Pflege. Wir haben jetzt schon zwei Zweigstellen. Unser Ruf ist sehr gut."
Den heute 45-jährigen Kamikawa kannte man im ostasiatischen Land einst unter seinem Kämpfernamen Wakatenro. Heute wird Kamikawa von japanischen Fernsehsendern und Zeitungen regelmäßig als Unternehmer interviewt.

Zwei Probleme, eine Lösung

Denn sein Betrieb schlägt praktisch zwei Fliegen mit einer Klappe. Er geht den Pflegekräftemangel an und bietet Ex-Sumo-Ringern neue Verdienstmöglichkeiten: "Für das Leben nach ihrer Karriere erhalten Sumo-Ringer eigentlich keine Unterstützung vom nationalen Sumo-Verband oder dem Sumo-Stall, bei dem sie trainiert haben. Viele versuchen sich deshalb in dem, was sie während ihrer Sportausbildung gelernt haben: Also ein Restaurant zu leiten oder einen Massagesalon. Aber oft haben sie keinen Erfolg, weil ihnen die kaufmännischen Kenntnisse fehlen."
Das Leben eines Sumo-Ringers ist schon früh von Entbehrungen geprägt. Man lebt mit anderen Ringern in einem traditionellen Trainingszentrum, wo geschlafen, gegessen und trainiert wird. Die Novizen bereiten für die Dienstälteren das Essen vor, müssen sie manchmal auch massieren.

Fehlende Fertigkeiten für den Arbeitsmarkt führen zu Geldproblemen

Und weil viele Ringer schon als Teenager bei einem Trainingszentrum anheuern, haben sie zu Ende ihrer Sportlerlaufbahn kaum Kenntnisse für den regulären Arbeitsmarkt. Einen Job als Trainer oder Showstar landen die Wenigsten.
Offizielle Statistiken gebe es nicht. Aber Keisuke Kamikawa schätzt den Anteil der Sumo-Ringer, die nach dem Rücktritt in finanzielle Probleme geraten, auf ungefähr die Hälfte.
Einer von ihnen war jedenfalls Kamikawas Angestellter Hiromi Yamada: "Ja, ich hatte Geldprobleme. Am Anfang arbeitete ich als Securitymitarbeiter und in anderen Bereichen, ich habe alles ausprobiert. Aber das Einkommen war niedrig. Und ich hatte eine Familie zu ernähren. Dann hörte ich davon, dass Herr Kamikawa diesen Pflegebetrieb gegründet hatte. Herr Kamikawa war im Sumo mein Rivale gewesen. Aber wir kannten uns. Und dann hab ich bei ihm angefangen."

Altenpflege hat in Japan Zukunft

Auch wenn im Tagespflegeberuf keine Spitzeneinkommen erzielt werden – immerhin handelt es sich um eine Zukunftsbranche.
Kaum eine Gesellschaft weltweit altert so schnell wie die japanische. Daher ist der Mangel an Pflegekräften kaum irgendwo so groß wie hier. Und dass ausgerechnet einstige Sumo-Ringer hier mit anpacken, gilt als außergewöhnlich.
Das findet jedenfalls die 84-jährige Klientin Frau Osashi, die seit einem halben Jahr jede Woche aus ihrem Pflegeheim in diese Tagesstätte in Tokios Norden kommt: "Es macht immer viel Spaß mit ihnen. Und man fühlt sich in ihren Händen sicher, weil sie so stark sind. Meine Familie wohnt in Chiba, ungefähr eine Stunde entfernt von hier. Sie können mich nicht immer besuchen. Aber wenn ich hier die Tage verbringe, fühle ich mich wohl."

Ehemalige Sumo-Ringer könnten Image der Altenpflege verändern

Der Pflegejob wird in Japan oft mit „3K“ zusammengefasst: kitanai, kitsui, kyuuryou ga yasui – die Tätigkeit sei also: unrein, anstrengend und schlecht bezahlt. Aber wenn sich nun zusehends Sumo-Ringer hier die Hände sprichwörtlich „schmutzig“ machen, könnte der Job an Popularität gewinnen.
Schon wenn dies gelänge, sagt der Ex-Sumo-Ringer und Unternehmer Keisuke Kamikawa, hätte er seine Mission erfüllt: "Ich will mit diesem Betrieb nicht berühmt werden. Ich denke auch gar nicht so sehr ans Geld. Aber ich will Arbeitsplätze für Menschen schaffen, die Jobs brauchen."