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Syrien
Die Rolle der PKK in den Kurdengebieten

Ankara bestreitet den Angriff auf kurdische Volksverteidigungseinheiten in Syrien. Doch die militärischen Verbände der Kurden dort sind für die Türkei nichts anderes als PKK-Einheiten auf der anderen Seite der Grenze. Ihr Geländegewinn zulasten der Terrormiliz IS weckt das türkische Misstrauen.

Von Clemens Verenkotte | 27.07.2015

    Die Kurden bilden die Bevölkerungsmehrheit im Norden Syriens. In einigen Städten im Norden des Landes hat die kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) die Macht übernommen. Die PYD ist der syrische Ableger der türkischen PKK.
    Kurden demonstrieren auf einer Straße in der nordsyrischen Stadt Qamischli. (picture alliance / dpa / Christophe Petit Tesson)
    Die Angaben sind widersprüchlich: Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sowie der kurdischen Volksverteidigungseinheiten melden übereinstimmend, dass türkische Panzer in der vergangenen Nacht die von Kurden kontrollierte Grenzortschaft Sur Magdar beschossen hätten. Später sei auch ein weiteres Dorf von der türkischen Armee mit Artilleriefeuer belegt worden. Die türkische Regierung hingegen ließ erklären, das Militär habe diese Ortschaften nicht beschossen.
    Ein Angriff der türkischen Streitkräfte auf die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien hätte eine andere politische Dimension als die Luftschläge türkischer Kampfflugzeuge auf mutmaßliche PKK-Lager im Norden des Irak. Anwohner nahe der Stadt Dohuk, rund 20 Kilometer nördlich von Mosul, bestätigten am Sonntag diese Angriffe mit den Worten:
    US-geführte Anti-IS-Allianz sichert kurdischen Vormarsch ab
    "Gestern abend gegen 23 Uhr kamen türkische Kampfflugzeuge und haben unser Dorf mit 10 Raketen getroffen. Wir und unsere Kinder hatten große Angst. Sie haben sogar unsere Waffenvorräte bombardiert. Wir danken unserer Regierung und unserem Parlament, dass sie dieser Situation ihre Aufmerksamkeit schenken, aber wir wissen momentan nicht, dass sie in der Sache tun wollen."
    In der sehr komplexen syrischen Bürgerkriegslage verlaufen nach dem Eingreifen der Türkei die wechselhaften Allianzen noch unübersichtlicher als bislang schon: Für die US-Regierung sind die kurdischen Volksverteidigungseinheiten im Norden Syriens die einzigen schlagkräftigen Verbände, die gegen die Terrororganisation IS erfolgreich vorgehen können. Die US-geführte Anti-IS-Allianz bombardiert seit Monaten Ziele in Syrien, um den Vormarsch der kurdischen Volksverteidigungseinheiten aus der Luft abzusichern.
    Für die türkische Regierung stellen die militärischen Verbände der Kurden in Syrien nichts anderes als PKK-Einheiten auf der anderen Seite der Grenze dar. Die Geländegewinne der Kurden im Norden Syriens zulasten der Terrormiliz IS wecken das tiefe Misstrauen Ankaras, die Kurden könnten aus dem syrischen Bürgerkrieg gestärkt hervorgehen und ihr Streben nach Autonomie, beziehungsweise Eigenstaatlichkeit, in die Tat umsetzen.
    Kurdische Volksverteidigungseinheiten drängen IS zurück
    Syriens Machthaber Bashar al Assad, dessen Vater 1998 die PKK in Syrien verbieten ließ und damit seine Beziehungen zu Ankara deutlich verbesserte, überließ dem politischen Arm der Kurden in Syrien, der Partei der Demokratischen Union, 2012 die nördlichen Landesteile zur autonomen Selbstverwaltung.
    Als die IS-Terrormilizen im Spätsommer 2014 die Grenzstadt Kobane angriffen, gelang es den kurdischen Volksverteidigungseinheiten, unterstützt von der US-Luftwaffe und später von kurdischen Perschmerga-Verbänden aus dem Nordirak, die Belagerung zu durchbrechen und die IS-Terrormiliz zu schlagen. Bis Ende Juli konnten die kurdischen Volksverteidigungseinheiten weiter nach Süden und Osten vorstoßen, bis auf rund 35 Kilometer vor Raqqa, der selbsterklärten Kapitale des sogenannten Islamischen Staates.