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StartseiteTag für Tag"Wir sollten die religiöse Brille absetzen"29.08.2016

Syrien"Wir sollten die religiöse Brille absetzen"

Aus Syrien kommen die meisten Geflüchteten. Die wenigsten Deutschen wissen, wie dort der Alltag vor dem Krieg aussah. Die wenigsten Syrer wiederum haben ein realistisches Bild von Deutschland. Kristin Helberg, Korrespondentin in Damaskus, hat ein Buch über "Verzerrte Sichtweisen" veröffentlicht. Sie kritisiert: "Was der einzelne Muslim tut, tut er aus unserer Sicht immer nur, weil er Muslim ist."

Kristin Helberg im Gespräch mit Christiane Florin

Die deutsche Autorin und Politikwissenschaftlerin Kristin Helberg. (Jan Kulke)
Die deutsche Autorin und Politikwissenschaftlerin Kristin Helberg (Jan Kulke)
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Christiane Florin: Das Foto des syrischen Jungen hat jeder noch vor Augen: Er sitzt in einem Krankenwagen, das Gesicht blutig, der Blick apathisch. Da ging uns der Krieg in Syrien plötzlich ganz nah. Was der Junge aus Aleppo durchlitten hat, das haben viele erlebt, die aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind.  Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer, Muslime und Christen. Syrien belegt  – wie es im Hitparadensprech der amtlichen Asylbewerber-Statistik heißt – Platz eins unter den Herkunftsländern, etwa jeder dritte Antrag auf Asyl wird derzeit von einem Syrer, einer Syrerin gestellt, nach Angaben des BAMF. Keine Statistik habe ich darüber, wie viele Deutsche schon einmal in jüngster Zeit einem Menschen aus Syrien persönlich begegnet sind. Aber sollte dieser Fall eintreten, ist es ganz gut, auch in Deutschland etwas über den syrischen Alltag, über Gewohnheiten und Wertvorstellungen zu wissen. Ich bin nun verbunden mit Kristin Helberg. Sie ist Journalistin, hat lange in Damaskus gelebt und ist mit einem Syrer verheiratet. Sie hat mehrere Bücher über Syrien geschrieben, ihr neuestes heißt "Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns".  Darin beschreibt sie den syrischen Alltag vor dem Krieg, was in der Gesellschaft wirklich zählt und was das fürs  Zusammenleben mit Geflüchteten hier in Deutschland bedeutet. 

Der Syrer an sich,  - das ist schon klar – den gibt es so wenig wie den Deutschen an sich. Und trotzdem, lassen Sie uns ein bisschen verallgemeinern. Wenn Syrer zum ersten Mal in Deutschland sind, was fällt ihnen auf, positiv und negativ?

Kristin Helberg: Die meisten Syrer, die hier ankommen haben Schreckliches erlebt, nicht nur in Syrien. Seit fünf Jahren Krieg und Gewalt. Sie haben alles verloren, ihr Zuhause und enge Verwandte. Sie haben eine schreckliche Flucht hinter sich: die Balkanroute und das Mittelmeer. Und sie sind im ersten Moment sehr erleichtert und sind froh es bis nach Deutschland geschafft zu haben.

Und dann setzt in gewisser Weise eine Ernüchterung ein. Vor allem, wenn es so lange dauert mit Asylverfahren, wenn sie in Notunterkünften lange ausharren müssen.  Es gibt immer noch Menschen in Turnhallen in Deutschland. Dann kommt der Blick auf den Alltag und die Syrer sehen, die Deutschen haben es alle so eilig die Deutschen. Die rennen durch die Städte und die Supermärkte, man redet nicht miteinander und grüßt sich nicht. Es wird wenig kommuniziert aus Sicht der Syrer. Wenn man sich verabreden möchte, muss man das selbst unter Freunden zwei Wochen vorher ausmachen. Das ist schon einmal ein großer Schock.

"Menschliche Wärme fehlt"

Syrer sind es gewohnt, miteinander zu interagieren, zu plaudern, sich auszutauschen. Es ist menschliche Wärme, die dann hier fehlt. Das wirkt sehr anonym auf sie. Und dann ist unsere ganze Lebensart, mit Körperkontakt zwischen den Geschlechtern,  der ist ungewöhnlich für Syrer. In Syrien umarmen sich Frauen sehr herzlich. Auch Männer küssen sich untereinander sehr herzlich, aber zwischen den Geschlechtern ist man deutlich zurückhaltender. Das ist dann ein Schock, wie wir das in der Öffentlichkeit leben.

Florin: Das Geschlechterverhältnis ist das Klassikerthema. Wir sind hier emanzipiert und diejenigen, die da kommen, sind Machomänner und unterdrückte Frauen  - so ist das Klischee. Wie muss ich mir das Leben einer emanzipierten syrischen Frau vorstellen?

Helberg: Eine emanzipierte syrische Frau kann auch ein Kopftuch tragen. Damit fängt es schon mal an. Nicht jede Kopftuchträgerin ist unterdrückt. Sie haben natürlich recht, dass die Syrer aus einer patriarchalischen Gesellschaft kommen. Das heißt, die Männer leben auf Kosten der Frauen, weil es so bequem ist sich immer bedienen zu lassen. Das ist bei uns auch noch nicht so lange her. Das hat aber weniger mit Religion zu tun, denn wenn ich das bei muslimischen Freunden erlebt habe und die sagen "Ja so ist das so bei uns im Islam" und ich frage wo das eigentlich steht, dann wissen die das auch nicht so genau. Und dann gehe ich  in die christliche Familie in Syrien, dann gehe ich zu einer alawitischen Familie, zu einer drusischen Familien - und überall ist es das gleiche Bild. Also wir haben es mit einer  patriarchalischen Gesellschaft zu tun, unabhängig von der Religion.

Eine emanzipierte, syrische Frau hat womöglich studiert, hat einen Beruf und dennoch ist sie in erster Linie auch zuständig für den Beruf und die Kinder. Das war ja bei uns in der ersten Generation der studierenden Frauen nicht anders. Es ist die klassische Doppelbelastung. Die Frau darf studieren, darf auch beruflich dazuverdienen, aber zuhause muss sie zu Hause "alles im Griff haben". Und das wird vielen syrischen Frauen auch so gehen, selbst wenn sie berufstätig sind und arbeiten.

Florin: Wie muss ich mir das Leben des dazugehörigen emanzipierten Mannes vorstellen? Wie viel Prozent der Syrer sind moderne Männer?

Frau als Objekt der Begierde

Helberg: Das kann ich schlecht in Zahlen ausdrücken. Die Tendenz ist schon, dass der Mann das Gefühl hat in öffentlichen Belangen, oder was die Familie nach Außen betrifft, eher das Sagen zu haben. Die Frau wird wahrgenommen mit diesem Ehrbegriff, das kennen wir hier ja auch. Andersherum müssen wir sagen, dass unsere Gesellschaft die Frau auch immer noch zum Objekt macht. Bei uns ist die Frau oft Objekt der Begierde. Auch in ihrer öffentlichen Darstellung. Wir müssen uns klarmachen, dass wir bis zu einem gewissen Grad unglaubwürdig sind, wenn wir die Frau als Sexualobjekt darstellen in der Werbung, in Spielshows, wo Frauen nur nett aussehen sollen, hübsch aussehen sollen. Es ist unglaubwürdig den Geflüchteten gegenüber zu sagen, Frauen seien hier selbstbestimmt und gleichberechtigt.

Das Patriarchat macht die Frau zum Objekt der Ehre, was sie im öffentlichen Raum auch schützt. Die Frau ist da kein "Freiwild". Wenn wir von sexueller Belästigung reden, dann hat das gar nicht damit zu tun, dass die Frau Objekt der Ehre ist. Das würde erst recht dagegen sprechen, dass man sie in der Öffentlichkeit belästigt. Und auch unser Bild in der Öffentlichkeit, der Alltagssexismus passt nicht ins Jahr 2016. Wir müssen beides Überwinden und dürfen es uns da nicht zu leicht machen, sondern gucken: "Was möchten wir vermitteln und wie glaubwürdig sind wir dabei?"

Florin: Meinen sie, dass das Leben hier das traditionelle Geschlechterverhältnis für Syrer verändern wird?

Helberg: Bestimmt. Ich beobachte, bei jedem Mensch, der hier herwandert, egal ob freiwillig oder unfreiwillig, dass die Gesellschaften in Europa etwas mit dieser Person machen. Dass man Dinge in Frage stellt, dass man sieht, wie es andere machen, dass man Dinge toll findet, auch positiv davon überrascht ist. Das Hauptproblem ist, dass die Männer tatsächlich nicht nur theoretisch davon überzeugt werden müssen, dass die Frauen gleichberechtigt sind. Das sagen zum Beispiel ganz viele säkulare Männer aus Syrien. Das  sind meistens die schlimmsten Vertreter, die dann über Frauenrechte  schwadronieren und so Linksgerichtete, die sich dann Zuhause trotzdem wie ein Pascha aufführen. Die Verbindung von theoretischer Überzeugung und Umsetzung ist in der in der Praxis im ersten Moment, für den Mann verbunden mit ein bisschen Unbequemlichkeit: nämlich wirklich mit anzupacken und wirklich auf Augenhöhe zu besprechen, wer macht hier eigentlich was. "Wer räumt die Spülmaschine aus, wenn beide arbeiten gehen? Wer holt die Kinder ab?" Das ist schon ein Prozess, der braucht Zeit. Aber das wird sich bis zu einem gewissen Grad anpassen.

"Wir neigen dazu, die Religion zu überschätzen" 

Florin: Sie schreiben einerseits, dass alle Seiten im Syrienkonflikt die Religion bemühen. Religion spielt also eine große Rolle. Andererseits plädieren sie dafür, Religion im Alltag nicht überzubewerten. Wie passt das zusammen?

Helberg: Wir neigen dazu, mit Bezug auf den Islam, die Religion zu überschätzen. Und zwar in doppelter Hinsicht. Was der einzelne Muslim tut, tut er aus unserer Sicht immer nur, weil er Muslim ist. Also irgendein Marokkaner, der Taschendiebstahl begeht, ist ein muslimischer Dieb. Oder ein Kosovoalbaner, ein Bosnier, der eine Straftat begeht, macht das, weil er ein Muslim ist. Wir führen alles immer nur auf die Religion zurück bei den Muslimen. Das machen wir umgekehrt nicht. Wenn wir beim Klischee bleiben und ein Pole klaut ein Auto, dann ist das kein christlicher Autodieb. Und ein bayrischer Bankräuber ist auch kein christlicher Verbrecher. Aber beim Islam neigen wir immer dazu.

Da würde ich dafür plädieren, dass Muslime Dinge tun, nicht einfach nur, weil sie Muslime sind. Auch Muslime tun Dinge, weil sie gebildet oder ungebildet sind, arm oder reich, sozialen Aufstieg erfahren haben oder diskriminiert wurden.  Wir müssen das differenzierter betrachten, um es zu verstehen.

Die zweite Überschätzung betrifft ganze Gesellschaften und Länder. Wir betrachten die Länder der arabischen Welt und sagen: "Na klar, der Islam ist nicht demokratiefähig. Guckt euch die Königreiche, Diktaturen und Konflikte an. Das liegt alles daran, dass die da den Islam leben." Das verstellt auch wieder unseren Blick auf die Realität. Denn in Wirklichkeit haben wir noch viele andere Faktoren: sozioökonomische, westliche Außenpolitik, koloniale Grenzziehung. Viele andere Dinge, die wir auch in anderen Weltteilen gelten lassen. Nur wenn Islam eine Rolle spielt, dann setzten wir unsere religiöse Brille auf. Die sollten wir absetzen.

Florin: Aber wird nicht Religion in der Fremde wichtiger, als sie es in der Heimat war?

Helberg: Nicht unbedingt. Im ersten Moment mag man sich daran klammern. Aber vielleicht ist es auch gar nicht die Religion, an die man sich klammert, sondern an ein konservativeres Verständnis von Alltag oder die eigene Kultur, das eigene Essen, das man versucht weiter nachzukochen, um sich ein bisschen Heimatgefühl zu erhalten. Wir müssen uns klarmachen, dass die Syrer, die jetzt kommen, nicht freiwillig hier einwandern, sondern tatsächlich geflohen sind und die meisten das erste Mal ihr Land verlassen haben. Sie sind zum ersten Mal in einem Land außerhalb des eigenen Kulturkreises und entsprechend versucht man sich auch die eigene Heimat wach zu halten. Nicht nur, indem man sich an Religion klammert.

Aber es wäre hilfreich, wenn wir unser vom Grundgesetz her und von der Verfassung her eigentlich entspanntes Verhältnis zur Religion, zu allen Religionen, die gleichberechtigt sind und die der Staat auch gleichermaßen fördern soll, sogar, laut Interpretation des Verfassungsgerichtes, wenn wir das gerade in diesen Zeiten erhalten. Denn die hierlebenden Muslime, die vier Millionen, die ja schon in Deutschland leben und die gut Integriert sind, das sind die Brückenbauer, die wir ganz dringend brauchen. Die sollten wir jetzt nicht in die Innere Migration treiben, indem wir Burkadebatten führen, Burkinidebatten führen, Schweinhälften vor Moscheen ablegen und Frauen mit Kopftuch skeptisch betrachten. Sondern wir sollten genau diesen Muslimen klar machen: Ihr gehört hierher. Ihr seid ein Teil von uns und bitte seid an unserer Seite, wenn wir jetzt versuchen die vielen Geflüchteten zu integrieren, die in der Mehrheit Muslime sind.

Florin: Wie viel Anpassung wurde von Ihnen in Syrien erwartet?

Helberg: Ich hatte es sehr leicht in Syrien als Deutsche oder als Europäerin, weil man sehr willkommen ist. Erstmal gab es sehr wenige Menschen, aus dem Westen die dorthin kamen. Man dachte natürlich erstmal, man bringt irgendetwas mit, man ist interessiert. Ich bin ja auch freiwillig dorthin gegangen. Ich war auf der Suche nach etwas Neuen, etwas Fremden. Das ist eine ganz andere Ausgangsposition als für die Geflüchteten, die zwangsweise hierher kommen. Ich fand es nicht so schwierig. Man zieht sich etwas konservativer an in der Öffentlichkeit. Aber ich konnte mich als Journalistin gut bewegen, abgesehen von den Einschränkungen durch das autoritäre Assad-Regime. Ansonsten fühlte ich mich in der Gesellschaft sehr wohl, auch als Frau respektiert. Ich habe dort alleine gelebt und hatte das Gefühl, dass man mich sehr willkommen heißt und mir das Gefühl der Sicherheit gibt. Also ich habe keine negativen Erfahrungen macht mit blöder Anmache oder solchen Dingen, sondern haben mich dort sehr heimisch gefühlt. Wenn man sich an ein paar Grundregeln des konservativen Miteinanders hält, konnte man dort sehr gut leben.

Kristin Helberg: "Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns: Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land "
272 Seiten, Herder Verlag, 24,99 €. 
ISBN: 978-3-451-31157-4

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