Samstag, 21. Mai 2022

Reformprozess der katholischen Kirche
Wohin führt der Synodale Weg?

Macht und Missbrauch, Sexualmoral und die Stellung von Frauen: Auf der dritten Synodalvollversammlung haben Bischöfe und Laien gemeinsam über Reformen in der katholischen Kirche diskutiert. Während das Präsidium von ersten Erfolgen spricht, fürchten Kritiker, dass tiefgreifende Reformen nicht durchsetzbar sind.

07.02.2022

Vorstandsmitglieder des Synodalen Weges von links nach recht: Thomas Söding, Georg Bätzing, Irme Stetter-Karp sowie Franz-Josef Bode.
Synodalversammlung der deutschen Katholiken (picture alliance/dpa)
Nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens waren die Erwartungen der Kirchenbasis an die dritte Vollversammlung des sogenannten Synodalen Wegs in Frankfurt hoch. Bischöfe, Laien, Priester und Ordensleute diskutierten dort vom 3. bis zum 5. Februar erneut über Schritte im Reformprozess der katholischen Kirche.

Drei Reformpapiere erhielten bei der Versammlung eine deutliche Mehrheit - auch mit klaren Mehrheiten der Bischöfe. Dabei geht es vor allem um die Gleichstellung von Homosexuellen und die Mitbestimmung von Laien. Keiner Person dürfe die Übernahme von kirchlichen Ämtern sowie der Empfang der Priesterweihe vorbehalten werden, weil sie homosexuell veranlagt sei, heißt es in einem Text, der von den Delegierten mehrheitlich beschlossen wurde. In einem weiteren Text wird eine Neubewertung der katholischen Lehre zu ehelicher Liebe und Sexualität empfohlen. In der Debatte wurde mehrfach die Meinung geäußert, dass die katholische Sexualmoral kaum noch etwas mit der Lebensrealität vieler Gläubigen zu tun habe. Konservative Kritiker warnten dagegen davor, die bestehende Lehre zu entwerten. Auch wurden Änderungen im kirchlichen Arbeitsrecht eingefordert. Der persönliche Familienstand sollte ohne Relevanz für eine Anstellung sein, heißt es.
Darüber hinaus sollen Gläubige mehr Mitbestimmungsrechte bei der Wahl der Bischöfe erhalten. Vorgesehen ist ein zusätzliches beratendes Gremium, das mit dem Domkapitel gemeinsam eine Liste geeigneter Kandidaten erstellt, die nach Rom gesandt wird.

Was ist der Synodale Weg?

Der Begriff Synodaler Weg bezeichnet das Reformprojekt der katholischen Kirche, das durch die deutschen Bischöfe im Frühjahr 2019 selbst angestoßen wurde. Anlass dafür war die sogenannte MHG-Studie ("Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz") aus dem Jahr 2018.

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Unter dem Eindruck der Studie erklärten die deutschen Bischöfe auf ihrer Frühjahrsvollversammlung, dass kein Weg an Reformen vorbeiführen könne. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, erklärte am 14. März 2019: "Wir werden Formate für offene Debatten schaffen und uns an Verfahren binden, die eine verantwortliche Teilhabe von Frauen und Männern aus unseren Bistümern ermöglichen. Wir wollen eine hörende Kirche sein. Wir brauchen den Rat von Menschen außerhalb der Kirche".
Die Initiative, die offiziell am 1. Dezember 2019 startete, war ursprünglich auf zwei Jahre angelegt. Wegen der Corona-Pandemie und der Fülle an zu besprechenden Texten wird der Synodale Weg allerdings voraussichtlich bis Anfang 2023 verlängert werden.

Wer sind die Teilnehmenden?

Die Synodalversammlung ist das oberste Organ des Synodalen Wegs und kann Beschlüsse fassen. Sie zählt 230 Mitglieder, die für eine möglichst große Bandbreite kirchlichen Lebens stehen sollen. Ihr gehören die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz, 69 Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) sowie weitere Vertreterinnen und Vertreter geistlicher Dienste und kirchlicher Ämter, junge Menschen und Einzelpersönlichkeiten an.

Welche Themen werden dort besprochen?

Insgesamt gibt es vier große Themenblöcke, die in sogenannte Synodalforen aufgeteilt sind. Die Mitglieder dieser Synodalforen erarbeiten die Vorlagen für die Synodalversammlung.

  • Synodalforum 1: "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag"
  • Synodalforum 2: "Priesterliche Existenz heute"
  • Synodalforum 3: "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche"
  • Synodalforum 4: "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft"
Zum Auftakt der dritten Synodalversammlung in Frankfurt am Main hatte der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Eterovic, die Bischöfe ermahnt, bei ihren Reformbemühungen zwischen parlamentarischen Verfahren und Synodalität zu unterscheiden. Die synodale Kirche verlange die Teilnahme aller, dürfe jedoch nicht mit Parlamentarismus gleichgesetzt werden, sondern sei eine Gabe des Heiligen Geistes und auf das Wort Gottes ausgerichtet. Bezugspunkt bei allem sei der Papst, betonte Eterovic.

Wie werden die Ergebnisse der dritten Synodalvollversammlung bewertet?

Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, haben eine positive Bilanz der dritten Vollversammlung gezogen. Bätzing erklärte, er habe die große Hoffnung auf eine „veränderte Kultur“, die deutlich partizipativer und gerechter sein werde. Irme Stetter-Karp betonte, dass die Versammlung geliefert habe. Mehrere Reformtexte seien nun endgültig verabschiedet worden. Es gebe jedoch keinen Anlass, sich zurückzulehnen. Mit Blick auf die Rolle der Frauen sagte sie, Menschenrechte in der Kirche seien erst dann Realität, wenn es Gerechtigkeit für alle Geschlechter gebe. Man werde sich nicht mit Häppchen zufrieden geben.
Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) schloss sich dem Eindruck an. Die Beharrlichkeit und das Ringen der vergangenen Jahre hätten sich ausgezahlt, sagte die stellvertretende Bundesvorsitzende Agnes Wuckelt. "Die Versammlung hat gezeigt: Die Kirche – und die Mehrheit der anwesenden Bischöfe ­ will die Veränderung und hat jetzt die dringend nötigen Reformen in Gang gebracht."
Kritik am Ausgang der dritten Vollversammlung gab es jedoch von Missbrauchsbetroffenen. Die Anliegen von Opfern hätten bei Gesprächen zwischen Kirchenvertretern und Laien keine Rolle gespielt, bemängelte die Betroffenenorganisation "Eckiger Tisch". Zentrale Forderungen von finanzieller Unterstützung für die Selbstorganisation der Betroffenen oder eine angemessene Entschädigung auf der Grundlage der Experten-Empfehlungen von 2019 seien bei der Synodalversammlung nicht aufgegriffen worden.

Können die Mitglieder überhaupt Reformen beschließen?

Nein. Wie eine normale Synode hat auch der Synodale Weg beratenden Charakter. Das letzte Wort bei einer möglichen Umsetzung der Beschlüsse in ihrem Bistum haben die Ortsbischöfe. Das soll auch die Einheit mit der Weltkirche gewährleisten und einen nationalen Sonderweg verhindern. Über die Umsetzung von Beschlüssen, die eine weltkirchliche Relevanz entfalten, entscheidet der Apostolische Stuhl.
Kirchenrechtler Bernhard Anuth sagte dazu im Deutschlandfunk: "Der Synodale Weg ist als solcher kein Entscheidungsgremium. Kirchenrechtlich gibt es die Rechtsfigur Synodaler Weg nicht." Zwar würden in dem Gesprächsformat Beschlüsse erarbeitet, aber "die Beschlüsse sind an eine doppelte Zweidrittel-Mehrheit gebunden; einmal der Synodalversammlung und dann müssen noch einmal zwei Drittel aller Bischöfe zustimmen."
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Daher warnte Anuth im Deutschlanfunk-Interview vor zu großen Erwartungen: "Die zentralen Themen, auf die gerade viele ihre Hoffnung setzen, sind ohnehin solche, die partikularkirchlich, also in Deutschland, gar nicht entschieden werden können, sondern das geht nur über den Papst, über Rom."
Der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke von der Uni Bonn bezeichnete die Veranstaltung in diesem Zusammenhang als "Potemkinsches Synodal-Dorf": "Die Bischöfe stellen sich hinter Forderungen, von denen sie wissen, dass sie in Rom abgeschmettert werden. Da ist nichts außer Placebo-Beteiligung in einer streng ständemonarchischen Kirche". Es zeige sich auch bei den Fällen sexueller Gewalt in der Kirche, dass die Bischhöfe zynisch und erfolgreich auf Zeit gespielt hätten.

Gibt es Spielraum für Reformen in der katholischen Kirche?

Viele Gläubige und auch Teilnehmende des Synodalen Weges haben Hoffnung, dass sich Reformen innerhalb der Katholischen Kirche durch den Gesprächsprozess anstoßen lassen. Kirchenrechtler Bernhard Anuth sieht dafür keinen Anlass. Er sehe kaum Möglichkeiten für Reformen, sagte er im Dlf: "Die Priesterweihe von Frauen gilt seit 1994 in der katholischen Kirche als unmöglich. Papst Johannes Paul II. hat erklärt, die Kirche habe keine Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Hier ist die Tür zu und der Schlüssel nicht mehr verfügbar." Da sich die katholische Kirche immer wieder auf den Willen Gottes berufe, binde sich das kirchliche Lehramt in einer Weise, dass eine Reform zumindest nicht ohne Selbstwiderspruch möglich sei.
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Auch Norbert Lüdecke, Professor für Kirchenrecht in Bonn, sagte im Deutschlandfunk, der Synodale Weg könne an der ständischen Institution nichts Grundlegendes verändern. "Ich halte das geschlossene System der römisch-katholischen Kirche für nicht reformierbar", sagt der Theologe und Professor für Kanonistik. Auf dem Synodalen Weg, an dem sich viele seiner Kolleginnen und Kollegen beteiligen, herrsche das Prinzip Hoffnung.
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Kurz vor der dritten Synodalversammlung Anfang Februar 2022 hat allerdings mit Reinhard Marx das erste Mal ein Kardinal öffentlich das Pflichtzölibat infrage gestellt. Er sagte der "Süddeutschen Zeitung", dass es bei manchen Priestern besser wäre, sie wären verheiratet. Er sei nicht für die generelle Abschaffung des Zölibats – bezweifle aber, ob das die Grundvoraussetzung sein müsse für jeden Priester. Auch ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp sagte im Deutschlandfunk, zölibatäres Leben habe sicher einen Wert für die katholische Kirche. Es sei jedoch besser, dass Prinzip nicht zwingend mit dem Priesteramt zu verbinden. Man müsse einen Weg finden, der Freiwilligkeit miteinbeziehe. Hier sei der Reformprozess des Synodalen Weges gefragt, erklärte die Präsidentin.
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Claudia Danzer, Gründerin der Initiative "Mein Gott diskriminiert nicht", kritisierte im Oktober 2021 im Dlf zudem die Diskrimierung von queeren Menschen in der katholischen Kirche. Das zeige auch das Segnungsverbot. Ob gemeinsame Positionen in Zukunft möglich sind, sei fraglich. Ein erster Schritt wäre eine Anerkennung von Pluralität in der Theologie, meint Danzer.
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Ende Januar 2022 haben sich queere Menschen, die für katholische Einrichtungen arbeiten, im Rahmen der Initiative #OutinChurch an die Öffentlichkeit gewandt. Sie fordern unter anderem eine Überarbeitung der arbeitsrechtlichen Bestimmungen für Mitarbeitende in katholischen Einrichtungen, damit diese keine Kündigung fürchten müssten. Der Begriff "queer" ist ein Oberbegriff für nicht-heterosexuelle Menschen.
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Kritiker des Synodalen Wegs

Es gibt eine Reihe von konservativen Kritikern, die sich um den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer versammelt haben. Zu ihnen zählen auch der Kölner Erzbischof Woelki und Kurienkardinal Kasper.
Voderholzer hatte sich in seinen Redebeiträgen gegen Reformen gestellt - und mit Aussagen zum Münchner Missbrauchsgutachten für Empörung gesorgt. Voderholzer hatte gesagt, ihm komme zu kurz "dass 1973 die Strafrechtsreform Kindesmissbrauch nicht mehr als Verbrechen eingeschätzt hat, und zwar auf der Basis von sexualwissenschaftlichen Urteilen, die davon ausgehen, dass für die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind, als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle". Der verharmlosende Satz über Kindesmissbrauch wurde scharf kritisiert. Voderholzer entschuldigte sich danach für seine Äußerungen.
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Bereits zuvor hatte der Bischof bei einer Predigt im Regensburger Dom beklagt, der Verweis auf sexuellen Missbrauch werde "von interessierter Seite" als Ausgangspunkt für eine "Umgestaltung der katholischen Kirche nach dem Vorbild evangelischer Kirchenordnungen" genutzt. Dort bedeute "Synode" etwas anderes als in der katholischen Kirche, "nämlich eine Art Kirchenparlament", so Voderholzer im Regensburger Dom. Der Geistliche wendet sich also gegen eine Demokratisierung der katholischen Kirche.
Dazu Kirchenrechtler Bernhard Anuth im Deutschlandfunk: "Die katholische Kirche versteht sich aufgrund göttlicher Stiftung als hierarchisch verfasste Kirche. Und die Unterscheidung zwischen den beiden Ständen der Kleriker, also der Geweihten und der Laien, gilt in der Kirche als gottgewollt, insofern also unveränderbar. Eine Demokratisierung der Kirche mit gleichem Stimmrecht aller, mit einer parlamentarischen Repräsentation, ist nach dem lehramtlichen Selbstverständnis der Kirche unvorstellbar. Dann wäre die katholische Kirche ihrem Selbstverständnis nach nicht mehr die, die Christus gewollt und gestiftet hat."
Quellen: KNA, epd, dpa, Deutsche Bischofskonferenz, synodalerweg.de, Deutschlandfunk, vsc