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Sven Regener: "Glitterschnitter"Wiedersehen in der Wiener Straße

Sven Regener versammelt in seinem Roman "Glitterschnitter" lauter alte Bekannte rund um seine Kulturfigur Frank Lehmann. Entstanden ist dabei einmal mehr ein Wimmelbild vom Berlin der 1980er Jahre. Oder etwa gleich ein neuer "Ulysses"?

Von Irene Binal

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Der Autor Sven Regener und sein Roman "Glitterschnitter" (Cover: Galiani Verlag / Autorenportrait (c) Charlotte Gollmann)
Mit seinem neuen Buch "Glitterschnitter" taucht Sven Regener wieder ein ins Berliner Leben der 1980er Jahre (Cover: Galiani Verlag / Autorenportrait (c) Charlotte Gollmann)
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Sven Regener: "Das Interessante an "Glitterschnitter" ist halt, dass es ein Kind seiner Zeit ist, wir reden hier über die frühen 80er Jahre, eine Zeit, in der in der Kunst sehr viel experimentiert wurde und in der wirklich alles möglich war und auch fast alles auf Interesse stieß."

Und weil alles möglich ist in diesem Berlin der 80er Jahre wollen Ferdi, Raimund und Karl Schmidt, genannt Charlie, mit ihrer Band "Glitterschnitter", bestehend aus Synthesizer, Schlagzeug und Bohrmaschine, berühmt werden. Ein gutes Sprungbrett wäre die bevorstehende Wall City Noise, ein Musikfestival wie geschaffen für die hoffnungsvollen Nachwuchsmusiker. Die diskutieren allerdings noch darüber, ob man, statt die Bohrmaschine einzusetzen, lieber Eier ins Publikum werfen sollte.

"'Ich finde die Eier-Idee gar nicht so schlecht', sagte Charlie. 'Aber die Bohrmaschine ist besser!'
Ferdi war nicht bei der Sache. Er drehte nachdenklich an den Knöpfen seines Synthesizers herum. 'Versuch und Irrtum', sagte er träumerisch, 'ja, so klingt’s dann auch. Irgendwie gut.'
'Natürlich ist das gut', sagte Raimund.
'Die Bohrmaschine ist unabdingbar, wenn wir auf die Wall City Noise wollen', sagte Charlie. 'Ich meine, das Ding heißt ja nicht umsonst was mit Noise.'"

Dabei ertappt, deutsch zu sein

Kuriose Gestalten, schräge Dialoge und viel Situationskomik: In seinem neuen Roman taucht Sven Regener wieder tief ein in die kleine Welt in der Wiener Straße in Berlin. Frank Lehmann arbeitet als Putzkraft und angehender Milchkaffee-Experte im Café Einfall, wo sich alle treffen: Die Bandmitglieder, die im Café ihr Demoband aufnehmen und begeistert in die Wände bohren, die österreichischen Hausbesetzer der ArschArt-Galerie von nebenan. Der Künstler H. R. Ledigt, der in seinem kleinen Zimmer eine Ikea-Musterwohnung aufbaut, sein Manager Wiemer, der Ledigt überreden will, doch lieber ein Bild für die Wall City Ausstellung zu malen. Chrissie aus Stuttgart, die damit hadert, dass ihre Mutter Kerstin nach Berlin gekommen ist, der neue Kontaktbereichsbeamte, dessen Uniform beinahe zu einer Massenschlägerei führt. Es ist eine bunte Gesellschaft, die sich da zusammenfindet:

Sven Regener: "Für mich hat das ganze Buch so ein bisschen was von so einem Wimmelbild, wo man sieht, wie diese ganzen Leute da zugange sind. So ein bisschen mein "Ulysses" irgendwie. Also wo man sehr stark ins Detail geht, auch in dem wie die Leute denken und handeln und was sie bewegt. Und dabei irgendwie so ein Panorama entsteht, einer Zeit und eines Ortes und einer Haltung der Kunst gegenüber, der Liebe gegenüber, der Familie gegenüber, den Freunden gegenüber."

Gerade mal ein paar Tage umfasst die Handlung des Romans, Tage, die übervoll sind mit Ereignissen. Das Café Einfall wird zum Treffpunkt einer Gruppe von Schwangeren und muss zum Missfallen der Stammgäste vorübergehend rauchfrei bleiben, Glitterschnitter erhält Verstärkung in Form der Saxophon spielenden Lisa, die beste Beziehungen zum Management der Wall City Noise hat, und die Hausbesetzer der ArschArt-Galerie diskutieren in ihrem Plenum darüber, wer ein ganzer und wer nur ein halber Österreicher ist, wobei sich ihr Anführer P. Immel dabei ertappt, zu deutsch zu sein:

"Ich denke zu viel wie ein Deutscher, rief sich P. Immel gedanklich selbst zur Ordnung, obwohl, zur Ordnung, nein, nicht Ordnung, dachte er, Ordnung falsch, nicht Ordnung, Schlamperei, ich muss wie ein Österreicher denken, die Verwirrung war komplett und er gab das Denken ganz auf, das bringt doch nichts, dachte er, das muss doch mal aufhören!"

Skurril, lakonisch, lebensnah

Solche inneren Monologe erinnern tatsächlich ein wenig an "Ulysses", freilich sind sie viel witziger. Hinter dem Humor versteckt sich allerdings ein gewisser Ernst, ein Blick für die schwierigen Aspekte des Lebens. Etwa in der Figur von Chrissies Muttter Kerstin, die damit zurechtkommen muss, dass ihre Tochter ihr eigenes Leben lebt. Oder wenn Sven Regener die langjährige Freundschaft zwischen den Wienern P. Immel und Kacki thematisiert, die langsam brüchig wird. Nicht alles ist nur lustig in Regeners Roman.

Sven Regener: "Wenn man tatsächlich zusammenfassen würde so mit wenigen Sätzen, was da passiert, dann kann man gar nicht unbedingt sagen, dass es eine fröhliche oder eine Happy-end-Geschichte ist, sondern das sind eher Geschichten, denen so eine Melancholie innewohnt. Und das ist eben eigentlich oft nur zu ertragen, indem auch ab und zu mal was Komisches passiert."

Vor allem in den Dialogen zeigt sich Regeners schriftstellerisches Können. Und so wird im Roman nicht nur viel geraucht und Milchkaffee getrunken, sondern vor allem geredet. Skurril sind diese Gespräche, lakonisch und lebensnah:

"‚Was kümmert dich der Umsatz?‘, fragte Karl.
‚Ich mach mir Sorgen um meinen Arbeitsplatz‘, sagte Frank.
‚Moment mal!‘, sagte Chrissie. ‚Das ist mein Arbeitsplatz!‘
‚Okay, ich mach mir Sorgen um Chrissies Arbeitsplatz.‘"

Träumer und Lebenskünstler

So zeichnet Sven Regener ein ebenso humorvolles wie hintergründiges Bild vom Berlin der 80er Jahre. Einem Berlin, in dem sich jeder neu erfinden kann, wie Franks Bruder Freddie an einer Stelle erklärt:

"In Bremen bist du entweder immer schon da und dann geht’s, oder du brauchst ewig, damit die Leute dich akzeptieren. Hier ist das anders, hier kann jeder gleich mitmachen, kein Schwein denkt über dich nach und keiner nimmt dich ernst oder nicht ernst, ernstgenommen zu werden spielt hier überhaupt keine Rolle. Hier sind alle irgendwie gleich unwichtig oder gleich unernst oder wie auch immer."

Es ist ein wilder Roman, schillernd und beweglich, klug und komisch und manchmal nachdenklich. Ein wunderbares Wiedersehen mit alten Freunden aus Sven Regeners Figurenkosmos, und eine Erinnerung an das alte Westberlin, an seine Träumer und Lebenskünstler. Ihnen setzt Sven Regener mit seiner Romanreihe ein Denkmal – und "Glitterschnitter" wird wohl nicht das letzte Buch rund um die Gesellschaft im Café Einfall sein. Denn Regeners Figuren sind nach wie vor höchst agil:

Sven Regener: "Bei mir läuft das ganze Romanschreiben eigentlich nur über die Figuren. Ich denke mir eine Figur aus und dann kommt die Geschichte von alleine, komischerweise. Weil die von alleine loslaufen. Und das ist immer ein gutes Indiz dafür, dass die dann doch sehr lebendig sind."

Sven Regener: "Glitterschnitter", Roman
Galiani Verlag, Berlin 2021.
480 Seiten, 24 Euro.

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